Wirtschaft & Wahl Wer Deutschland wirklich reformiert

Klagen aus der Wirtschaft über das Machtvakuum in Berlin sind laut vernehmbar. Doch große Konzerne haben bereits vorgeführt, wie man Veränderungen durchsetzt - und wer im Poker zwischen Politik und Wirtschaft die Spielart vorgibt. Die Farben der nächsten Regierungskoalition sind dabei nicht mehr entscheidend.

Hamburg - Für einen Moment sah es so aus, als müssten alle Deutschen in Deckung gehen. Das Ergebnis der Bundestagswahl sei ein "Desaster für die deutsche Wirtschaft", erklärte Altana-Chef Nikolaus Schweickart. Industrie und Wirtschaft seien "bitter enttäuscht", assistierte BDI-Chef Jürgen Thumann. Der Einzelhandelsverband HDE mahnte die im Machtpoker verharrenden Politprofis in Berlin zur Eile, da "Unklarheit das Schlimmste" sei.

Hängt das Wohl und Wehe deutscher Unternehmen wirklich von der nächsten Regierungskoalition ab? Wohl kaum. Der Dax , der am Montag nach der Wahl zunächst schwach gestartet war, notierte am Dienstag wieder auf dem gleichen Zählerstand wie vor dem Urnengang - obwohl sich keiner der politischen Lenker in Berlin bis zu diesem Zeitpunkt bewegt hatte. Seit Mittwoch bestimmen wieder Ölpreis und steigende Zinsen die Richtung an den Märkten.

Machtvakuum in Berlin - na und?

Machtvakuum in Deutschland - dies ist an den internationalen Märkten eher eine Randnotiz. Selbst der Dax  nimmt das politische Ränkespiel noch mit Gelassenheit auf. Vieles spricht dafür, dass große Unternehmen längst nicht mehr am Gängelband der jeweils Regierenden hängen. Eher ist es umgekehrt.

"Tatsache ist, dass die Attraktivität deutscher Unternehmen nicht von möglichen politischen Reformen abhängt", meint Klaus Martini, Aktienstratege bei der Deutschen Bank. Er sieht in den nächsten Monaten Chancen für den deutschen Markt, unabhängig davon, wer künftig Deutschland regiert.

"In der globalisierten Wirtschaft haben Unternehmen mehr Freiraum gewonnen, und den nutzen sie auch", sagt Rolf Schneider, Leiter der Volkswirtschaft bei der Dresdner Bank, im Gespräch mit manager-magazin.de. Viele global agierende Dax-Konzerne haben Teile ihrer Produktion längst in Niedriglohnländer verlagert und gleichzeitig neue Absatzmärkte im Ausland erschlossen. Damit sinkt die Abhängigkeit vom Heimatstandort: Steuersätze, Lohnzusatzkosten und Konsumflaute daheim wiegen nicht mehr so schwer.

Unternehmen ziehen eigene Reformen durch

Deutsches Lohnkostenwunder abseits der Politik

"Die Mehrzahl der deutschen Unternehmen arbeitet wieder produktiver und profitabler als noch vor einigen Jahren", argumentiert Schneider. Bei ihrer erfolgreichen Restrukturierung hätten sich diese Unternehmen nicht so sehr auf politische Reformen in Deutschland verlassen, sondern die "Mobilität von Produktionsstätten und Kapital" genutzt.

Der angenehme Nebeneffekt dieser höheren Mobilität: Der Druck am Heimatstandort wächst. Arbeitnehmer in Deutschland sind immer mehr zu Kompromissen bereit und haben sich in den jüngsten Lohnrunden zurückgehalten.

"Die Lohnkosten in Deutschland sind in den vergangenen fünf Jahren um sechs Prozent weniger gestiegen als im EU-Durchschnitt", sagt Schneider. Das deutsche "Lohnkostenwunder" hat sich nicht auf der politischen Bühne in Berlin, sondern durch reale Kompromisse in vielen deutschen Betrieben vollzogen.

Unternehmen mit eigenem Reformkurs

Die meisten Unternehmen in Deutschland haben eine erfolgreiche Restrukturierung bereits hinter sich, im Gegensatz zur deutschen Volkswirtschaft. Global agierende Konzerne wie Siemens , Volkswagen  oder Adidas  vollziehen ihre eigenen Reformen und blicken dabei nicht auf die Agenda 2010.

Beispiel Adidas : Der Sportartikelhersteller konzentriert sich nicht auf die Konkurrenten Merkel oder Schröder, sondern auf die eigenen Konkurrenten Nike  oder Puma . Der Großteil der Adidas-Artikel wird in Asien zu Löhnen produziert, die selbst unter einer FDP-Alleinregierung in Deutschland nicht durchsetzbar wären. Derzeit ist Adidas-Chef Herbert Hainer mit der Übernahme des US-Konkurrenten Reebok  beschäftigt: statt sich über die Konsumflaute in Deutschland zu grämen, kauft er dort zu, wo der Umsatz brummt. Ein Rückgang des US-Konsums ist für ihn wichtiger als die Frage, ob Schröder oder Merkel zum nächsten Besuch bei US-Präsident Bush anreisen.

