M&A-Studie Deutschland Merger Victims

Deutschlands Unternehmenslandschaft bleibt auch nach Mega-Deals wie dem Kauf von BOC durch Linde oder von Schering durch Bayer in Bewegung. Allerdings fällt die Bilanz für die Aktionäre oft genug negativ aus. Nach einer Studie des Wirtschaftsprüfers Ernst & Young entwickelt sich jede zweite Transaktion zum Wertvernichter.
Von Rita Syre

Frankfurt am Main - 2006 könne der Markt für Fusionen und Übernahmen in Deutschland wieder Rekordstände wie zur Jahrtausendwende erreichen, jubelte unlängst die US-Investmentbank Morgan Stanley . Ob allerdings auch die Aktionäre immer einen Grund zum Jubeln haben, ist mehr als fraglich. Um genau zu sein: Bei der Hälfte der Deals wohl nicht. So lautet das Ergebnis einer Untersuchung von Ernst & Young.

Die Wirtschaftsprüfer haben 189 Transaktionen börsennotierter Unternehmen aus den vergangenen 14 Jahren anhand von Kennziffern wie Börsenwert, Rendite auf das eingesetzte Kapital sowie Gewinn vor Steuern und Abschreibungen analysiert. Ergänzt wurde die Untersuchung durch eine Befragung von 147 Gesellschaften und 53 Stakeholdern wie beispielsweise Banken oder Analysten. "Jede zweite Transaktion ist wertvernichtend", bringt Joachim Spill das ernüchternde Ergebnis auf einen Punkt.

Nur etwa jede dritte Transaktion führe zu einer erheblichen Wertsteigerung. Als Beispiele für misslungene Transaktionen nennt der Ernst&Young-Partner Übernahmen im Automobilbereich wie die von Chrysler durch Daimler-Benz oder Rover durch BMW . Den Kauf der amerikanischen Reebok durch den Sportartikelhersteller Adidas  zählen die M&A-Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ebenso dazu wie die Übernahme des Telekommunikationsunternehmens Mobilcom  durch France Telecom . Im Finanzsektor werden als Negativbeispiele der Kauf des Versicherers Gerling durch die Talanx-Gruppe, die Übernahme der Dresdner Bank durch den Versicherer Allianz  und die Übernahme der HVB Group durch die italienische Unicredit .

Häufig ist Selbstüberschätzung im Spiel

Die M&A-Bilanz (Mergers & Acquisitions) von Ernst & Young für Deutschland fällt aber besser aus als die in angelsächsischen Ländern. Dort wird von Investmentbankern eine Misserfolgsrate von etwa 77 Prozent genannt. Die Ursachen für die Wertvernichtung nach den Deals sind keineswegs neu. Zu diesen Fehlern gehört vor allem ein unzureichendes Integrationsmanagement. 85 Prozent der befragten, transaktionserfahrenen Unternehmen nennen dies als wichtigsten Grund für das Scheitern einer Übernahme oder Fusion.

Häufig ist nach Ansicht von Ernst&Young-Partner Spill Selbstüberschätzung mit im Spiel. Schließlich sähen nur 14 Prozent der Unternehmen überhaupt Verbesserungspotential im eigenen Integrationsmanagement, während 64 Prozent der Investoren sehr wohl ein "erhebliches Optimierungspotenzial" ausmachen würden. Die meisten Unternehmen glaubten, dass die Integration wie ein normales Geschäft ablaufen würde, erläutert Spill. Aber die Zusammenführung von zwei Unternehmenskulturen sei eine anders geartete Herausforderung.

69 Prozent der Unternehmen führen die Fehlschläge auf eine schlechte Vorbereitung der Transaktion zurück. Die Kauf- und Verkaufspreise seien unrealistisch. Das läge auch daran, dass die genaue Prüfung der Bücher des zu übernehmenden Unternehmens im Rahmen der sogenannten Due Diligence unzureichend sei, räumen die Befragten freimütig ein. Die Hälfte (51 Prozent) der Unternehmen nennen als Ursache für das Scheitern von Transaktionen eine unzureichende Akquisitionsstrategie. Darunter fallen Käufe, die nur wegen der Größe des Objekts angegangen werden. Nicht selten heißt es zur Begründung für ein Misslingen auch schlicht, man habe das falsche Objekt ins Visier genommen.

Fusionskarussell dreht schneller

Fusionskarussell dreht schneller

Trotz der ernüchternden Bilanz gehen die von Ernst & Young befragten Unternehmen und Stakeholder keineswegs davon aus, dass das Fusionskarussell an Schwung verliert. Allein im vergangenen Jahr gab es laut Ernst & Young in Deutschland Fusionen im Wert von 113 Milliarden Euro. Die Big Deals dieses Jahres wie der Kauf der britischen BOC durch den deutschen Industriegasekonzern und Anlagenbauer Linde  oder im Pharmasektor die Übernahme von Schering durch Bayer  bleiben nach den Einschätzungen der Befragten keine Einzelfälle. Haupttreiber ist demnach vor allem der sich weiter beschleunigende Konzentrationsprozess in den Branchen.

Drei Viertel der Unternehmen erwarten, dass sich der M&A-Boom in Deutschland in den beiden nächsten Jahren fortsetzt. "Vor allem in der Energie-, Stahl- und Pharmabranche dreht sich das Fusionskarussell immer schneller", konkretisiert Spill. Kleinere Unternehmen hätten es immer schwieriger sich gegen große, weltweit tätige Konzerne zu behaupten.

Zudem würden auch weiterhin hohe liquide Mittel die Akquisitions- und Übernahmelust anheizen. Allerdings glaubt Spill nicht, dass die Unternehmen aus den Fehlern der vergangenen M&A-Welle gelernt haben. Das liege auch daran, dass nur selten Konsequenzen aus einer schlechten Performance oder gar Wertvernichtung gezogen würden.

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