Handelsboykott Deutschland hat viel zu verlieren

Arabisch-islamische Länder rufen zum Boykott westlicher Waren auf. Dem Iran drohen Sanktionen der UN. Deutschland, wichtigster westlicher Handelspartner Irans, hat viel zu verlieren: Selbst wenn die Konflikte gelöst werden, dürfte die Handelsbilanz beider Länder einknicken. Betroffen sind deutsche Schlüsselbranchen.

Hamburg - Randalierende Fanatiker setzen Botschaften in Brand. Der Streit um die zuerst in einer dänischen, dann auch in französischen und deutschen Zeitungen abgedruckten Mohammed-Karikaturen hat eine Welle der Gewalt entzündet: Dänemark fordert seine Bürger auf, Länder wie Syrien, Libanon, Irak und Indonesien sofort zu verlassen.

Der Iran stoppt ab dem heutigen Dienstag die Einfuhr dänischer Produkte. Religionsgelehrte rufen Gläubige dazu auf, Waren aus Ländern zu boykottieren, in denen die umstrittenen Zeichnungen abgedruckt wurden.

Während der Streit um die Karikaturen eskaliert, spitzt sich zudem der Konflikt um das iranische Atomprogramm zu. Dem Iran drohen Wirtschaftssanktionen der Vereinten Nationen, sollte Teheran nicht einlenken. Kritik aus Deutschland wird von der iranischen Regierung mit harschen Worten zurückgewiesen. Irans neuer Präsident Mahmud Ahmadinedschad hofft bei seinen Landsleuten zu punkten, indem er seinerseits zu Sanktionen gegen westliche Länder aufruft.

"Deutschland ist wichtigster Handelspartner"

Ein Klima politischer und wirtschaftlicher Stabilität sieht anders aus. Beide Seiten setzen Wirtschaftssanktionen als Druckmittel ein: Arabische Länder haben wegen der Karikaturen bereits zum Handelsboykott aufgerufen, und im Westen wird wegen des Atomstreits über Wirtschaftssanktionen gegen den Iran nachgedacht. Deutsche Unternehmen, die in den vergangenen Jahren ihre Handelsbeziehungen in den Iran sowie in die Region Naher und Mittlerer Osten gezielt ausgebaut haben, betrachten die Entwicklung mit Sorge.

"Der Iran ist für Deutschland der wichtigste Handelspartner in der Region", bestätigt Jens Nagel, Länderexperte beim Bundesverband des deutschen Groß- und Außenhandels. Deutschland wiederum sei gleich nach den Arabischen Emiraten der zweitwichtigste Handelspartner für den Iran.

Deutsche Unternehmen haben im vergangenen Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 4,5 Milliarden Euro in den Iran exportiert - in Länder wie Syrien oder den Libanon sind es jeweils rund 450 Millionen Euro. Vor allem Maschinen, Anlagen, Metallerzeugnisse und chemische Produkte sind in dem Land am Persischen Golf gefragt.

"Für die USA machen Sanktionen keinen Unterschied"

Großes Potenzial am Golf

"Mit seiner jungen und wachsenden Bevölkerung, einer steigenden Wirtschaftskraft sowie seinem Nachholbedarf beim Ausbau der Infrastruktur bietet das Land großes Potenzial. Deutsche Unternehmen könnten bei einem politischen Kurswechsel des Irans noch viel mehr Geschäfte machen", sagt Nagel.

Deutsche Produkte hätten in der Region auf Grund der Qualität und der über Jahre gewachsenen Geschäftsbeziehungen einen guten Ruf: "Persönliche Kontakte sind in arabischen Ländern wichtig, und Deutschland hat sich dort über Jahre durch Beharrlichkeit und Verlässlichkeit eine gute Position erarbeitet", so der Außenhandelsexperte.

"Für die USA machen Sanktionen keinen Unterschied"

Wirtschaftssanktionen der UN gegen den Iran sind für deutsche Unternehmen aus Metallindustrie, Maschinen- und Anlagenbau daher ein Risiko. "Deutschland wäre unter den westlichen Industrienationen am stärksten von Wirtschaftssanktionen gegen den Iran betroffen", sagt Nagel. Deutsche Unternehmen liefern weit mehr in diese Region als etwa Großbritannien, Frankreich oder Italien. "Für US-Unternehmen würden Sanktionen gegen den Iran keinen unmittelbaren Unterschied bedeuten, da die USA ihre Wirtschaftsbeziehungen schon vor Jahren abgebrochen hat."

Die deutsche Exportwirtschaft würde von einem Handelsembargo zwar nicht ins Mark getroffen, da die nach Iran exportierten Waren unter 0,5 Prozent der gesamten deutschen Außenhandelsbilanz ausmachen. Für einzelne Unternehmen stehe jedoch mehr auf dem Spiel: "Sollten Sanktionen von der UN beschlossen werden, käme es darauf an, wie man diese ausgestaltet", sagt Nagel. Ein Teilembargo könnte sinnvoller sein als ein genereller Handelsboykott.

