Innovationen Neue Dinge braucht das Land

Wachstum durch Nachahmen ist für Deutschland keine Option. Wir müssen erfinden, um voranzukommen. Ein Ländervergleich zeigt, warum Deutschland trotz guter Ideen kaum noch Neues auf den Markt bringt - und wie man das ändern kann.

Hamburg - Langsam verliert selbst Kanzler Schröder die Geduld mit den deutschen Unternehmern. Die Wirtschaft konkurrierender Staaten wächst, doch Deutschland wächst langsamer. Die Gewinne der Konzerne sprudeln, doch der Arbeitsmarkt liegt weiterhin am Boden. Im Ausland wird wieder investiert, doch deutsche Unternehmen investieren nur zögerlich.

Dabei ist Geld billig wie nie. Die Zinsen für Kredite von mehr als einer Million Euro liegen laut einer Statistik der Bundesbank auf dem Rekordtief von 3,9 Prozent. Dennoch nimmt kaum ein Unternehmenschef Geld für neue Projekte in die Hand. Die ausgeprägte Wachstums- und Investitionsschwäche in Deutschland, so scheint es, lässt sich mit niedrigen Zinsen allein nicht überwinden. Doch woran hapert es noch?

Wer aufholen will, hat es leichter

Dass eine hoch entwickelte Industrienation wie Deutschland nicht im gleichen Tempo wachsen kann wie die "Aufholerstaaten" Irland, Tschechien oder Südkorea, liegt auf der Hand. Deutschland kann nicht die industrielle Entwicklung anderer Staaten einfach nachvollziehen, da es lange Zeit selbst an der Spitze der Bewegung war.

Auf diesem Niveau, bei hohen Löhnen und hohem industriellen Standard, kann Wachstum nur noch durch neue Entwicklungen vorangetrieben werden. Für Länder wie Deutschland, die von aufholenden Ländern in Osteuropa und Asien unter brutalen Preis- und Wettbewerbsdruck gesetzt werden, sind Innovationen der Schlüssel für weiteres Wachstum.

Grund genug für die OECD und das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), die Bedingungen für Innovationen in den einzelnen Ländern genauer zu untersuchen. These: Wachstumsstarke Industrieländer, die wie die USA mindestens um mehr als zwei Prozent pro Jahr wachsen, müssen bessere Voraussetzungen für die Entwicklung neuer Produkte schaffen als wachstumsschwache Industrieländer.

Wer dagegen bei Bildung und Innovationsfinanzierung spart und sich nicht um eine produktive Unternehmenskultur sorgt, der kann selbst mit Steuergeschenken den Konjunkturmotor nicht zum Laufen bringen.

Bildung: Deutschland verdummt

Faktor Bildung: Deutschland verdummt

Besonders im Bereich Bildung hat Deutschland viel aufzuholen. In den wachstumsstarken Ländern (USA, Kanada, Australien, England, Finnland, Schweden und Norwegen) kann jeder Dritte der 25-64Jährigen einen höheren Bildungsabschluss (Hochschule oder Meisterbrief) nachweisen. In Deutschland ist es gerade mal jeder Vierte.

Die Zahl derjenigen, die sich in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen hoch qualifizieren, ist in den Wachstumsländern beinahe doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik (siehe Tabelle 1). Diese Länder investieren mit 6,2 Prozent des BIP auch deutlich mehr für Bildung als Deutschland, das mit 5,3 Prozent des BIP sogar unter dem Durchschnitt der wachstumsschwachen Länder liegt.

Faktor Finanzierung: Deutschland wird aktiv

Deutschland hat zwar noch immer einen weltweit guten Ruf, was die Qualifikation, das technische Know-How und den Erfindergeist seiner Landsleute angeht. Damit gute Ideen wie das Faxgerät (in Deutschland erdacht, im Ausland in Serie produziert) oder das Farbfernsehen (TAE-System von AEG-Telefunken, inzwischen längst zerschlagen) aber zu erfolgreichen Produkten auf den Weltmärkten werden, muss viel Geld in die industrielle Umsetzung investiert werden.

Der Vergleich zeigt: Bei den Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) braucht sich Deutschland mit 2,5 Prozent des BIP keineswegs hinter den wachstumsstarken Ländern zu verstecken. Das Risikokapital jedoch, für neue und zunächst kostenintensive Entwicklungen dringend nötig, ist hierzulande geringer als in den wachstumsstarken Ländern.

Vor allem bei den wichtigen Investitionen in die Informations- und Kommunikationstechnologien liegt Deutschland noch deutlich hinter den Vorreitern zurück: Führende Volkswirte haben mehrfach mehr Investitionen in diese Schlüsseltechnologien gefordert, wenn Europa das in der Lissabon-Agenda formulierte Ziel erreichen will, bis zum Jahr 2010 zum führenden wissensbasierten Wirtschaftsraum zu werden.

Nachwuchs: Pisa ist noch die kleinere Sorge

Faktor Nachwuchs: Pisa ist noch die kleinere Sorge

Eine dritte wichtige Voraussetzung für Innovationen ist der geeignete Nachwuchs. Die aktuelle Pisa-Studie hat den Deutschen bescheinigt, dass Deutschlands Bildungssystem weiterhin stark verbesserungswürdig ist - Deutschland hinkt hier sogar den vergleichbaren, fußlahmen Industrienationen wie Frankreich und Belgien hinterher.

Eine noch ernstere Gefahr ist die sinkende Zahl von Schülern und Studenten in Deutschland: Während in den wachstumsstarken Ländern 67 Prozent der Beschäftigten zwischen 25 und 64 Jahren Schüler und Studenten sind, sind es in Deutschland gerade einmal 53 Prozent. Die Überalterung der Gesellschaft, die schon für die gesetzliche Rentenversicherung verheerende Folgen hat, wirkt sich auch im Bereich Innovationen negativ aus.

Da fällt kaum noch ins Gewicht, dass Unternehmen in Deutschland gerne und lautstark über schlechte Standortbedingungen klagen. Laut OECD-Indikator sind die Rahmenbedingungen besonders für junge Unternehmen in Deutschland schlechter als in den Nachbarstaaten. Zur demographischen Bombe kommt ein gegenwärtig maues Unternehmensklima: Viel Zeit zum Gegensteuern bleibt in dieser Konstellation nicht mehr.

Lehrstunde der Wachstums-Profis

Insgesamt sorge die Summe der kleinen und großen Schwächen Deutschlands dafür, dass Deutschlands Innovationskraft hinter den Durchschnitt zurückfällt, so die Studie. Bei dieser Schlüsselvoraussetzung für das Wachstum einer Industrienation landet Deutschland gemeinsam mit Österreich und Italien auf den hinteren Plätzen.

Zu den Ländern mit den besten Voraussetzungen für Innovationen gehören Kanada, die USA, England und Schweden. Auch Ländern wie Finnland, Australien und Belgien bescheinigt die Studie ernsthafte Anstrengungen, um bei künftigen neuen Entwicklungen auf dem Weltmarkt mitzuspielen.

Die Daten, die der Untersuchung zu Grunde liegen, stammen aus dem Jahr 2002. Die Wachstumsraten der vergangenen drei Jahre scheinen die Schlussfolgerungen der Studie - schlechtes Innovationsklima bedeutet weniger Wachstum - aber zu bestätigen: Das durchschnittliche Wachstum in Deutschland (bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf) betrug in Deutschland seit 2002 gerade einmal 0,5 Prozent.

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