Standort D "Gute Ideen ziehen Geld an"

Deutschland muss mehr einfallen, um seinen Wohlstand zu verteidigen, meint Roland Berger. Der Berater erklärt im Interview mit manager-magazin.de, wie unsere Wirtschaft durch Innovationen wachsen kann - und was Forscher und Unternehmer tun müssen, um Produkte "made in Germany" wieder nach vorn zu bringen.

mm.de:

Herr Berger, die Initiative "Partner für Innovation" versammelt nicht nur wohl klingende Namen aus Politik und Wirtschaft, sondern will jungen Technologieunternehmen auch mit Wagniskapital helfen. Reicht das aus, damit aus guten Ideen schneller erfolgreiche Produkte werden?

Berger: Wagniskapital ist wichtig, aber nicht allein entscheidend. Um in Deutschland wieder ein gutes Innovationsklima zu schaffen, darf man vor allem Unternehmer nicht so herabsetzen, wie das SPD-Chef Franz Müntefering getan hat. Es würde mich nicht wundern, wenn solche "Kapitalismuskritik" weitere Menschen mit Initiative aus Deutschland vertreiben würde.

Menschen, die Neues entwickeln, verstoßen immer gegen das Bewährte und gehen damit auch ein materielles Risiko ein. Wenn man für diese Risikobereitschaft nur Ablehnung statt Zustimmung erntet, lässt man es entweder sein oder geht in ein Land, in dem so genannte "Risk-Taker" willkommen sind. Heutzutage strebt jeder zweite Hochschulabgänger in Deutschland eine Karriere im öffentlichen Dienst an, statt etwas Eigenes, Neues zu wagen. Das muss sich ändern.

mm.de: Werden 260 Millionen Euro aus dem neuen Gründerfonds denn viele Gründer hervorlocken?

Berger: Ich habe mich 1967 selbstständig gemacht, da gab es weder Gründerhilfe noch Gründerfonds oder sonstige Subventionen. Es gab vor allem Vorschriften, wie auch heute. Entscheidend ist der Unternehmergeist, sein Antrieb, seine intellektuellen und letztlich auch finanziellen Mittel. Wagniskapital hilft Gründern, sorgt aber nicht allein für erfolgreiche Gründungen: Schließlich hat eine gute Idee das Geld immer angezogen, nie das Geld die gute Idee.

"Wir verzehren eine Innovationsrente"

mm.de: Sie halten Innovationen für das einzige Mittel, um den Wohlstand in Deutschland zu verteidigen. Warum?

Berger: Gute Ideen und Innovationen sind unser einziger Wachstumsschlüssel. Wir können unsere höheren Einkommen nur verteidigen, wenn wir gleichzeitig auch einen Vorsprung an Innovationsleistung gegenüber unseren Wettbewerbern haben.

Diesen Vorsprung weisen wir derzeit nicht mehr auf, und deshalb geraten unsere Einkommen, Löhne und die Beschäftigungszahlen erheblich unter Druck. Wir zehren heute von einer Innovationsrente, die wir uns in der Vergangenheit durch weltmarktfähige Produkte erkämpft haben.

Jetzt müssen zusätzliche Innovationen her, damit wir weiter wachsen und unseren Wohlstand verteidigen können: Wir brauchen also wieder einen technologischen Vorsprung, der unsere höheren Preise und unsere aktuellen Einkommen rechtfertigt.

mm.de: Das ist eine sportliche Aufgabe. Auch in Billiglohnländern wie China oder Osteuropa wird inzwischen geforscht und entwickelt.

Berger: Man sollte China ernst nehmen, aber nicht überschätzen. Natürlich werden auch in China mittlerweile Forschungs- und Entwicklungszentren hochgezogen, aber überwiegend unter dem Einfluss westlicher Unternehmen. Die Autoindustrie zum Beispiel ist mehr als 100 Jahre alt, und der technologische Rückstand Chinas beträgt schon noch rund 30 Jahre.

Anders sieht es dagegen bei unseren osteuropäischen Nachbarn einschließlich Russland aus. Die verfügen über die nötigen modernen Technologien und bieten exzellente, nach europäischen Standards ausgebildete Wissenschaftler - zu Kosten, die bei einem Bruchteil unserer Kosten in Deutschland liegen.