Karikatur-Streit als geringeres Risiko

Karikatur-Streit als geringeres Risiko

Die Welle der Empörung in vielen arabischen Ländern über die Mohammed-Karikaturen sieht Nagel im Vergleich zum schwelenden Atomkonflikt als ein geringeres Risiko an. Politische Agitation, Boykottaufrufe und Protestmärsche könnten die Handelsbilanz vielleicht kurzfristig belasten - andererseits sei der Handel mit Europa für viele arabische Länder auch im eigenen Interesse.

Sollte die aufgeheizte Stimmung bald wieder abkühlen, ist eine Rückkehr zum "business as usual" wahrscheinlich. "Wir haben derzeit keine Hinweise, dass sich die Geschäftsbeziehungen zwischen deutschen Unternehmen und ihren Partnern im Nahen Osten verschlechtern", sagt Jochen Clausnitzer, Nahost-Experte bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Viele deutsche Unternehmen pflegten langjährige Partnerschaften in der Region, die häufig durch persönliches Vertrauen stabilisiert seien. Dies sei eine Basis, die sich nicht so rasch zerstören lasse - auch wenn die Empörung in vielen arabischen Ländern derzeit hoch schlage.

"Kurzfristig könnte der Absatz einiger westeuropäischer Konsumgüterkonzerne leiden - doch andererseits genießen westliche Konsumgüter in der Region ein hohes Prestige", sagt Clausnitzer.

Dass arabische Länder wegen des Streits um die Karikaturen westliche Waren auf Dauer boykottieren werden, hält der Experte für unwahrscheinlich.

Handelsbilanz in jedem Fall belastet

Umbruch wird Bilanz in jedem Fall belasten

Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und dem Iran dürfte nach Schätzung der DIHK in diesem Jahr dennoch deutlich zurückgehen. Dies habe vor allem mit dem personellen Umbau nach dem Wahlsieg des neuen Präsidenten Ahmadinedschad zu tun: Spitzenpositionen in Wirtschaft und Verwaltung werden mit neuen Leuten besetzt, die sich in ihrem neuen Job zum Teil noch zurechtfinden müssen.

So werden zum Beispiel die Geschäfte von Irans zweitgrößter Bank Melli nun von einem ehemaligen Gefängnisverwalter geführt. Der Personalaustausch beschränkt sich nicht auf leitende Positionen, sondern geht auch in die Tiefe: "Ein Austausch dieser Dimension lähmt die Verwaltung - es werden derzeit praktisch keine Aufträge mehr vergeben", sagt Clausnitzer. Die wichtigsten Exportgüter Deutschlands - Anlagen, Maschinen und Metallerzeugnisse - seien vom Auftragsstopp der öffentlichen Hand besonders betroffen.

Der Konflikt um das iranische Atomprogramm stelle in dieser Umbruchsituation ein zusätzliches Risiko dar, so der Länderexperte der DIHK. "Das Länderrisiko hat sich für Investoren, Banken und Unternehmen erhöht", sagt Clausnitzer. Er warnt vor möglichen Wirtschaftssanktionen gegen den Iran: "Sanktionen schweißen in der Regel Regierung und Bevölkerung zusammen. Außerdem steht zu befürchten, dass UN-Inspektoren dann des Landes verwiesen werden und wir noch weniger Informationen aus dem Iran bekommen".

"Ahmadinedschad hat Grund zur Einigung"

Ein von der UN verhängtes Embargo könnte auch nach Einschätzung des Außenhandelsverbandes die Beziehungen nachhaltig zurückwerfen, da es oftmals die Fronten verhärtet. "Für alle Beteiligten, auch für Deutschland, steht bei diesem Szenario viel auf dem Spiel", ergänzt Nagel. "Ein Embargo trifft immer beide Seiten".

Auch der Iran hat jedoch ein Interesse daran, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Europa ist der wichtigste Handelspartner des Landes, 44 Prozent der iranischen Importe kamen im Jahr 2004 aus der EU. "Wenn Präsident Ahmadinedschad seine versprochenen Infrastrukturvorhaben umsetzen will, ist er auf den Handelspartner EU angewiesen", sagt Clausnitzer.

Die Bekämpfung von Armut und Jugendarbeitslosigkeit sowie das im Wahlkampf versprochene Investitionsprogramm in Millionenhöhe werden sich kaum realisieren lassen, wenn gleichzeitig die wichtigsten Handelsbeziehungen gekappt werden.

Der iranische Präsident habe guten Grund, zwischen politischer Agitation und wirtschaftlicher Räson zu unterscheiden und auf eine Einigung zu setzen.

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