Beispiel Volkswagen : Während in Deutschland über hohe Lohnzusatzkosten lamentiert wird, macht sich VW-Markenchef Wolfgang Bernhard daran, beim Autobauer aus Wolfsburg längere Arbeitszeiten und niedrigere Löhne durchzudrücken. Sollte sich die Wolfsburger Belegschaft querstellen, wird der neue Golf-Geländewagen eben in Portugal gebaut - zu deutlich günstigeren Konditionen. Bernhard folgt damit dem Beispiel Heinrich von Pierers, der bei Siemens  die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich ins Gespräch gebracht hatte: Details über die Arbeitsbedingungen beim koreanischen Konkurrenten Samsung  verliehen seinen Worten den nötigen Nachdruck.

Das alles funktioniert, ohne dass sich die große Politik einschaltet. Von nötigen Reformen wird seit langem geredet, doch in den Werkhallen weht längst ein anderer Wind. Das Management hat verstanden, wie man für Beschäftigte und für die Politik die Themen setzt.

Wie deutsche Konzernchefs mitregieren

Konzernchefs regieren nach Kräften mit

"Große Unternehmen in Deutschland führen die für sie notwendigen Reformen zum Teil selbst durch - sie sind immer weniger von Entscheidungen aus Berlin abhängig", sagt Norbert Winkeljohann, Vorstand bei PricewaterhouseCoopers (PwC). Darüber hinaus habe die Stimme der großen Konzerne in der Politik mehr Gewicht bekommen: In der aktiven und erfolgreichen Lobbyarbeit der Konzerne gehe es nicht so sehr darum, auf politische Vorgaben zu reagieren, sondern vor allem darum, "Politik aktiv mitzugestalten".

Die dafür nötige Durchschlagskraft haben die Konzerne längst entwickelt. Auf die Stimme eines Heinrich von Pierer wird gehört - ob er bei Siemens eine Verlängerung der Arbeitszeit vorschlägt, als "Partner für Innovation" mit Kanzler Gerhard Schröder diskutiert oder als wirtschaftlicher Berater von Angela Merkel mehr Investitionen in Deutschland anregt. Gleichzeitig verfolgt der ehemalige Siemens-Chef aus dem Aufsichtsrat heraus, wie sein Nachfolger Klaus Kleinfeld durch Arbeitsplatzabbau und Produktionsverlagerung dem Druck der Konkurrenz begegnet.

"Global agierende Konzerne sind in der Lage, wirtschaftliche Defizite in Deutschland international auszugleichen", sagt Winkeljohann. "Und sie sind in der Lage, Veränderungen am Standort Deutschland mit Nachdruck einzufordern."

Schwaches Wachstum, attraktive Konzerne

Das Ergebnis: Trotz schwacher Wachstumsraten in Deutschland sind Dax-Unternehmen profitabler geworden, sie verdienen wieder richtig Geld. Sie haben ihre Produktionskosten gesenkt und weisen Erfolge im Export auf: Nach einer Studie der Deutschen Bank erzielen deutsche produzierende Unternehmen derzeit nur noch 25 Prozent ihres Umsatzes im Inland. 36 Prozent entfallen auf Euroland und 39 Prozent auf den Rest der Welt - Tendenz steigend.

"Deutschland hat den ersten Platz der Exportländer zurückerobert" notierte die französische Zeitung Le Monde. Deutschlands Industrieapparat sei "hervorragend": Das Problem liege vor allem in der Konsumschwäche, weil auf die Löhne gedrückt wurde. In Frankreich dagegen bereiten schwache Außenhandelsdaten und der Zustand der heimischen Industrie Sorgen.

Auch das ist ein Grund, warum Anleger trotz des Wahl-Patts auf den Dax  setzen: Der Index ist gemessen an den steigenden Gewinnen der deutschen Unternehmen im Vergleich mit anderen Industrieländern noch immer attraktiv bewertet. Börsianer blicken auf Gewinne, auf Cash Flow und auf Exporterfolge, sie investieren nicht auf Grund bestimmter Parteiprogramme oder vager politischer Hoffnungen.

Gewinner der Globalisierung

Politik hat bereits viele Wünsche erfüllt

"Dennoch steht Politik der Globalisierung nicht ohnmächtig gegenüber", betont Volkswirt Rolf Schneider von der Dresdner Bank. Die Regierung habe mit der Steuerreform und den ersten Schritten einer Arbeitsmarktreform bereits einige wichtige Schritte getan, um Deutschland für Unternehmen attraktiver zu machen.

Dies geschehe in eigenem Interesse, betont Schneider: Welcher Politiker will sich schon gern sagen lassen, er sei für die Verlagerung tausender Arbeitsplätze verantwortlich. Steigende Produktivität und höhere Erträge deutscher Unternehmen seien zudem ein Signal für ausländische Investoren, Geld am Standort Deutschland zu investieren. Nach einer Studie der Weltbank haben sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen im Jahr 2004 so stark verbessert wie in keinem anderen hoch entwickelten Industrieland.

