Standort D Die Rückkehr der Reumütigen

Die Welle der Jobverlagerungen ins billige Ausland scheint eingedämmt. Einige Unternehmen kehren sogar wieder zurück oder verlegen Arbeitsplätze gezielt nach Deutschland. Das liegt zum Teil an der neuen Attraktivität des hiesigen Standorts - aber auch an den Risiken der Abwanderung.

Hamburg - Früher ließ der Süßwarenhersteller Katjes Fassin seine Bonbons in Italien und Finnland herstellen. Doch diese Werke wurden Mitte des vergangenen Jahres dichtgemacht. Das Unternehmen hat die Arbeitsplätze verlagert - nach Deutschland.

Im Oktober nahmen 60 Mitarbeiter die Produktion in der nagelneuen, zwölf Millionen Euro teuren Fabrik in Potsdam auf. Dort rollen seither Granini-Bonbons, Gletschereis und sonstige Leckereien vom Band. Nach der Übernahme mehrerer Bonbonmarken verfüge man über die ausreichende Kapazität für eine eigene Fertigung in Deutschland, erklärt Katjes-Sprecher Heiner Wolters. "Hier haben wir auch die Qualität besser unter Kontrolle". Inzwischen produziert Katjes ausschließlich in Deutschland. In Ländern wie Polen oder Tschechien befinden sich lediglich Vertriebsstandorte.

Früher wurde ein Betrieb, der weiterhin erbittert im Hochlohnland produzierte, als schrulliger Außenseiter belächelt. Die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen holen sich manche Unternehmen gezielt Produktionskapazitäten nach Deutschland. Stiebel Eltron, international agierender Hersteller von Warmwasser- und Heizgeräten, hat vor wenigen Wochen die Kunststofftechnikfertigung einer aufgekauften slowakischen Firma nach Eschwege verlagert.

Im dortigen "Kompetenzzentrum Kunststofftechnik" werden Technologie und Know-how gebündelt. Dadurch ist zwar nur eine Handvoll neuer Arbeitsplätze entstanden, doch zweifellos wurde das Werk in Hessen mit seinen rund 200 Beschäftigten gestärkt.

Gewiss, solche Maßnahmen können mehrere Gründe haben - die Konzentration von Kapazitäten zum Beispiel. Oder auch die Hinwendung zum wichtigsten Absatzmarkt. Fest steht jedoch: "Der Trend zur Stellenverlagerung ist gestoppt." Das erklärt Frank Wallau, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn. Doch damit nicht genug: "Es gibt sogar Anzeichen für eine Rückverlagerung".

"Kein Grund abzuwandern"

"Kein Grund abzuwandern"

Das hängt damit zusammen, dass der Standort D hart an seiner Attraktivität gearbeitet hat. Beschäftigte hielten sich mit Lohnforderungen zurück, die Arbeitgeber steigerten gleichzeitig ihre Produktivität. Somit sanken die Lohnstückkosten. Die Folgen sind unübersehbar: Die Gewinne steigen, die Konjunktur erholt sich. "Da gibt es keinen Grund mehr, ins Ausland abzuwandern", so Wallau.

Auch Axel Nitschke, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), erklärt: "In den letzten Jahren hat der Druck, Jobs zu verlagern, nachgelassen." In der deutschen Industrie sind nach DIHK-Schätzungen im vergangenen Jahr zwar 50.000 Stellen ans Ausland verloren gegangen. Dabei handelte es sich vor allem um einfache Tätigkeiten, die laut Nitschke noch immer stark von ausländischer Konkurrenz bedroht sind. Gleichzeitig entstanden hierzulande jedoch rund 60.000 neue Jobs. Erstmals seit dem Jahr 2000 wurden damit mehr Stellen geschaffen als durch Abwanderung vernichtet.

Gerade mittelständische Unternehmen scheinen von Auslandsplänen verstärkt Abstand zu nehmen. Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), erkennt "ein klares Bekenntnis unserer Mittelständler zum Standort Deutschland". Nur noch 1,6 Prozent der Unternehmer wollen Arbeitsplätze ins Ausland verlegen - im Vorjahr waren es immerhin noch 3 Prozent. Das ergab eine Umfrage von BVMW und Uni Marburg, die Anfang Januar veröffentlicht wurde. Lediglich 0,6 Prozent der Mittelständler planen eine Auslagerung der kompletten Produktion (Vorjahr: 2 Prozent).

