Arbeitskosten Deutschland spart - und wird teurer

Um auf den Stundenlohn eines westdeutschen Kollegen zu kommen, arbeitet ein Industriearbeiter in Ungarn oder Tschechien sechs Stunden. Der internationale Vergleich ist für Deutschland alarmierend, weil der Abstand zu den Billiglohnländern noch größer geworden ist – trotz bescheidener Lohnrunden.

Hamburg - Mit vergleichsweise bescheidenen Tarifabschlüssen hat die westdeutsche Industrie in den vergangenen Jahren auf die Billigkonkurrenz in Europa reagiert. Die Lohnsteigerungen waren so maßvoll, dass nun sogar Experten wie der Wirtschaftsweise Bert Rürup oder der deutsche Finanzminister Hans Eichel deutlichere Lohnsteigerungen fordern, um die Löcher in der maladen Rentenkasse zu stopfen.

Das kann im weltweiten Kampf um Arbeitsplätze nicht die Lösung sein, wie ein Blick auf eine Statistik des arbeitgebernahen Instituts für deutsche Wirtschaft (IW) zeigt. Mit 27,60 Euro pro Stunde (15,45 Euro Lohnkosten plus 12,15 Euro Lohnzusatzkosten) tragen westdeutsche Industriebetriebe die weltweit zweithöchsten Arbeitskosten - teurer ist nur noch Dänemark mit 28,14 Euro pro Arbeitsstunde.

Diese Spitzenstellung Deutschlands bei den Kosten ist bekannt. Neu ist: Trotz der viel gelobten Lohnzurückhaltung ist Deutschland im Vergleich mit dem Durchschnitt der weltweiten Industrieländer im vergangenen Jahr noch teurer geworden. Betrug das Kostenhandicap Deutschlands 2003 "nur" 36 Prozent gegenüber dem Schnitt der Industrieländer, waren es im vergangenen Jahr sogar 38 Prozent.

Teure Wertarbeit: Die Arbeitsstunde im Regensburger BMW-Werk (hier Montage des 1er) dürfte noch etwas teurer sein als die durchschnittlichen 27,60 Euro, die ein westdeutsches Industrieunternehmen im Jahr 2004 durchschnittlich schultern musste. Zu einem Stundenlohn von 15,45 Euro kamen noch einmal knapp die Hälfte der Summe - 12,15 Euro - für die Sozialversicherung hinzu.

Teure Wertarbeit: Die Arbeitsstunde im Regensburger BMW-Werk (hier Montage des 1er) dürfte noch etwas teurer sein als die durchschnittlichen 27,60 Euro, die ein westdeutsches Industrieunternehmen im Jahr 2004 durchschnittlich schultern musste. Zu einem Stundenlohn von 15,45 Euro kamen noch einmal knapp die Hälfte der Summe - 12,15 Euro - für die Sozialversicherung hinzu.

Foto: DPA
Dollar-Gewinner: Die Stundenlöhne in den USA (Mercedes-Fertigung in Tuscaloosa) sind 2004 zwar deutlich gestiegen, auf Euro-Basis aber mit 12,98 Euro immer noch günstiger als in Westdeutschland. Die Zusatzkosten betrugen mit umgerechnet 5,78 Euro nicht einmal die Hälfte des westdeutschen Niveaus

Dollar-Gewinner: Die Stundenlöhne in den USA (Mercedes-Fertigung in Tuscaloosa) sind 2004 zwar deutlich gestiegen, auf Euro-Basis aber mit 12,98 Euro immer noch günstiger als in Westdeutschland. Die Zusatzkosten betrugen mit umgerechnet 5,78 Euro nicht einmal die Hälfte des westdeutschen Niveaus

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Von Zusatzlasten befreit: Mit umgerechnet 13,61 Euro verdiente ein britischer Industriearbeiter (hier Produktion des Bentley) im Vorjahr fast so viel wie sein westdeutscher Kollege. Allerdings kamen in Großbritannien lediglich 6,27 Euro für die Sozialversicherung obendrauf - halb so viel wie in Deutschland

Von Zusatzlasten befreit: Mit umgerechnet 13,61 Euro verdiente ein britischer Industriearbeiter (hier Produktion des Bentley) im Vorjahr fast so viel wie sein westdeutscher Kollege. Allerdings kamen in Großbritannien lediglich 6,27 Euro für die Sozialversicherung obendrauf - halb so viel wie in Deutschland