Deutschland, Gewinner der Globalisierung

Die Globalisierung der Wirtschaft setzt dem Standort Deutschland nicht nur die Daumenschrauben an - sie eröffnet auch Chancen. Für die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro ist Deutschland ein klarer Gewinner der Globalisierung: Kein Land habe einen so hohen Exportanteil im Welthandel wie die Bundesrepublik. Es ist kein Zufall, dass trotz Flaute am deutschen Arbeitsmarkt auch hierzulande neue Arbeitsplätze in der Produktion von Exportgütern entstanden sind, betont Schneider.

Die Zukunft der deutschen Wirtschaft hängt nach seiner Einschätzung ohnehin nicht davon ab, ob Deutschland bald von einer großen Koalition, einer Jamaika-Koalition oder einer Ampel-Koalition regiert wird. "Es gibt unter den etablierten Parteien einen Konsens, dass weitere Reformen nötig sind", sagt Schneider. Ernsthafte Schwierigkeiten für den Standort sieht er erst, wenn es zu einer Krise des politischen Systems oder zu einem Regierungsbündnis mit Beteiligung der Linkspartei kommt.

Mittelstand: Verwundbar und wenig Einfluss

Mittelstand: Stärker verwundbar, weniger Einfluss

Anders sieht es dagegen bei mittelständischen Unternehmen in Deutschland aus. Sie haben weder die Lobby noch die nötigen Stabsstellen, um nach Kräften mitzuregieren. "Diese Unternehmen sind sehr viel stärker auf die politische Willensbildung angewiesen", sagt Winkeljohann, der bei PwC zudem Leiter des Bereichs Mittelstand ist.

Obwohl kleine und mittlere Unternehmen in Summe die meisten Arbeitsplätze in Deutschland stellen, stehen ihre Interessenvertreter meist im Schatten der Großkonzerne. "Ein Unternehmen, das mit Verlagerung von 10.000 Arbeitsplätzen nach Rumänien droht, erzielt eine größere Hebelwirkung als ein 100-Mann-Betrieb", stellt Winkeljohann fest. Gleichzeitig werden mittlere Betriebe durch staatliche Bürokratie viel stärker gebremst - der Zeitaufwand pro Mitarbeiter, um neue Vorgaben umzusetzen, ist in mittelständischen Unternehmen vier- bis fünfmal so hoch wie in großen Konzernen.

Der Mittelstand hat weniger Einflussmöglichkeiten, reagiert aber sensibler auf politische Vorgaben. Umso dringlicher ist auch der Reformbedarf aus Sicht dieser Unternehmen: "Gäbe es mehr Flexibilität im Arbeitsrecht, würden viele mittelständische Unternehmen wieder mehr investieren und Mitarbeiter einstellen", ist Winkeljohann überzeugt. Zweitens sei eine Steuerreform nötig, um den Unternehmen Planungssicherheit zu geben. An dritter Stelle stehe ein Abbau der überbordenden Bürokratie in Deutschland.

Die Kleinen folgen den Großen

Die Kleinen folgen den Großen

Was bleibt bis dahin zu tun? "Mittlere und kleine Unternehmen in Deutschland bilden immer häufiger die Strategien der großen Konzerne ab, um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern", sagt der Experte von PwC. Das bedeutet: Produktionskosten senken, Auslandsmärkte erschließen, Projekte ins Ausland verlagern, um konkurrenzfähig zu bleiben. Der Trend Richtung Osteuropa und Asien sei unverkennbar, stellt Winkeljohann fest. Die künftige Regierungskoaliton - gleich welcher Couleur - stehe damit unter Zeitdruck.

Und die Sorgen von Altana-Chef Schweickart? Auch bei den großen Unternehmen gibt es bestimmte Branchen, die auf ein gedeihliches Miteinander mit der heimischen Politik besonders angewiesen sind - für ein deutsches Pharmaunternehmen wie Altana  oder Schering  ist es natürlich wichtig, wie die Regierenden über Gentechnik, Forschung und mögliche Einsparungen im Gesundheitswesen denken.

Ähnlich gute Lobbyarbeit sollten Energieversorger wie Eon  und RWE  leisten, wenn es um die Laufzeiten von Atomkraftwerken oder die Förderung alternativer Energien geht. Finanz- und Versicherungsunternehmen schließlich profitieren von einer Rentenreform - die Förderung der privaten Altersvorsorge hat nicht nur der Allianz  und der Deutschen Bank  ein kräftiges Plus bei den Riester-Verträgen beschert.

Daneben haben sicher auch Global Player wie Adidas  oder Siemens  noch ein paar Wünsche, was das deutsche Arbeitsrecht und die Unternehmensbesteuerung angeht - die weltweit aufgestellten Konzerne haben jedoch genug Alternativen, wenn die Verhandlungen immer wieder enttäuschend ausfallen. Die neue Bundesregierung hat also allen Grund, weiterhin das Gespräch mit der Wirtschaft zu suchen: Die Impulse kommen jedoch von der anderen Seite.

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