Auch der Umfang der Investitionen in Produktionsanlagen in Deutschland hat wieder zugenommen: "Die Zeit der Kapazitätsschrumpfungen ist erst einmal vorbei", sagt Klaus Schrader, Experte für die EU-Osterweiterung und Globalisierungsfolgen beim Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Häufig steckt hinter der Rückbesinnung auf das Heimatland auch ein schlichtes Scheitern der Auslandsstrategie. In den 90er Jahren ließen sich viele Unternehmen von den niedrigen Löhnen in Ländern wie Tschechien, Polen, Ungarn oder der Slowakei locken. Sie nutzten diese Länder häufig als verlängerte Werkbänke für die arbeitsintensive Produktion, aber auch als zusätzliche Standbeine für eine Expansion.

Schlecht vorbereitet

Schlecht vorbereitet

"Nur wegen niedriger Lohnkosten nach Mittel- und Osteuropa zu gehen, ist blauäugig und geht schief", erklärt Schrader. Sicher, Beschäftigte östlich der hiesigen Landesgrenze arbeiten im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen noch immer für Hungerlöhne.

Doch sukzessive steigen die Entgelte und gleichen sich dem westeuropäischen Niveau an. Fazit: Um auf lange Sicht Kosten zu sparen, muss ein Unternehmen immer weiter wegziehen. Nach Rumänien, Bulgarien - oder gleich nach China.

Zahlreiche Firmen, darunter insbesondere Mittelständler, waren in der Vergangenheit schlecht auf das Engagement jenseits der Landesgrenzen vorbereitet - und bereuten den Schritt bald. Mal produzierten die Mitarbeiter an den ausländischen Standorten minderwertige Qualität, mal brauchte die Lieferung viel zu viel Zeit.

Einige Unternehmen sind schlicht an Sprachbarrieren und kulturellen Differenzen gescheitert, vor allem bei Engagements außerhalb von Europa: "Man kann die deutsche Mentalität nicht einfach nach Indien oder China transferieren", sagt Mittelstandsexperte Wallau.

Manche Länder entpuppen sich nachträglich als ungeeignet für die Wachstumsstrategie eines Betriebs. Vergangenes Jahr hatte sich das Hamburger Familienunternehmen "Desitin Arzneimittel" aus Lettland und Litauen zurückgezogen. Das Engagement hatte sich nicht gelohnt. Zu wenige Kunden leben in den kleinen Ländern, zu niedrig liegen dort die Preise für Pharmaprodukte. In Osteuropa investiert der Arzneimittelbetrieb jedoch weiterhin.

Erster Schritt Österreich

Erster Schritt Österreich

Betroffene Unternehmen sprechen nicht gern über Probleme im Ausland. Zu groß ist die Sorge vor Häme. "Einige Mittelständler kehren schon wieder reumütig nach Deutschland zurück", sagt BVMW-Präsident Ohoven.

Manch mittelständischer Betrieb schielt laut Wallau etwas zu euphorisch auf neue Wachstumsmärkte. Dabei gerate in Vergessenheit, dass nach wie vor mehr deutsche Exporte nach Österreich als etwa nach China oder Indien gingen. Wer Interesse am Ausland hat, so der IfM-Forscher, solle sein Glück erst einmal beim deutschsprachigen Nachbarn versuchen. "Wenn Unternehmen dort erfolgreich sind", erklärt Wallau, "können sie immer noch in weiter entfernte Märkte eintreten und expandieren."

Wo Mittelständler sich noch schwertun, haben Konzerne längst Fuß gefasst. Für den Globalisierungsexperten Schrader vom IfW liefert Volkswagen ein positives Beispiel für funktionierende internationale Produktionsnetzwerke. Von Portugal bis Ungarn konkurrieren allein in Europa elf Länder ständig um die Pkw-Produktion. Wer am effizientesten und billigsten produziert, erhält den Zuschlag. Wer dagegen hinterherhinkt, verliert lukrative Aufträge - wie jüngst das VW-Werk in Brüssel. Stattdessen soll der Golf künftig in Wolfsburg gebaut werden. Aus Kostengründen.

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