Gnadenlos günstig: Im tschechischen Mlada Boleslaw lässt VW den Skoda produzieren. Mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 2,55 Euro im Vorjahr jagte Tschechien den europäischen Konkurrenten Arbeitsplätze ab: Da lediglich 2,04 Euro Zusatzkosten pro Stunde hinzu kamen, waren die Gesamtkosten in Westdeutschland rund sechsmal so hoch

Gnadenlos günstig: Im tschechischen Mlada Boleslaw lässt VW den Skoda produzieren. Mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 2,55 Euro im Vorjahr jagte Tschechien den europäischen Konkurrenten Arbeitsplätze ab: Da lediglich 2,04 Euro Zusatzkosten pro Stunde hinzu kamen, waren die Gesamtkosten in Westdeutschland rund sechsmal so hoch

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Arbeitskosten im Vergleich
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Grund dafür ist nach Angaben des IW vor allem der steigende Euro. Die Arbeitskosten in den USA zum Beispiel sind im Vorjahr auf Dollar-Basis zwar kräftig gestiegen, in Euro kalkuliert jedoch um 80 Cent gefallen. Der starke Euro verteuert nicht nur die deutschen Exporte, sondern treibt im internationalen Vergleich auch die Arbeitskosten in die Höhe. Obwohl Deutschland spart, wird es immer teurer.

Zusatzkosten in England halb so hoch

Stundenlöhne bei 2,55 Euro in Osteuropa

Auch innerhalb der EU bekommt Deutschland immer größere Probleme - sowohl im Vergleich mit den kostengünstigen neuen EU-Mitgliedern in Osteuropa als auch im Vergleich mit den alteingesessenen westeuropäischen Industrienationen.

In der Slowakei, Tschechien und Ungarn lagen die Stundenlöhne je Arbeiterstunde im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2004 zwischen 2,14 bis 2,55 Euro, so das IW. Hinzu kommen Lohnzusatzkosten zwischen 1,46 bis 1,97 Euro je Stunde - in Westdeutschland sind sowohl Löhne wie auch Zusatzkosten etwa sechsmal so hoch.

Zusatzkosten in England halb so hoch

Die hohen Lohnzusatzkosten lassen Westdeutschland auch im Vergleich mit Ländern wie Frankreich, England oder Österreich schlecht aussehen, obwohl die Unterschiede im Lohnniveau gar nicht so gravierend sind.

Ein Industriearbeiter in Großbritannien verdiente 2004 mit durchschnittlich 13,61 Euro nur 1,84 Euro weniger als sein westdeutscher Kollege. Da die Zusatzkosten für Sozialversicherung und Urlaubsgeld in Großbritannien mit 6,41 Euro aber gerade einmal die Hälfte der westdeutschen Lohnzusatzkosten betrugen, wird die Arbeitsstunde auf der Insel für den Arbeitgeber dann doch deutlich günstiger als in den alten Bundesländern.

Ostdeutschland günstiger als USA

Ähnlich sieht es im Vergleich mit Österreich und Frankreich aus: Das Lohnniveau ist in Westdeutschland "nur" 30 Prozent höher, doch aufgrund der bei den Nachbarn niedrigeren Zusatzkosten (9,98 in Frankreich, 9,84 Euro in Österreich) fällt Westdeutschland im Kostenvergleich weiter zurück. Selbst in Frankreich sind die Lohnzusatzkosten um mehr als 20 Prozent geringer als im Westen der Republik.

Günstiger sieht der Vergleich für Ostdeutschland aus. Mit einem Lohnniveau von 10,37 Euro und 6,78 Euro Lohnzusatzkosten kostete die Arbeitsstunde in den neuen Bundesländern insgesamt 17,15 Euro. Das ist weniger als in England, Frankreich, USA und Japan, aber mehr als doppelt so hoch wie in den osteuropäischen Beitrittsländern.

Betriebe in Ostdeutschland müssen nicht nur weniger Geld für die Krankenversicherung ihrer Mitarbeiter bezahlen - im vergangenen Jahr sind die Löhne in den westdeutschen Werken mit 1,8 Prozent außerdem geringer gestiegen als in Westdeutschland (1,9 Prozent).

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