"Das Neue entsteht an Schnittstellen"

mm.de: Die Forderung angesichts des globalen Wettbewerbs Innovationen voranzutreiben, fehlt in keiner Wahlrede. Wie lassen sich Neuentwicklungen konkret fördern - außer mit Geld und guten Worten?

Berger: Immer mehr Innovationen entstehen an Schnittstellen, nicht so sehr in einzelnen wissenschaftlichen Fachbereichen oder Unternehmensbereichen. Daher ist Vernetzung extrem wichtig, Zusammenarbeit von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.

Neuentwicklungen sind meist branchenübergreifend - ein modernes Transport- und Logistiknetz zum Beispiel ist nur dann wettbewerbsfähig, wenn es den höchsten Ansprüchen der Informations- und Kommunikationstechnologie genügt.

Das ist auch ein Merkmal der Initiative "Partner für Innovationen", dass systematisch an gemeinsamen Projekten gearbeitet wird: Es bleibt nicht beim Austausch auf Expertenebene, sondern es hören auch Unternehmer zu und sagen: "Daraus machen wir ein Geschäft." Und ein Geschäft bedeutet Wachstum und neue Jobs.

mm.de: Sie machen sich besonders für Forschung auf dem Dienstleistungssektor stark. Was erhoffen Sie sich von einer systematischen "Servicewissenschaft"?

Berger: Deutschland ist auf dem wichtigen Sektor Dienstleistungen international nicht so wettbewerbsfähig, wie wir glauben. Wir behaupten, wir seien Exportweltmeister, aber das gilt nur für den Export von Gütern.

In den USA, Großbritannien oder Skandinavien macht der Export von Dienstleistungen bis zu 40 Prozent der Exportleistung aus, bei uns sind es dagegen nur 13 Prozent. Im Bereich Services haben wir sogar eine negative Handelsbilanz, importieren also mehr als wir exportieren.

"Kein Grund, das Rennen aufzugeben"

mm.de: Wie ist dieser Nachholbedarf im Bereich Dienstleistungen entstanden?

Berger: Rund 70 Prozent der Wertschöpfung und der Beschäftigung in Deutschland basieren auf dem Bereich Dienstleistungen. Doch nur 14 Prozent der Forschungsausgaben und nur 13 Prozent der Lehrstühle konzentrieren sich auf diesen Bereich. Das ist ein gefährliches Ungleichgewicht, das wir korrigieren müssen.

Wir haben in Deutschland derzeit nur wenige erfahrene Dienstleistungsmanager, obwohl in dieser Branche Milliardensummen bewegt werden. Das bedeutet, dass wir den Bereich Dienstleistungen besser erforschen und auch systematisch lehren müssen, wie man Dienstleistungsunternehmen führt und miteinander vernetzt.

Da Servicefirmen nun einmal anders funktionieren als klassische Industrieunternehmen, brauchen wir eine eigenständige Dienstleistungsforschung. Dies könnte uns einen Vorsprung gegenüber anderen Ländern bescheren - wenn wir schnell genug reagieren.

mm.de: Ein freundlicheres Unternehmensklima, bessere Vernetzung, mehr Forschung und mehr Geld - sind das nicht allzu viele Baustellen, um auf dem Weg zur Wissensgesellschaft schneller zu sein als die Konkurrenz?

Berger: Der Wandel zur Wissensgesellschaft hat ja auch in Deutschland bereits begonnen. Er muss aber noch beschleunigt werden. Wir müssen uns noch nicht geschlagen geben: In den 80er Jahren gingen alle davon aus, dass die USA ihre Marktführerschaft an Japan werde abgeben müssen.

Aber die Menschen in den USA haben sich zusammengenommen, ihr Selbstbewusstsein gestärkt, haben mit günstigen Steuersätzen, funktionierenden Kapitalmärkten und staatlichen Technologie-Investitionen ein unternehmerfreundliches, technologiefreundliches Klima geschaffen. Das Ergebnis: Heute sind die USA Technologie- und Wirtschaftsführer. Auch für Deutschland gibt es noch keinen Grund, das Rennen aufzugeben.

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