Standort Was US-Firmen an Deutschland schätzen

Mehr Umsatz und höhere Investitionen im Jahr 2005: Bei US-Unternehmen bleibt der Standort Deutschland beliebt. Eine Studie der amerikanischen Handelskammer und der Boston Consulting Group zeigt, wo Deutschlands Stärken liegen - und in welchen Bereichen der Standort an Boden verliert.

Berlin - Deutschland ist bei den rund 2000 hier ansässigen US-Unternehmen nach wie vor ein beliebter Standort. Die in Deutschland tätigen US-Unternehmen rechnen mit einer Geschäftsbelebung im laufenden Jahr und wollen vor allem in den Bereichen Vertrieb, Marketing sowie Forschung und Entwicklung investieren.

Der günstige Investitionstrend schafft aber kaum neue Jobs in Deutschland. Vor allem in den personalintensiven Bereichen Produktion und Verwaltung droht eine Abwanderung nach Osteuropa.

Dies ist das aktuelle Stimmungsbild unter US-Investoren, wie die jährliche Umfrage der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland (AmCham Germany) und der Boston Consulting Group (BCG) ergab. Die 70 US-Unternehmen, die an der Umfrage teilgenommen haben, repräsentieren einen Jahresumsatz von mehr als 100 Milliarden Euro und etwa 230.000 Arbeitsplätze in Deutschland.

Umsatz 2004 gestiegen - Optimismus für 2005

58 Prozent der amerikanischen Unternehmen konnten ihren Umsatz im vergangenen Jahr steigern. Für das laufende Jahr erwarten die US-Investoren eine weitere Geschäftsbelebung.

71 Prozent rechnen auch für 2005 mit Umsatzsteigerungen, und jedes vierte US-Unternehmen will gleichzeitig seine Investitionen in Deutschland erhöhen.

Der Anteil der nach Deutschland fließenden Investitionen am europäischen Gesamtbudget der US-Unternehmen ist nach wie vor beträchtlich: 30 Prozent der Befragten investierten hier zu Lande mehr als 40 Prozent ihres gesamten Europa-Budgets.

Erste Wahl bei Marketing- und Forschungszentren

Allerdings hat sich die Gewichtung verschoben: US-Unternehmen investieren in Deutschland vor allem in den Ausbau von Vertrieb, Marketing sowie Forschung und Entwicklung. Als Standort für Marketing- und Kompetenzzentren hat Deutschland im Vergleich zum Vorjahr Prozentpunkte hinzugewonnen und führt mit deutlichem Abstand vor Großbritannien erneut die Beliebtheitsskala an.

Abbau in Bereichen Produktion und Verwaltung

Abbau in Bereichen Produktion und Verwaltung

In den personalintensiven Bereichen Produktion und noch stärker in der Verwaltung ist dagegen ein Abbau der Investitionstätigkeit geplant. Ein wachsender Teil des europäischen Investitionsbudgets fließt in den Auf- und Ausbau von Produktions- und Verwaltungsstätten in Osteuropa.

Bei der Standortwahl für Verwaltungszentralen liegt Großbritannien an der Spitze, gefolgt von Deutschland und der Schweiz. Sowohl Deutschland als auch die Schweiz haben hier jedoch an Boden verloren, während Großbritannien mit 38 Prozent der Nennungen seinen Vorsprung ausbauen konnte.

Weniger attraktiv ist Deutschland für Finanzholdings. Nur 14 Prozent der Befragten würden sich für diesen Standort entscheiden. Die wesentlich kleineren Länder Schweiz (25 Prozent) und die Niederlande (20 Prozent) bieten auf Grund ihrer niedrigeren Steuersätze aus Sicht amerikanischer Investoren bessere Bedingungen.

Auch Großbritannien ist bei Finanzholdings beliebter als Deutschland. Nach Angaben der Studie zeigt sich auch hier, wie stark die Standortattraktivität von steuer- und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen beeinflusst ist.

Mehr Investitionen, aber kaum neue Jobs

Mehr Investitionen in Marketing und Forschung, aber Abwanderungstendenzen bei Verwaltung und Produktion: So erklärt sich der vergleichsweise geringe Effekt der Investitions- und Umsatzsteigerungen auf die Beschäftigtenzahl.

Der Trend geht ohnehin in Richtung Personalabbau: 46 Prozent der US-Unternehmen haben im vergangenen Jahr Arbeitsplätze abgebaut, nur 22 Prozent haben dagegen zusätzliche Mitarbeiter eingestellt.

An dieser Tendenz wird sich in Deutschland im Jahr 2005 trotz erster zaghafter Reformen wenig ändern: Im laufenden Jahr planen fast ein Drittel der befragten US-Unternehmen in Deutschland einen weiteren Personalabbau.

Osteuropa Schwerpunkt künftiger Investitionen

Osteuropa Schwerpunkt künftiger Investitionen

Die europäischen Investitionen von US-Unternehmen verschieben sich zunehmend nach Osteuropa. Jedes fünfte der befragten Unternehmen (19 Prozent) plant eine Verlagerung einzelner Geschäftsaktivitäten in andere europäische Länder.

Für 26 Prozent der US-Unternehmen ist Osteuropa dabei zur wichtigsten Region für Konzerninvestitionen aufgestiegen. Im Vorjahr hatten erst 13 Prozent der befragten US-Firmen dort ihren Investitionsschwerpunkt gesehen.

Vor allem Industrien wie Automobil und Industriegüter setzen verstärkt auf Osteuropa und bauen dort Produktionsstätten auf oder aus. Aber auch Anbieter von Dienstleistungen erblicken in den schnell wachsenden Märkten Osteuropas ihren Investitionsschwerpunkt und verlagern dorthin etwa IT-Support oder Call-Center.

US-Unternehmen schätzen Osteuropa vor allem wegen niedriger Lohnkosten und geringer Regulierungsdichte. Polen, Tschechien oder die Slowakei gelten als die attraktivsten Arbeitsmärkte in Europa - gefolgt von Großbritannien und Irland.

"Als Produktionsstandort verliert Deutschland rapide"

Dieter Heuskel, Deutschland-Chef der Boston Consulting Group, sieht in der Verlagerung einen weltweit zu beobachtenden Trend: "Als Produktionsstandort verliert Deutschland gegenüber den osteuropäischen Nachbarn rapide an Boden, während die Attraktivität als Absatzmarkt und Forschungsstandort ungemindert ist", so Heuskel.

Von dieser Art Strukturwandel seien ähnlich entwickelte Volkswirtschaften wie die USA und Japan gleichermaßen betroffen. "Unternehmen suchen für jede einzelne Wertschöpfungsstufe und -tätigkeit weltweit den optimalen Standort", so der Deutschland-Chef von BCG.

Was sich US-Firmen von Deutschland wünschen

Was sich US-Firmen von Deutschland wünschen

Verbesserungsbedarf sehen US-Unternehmen vor allem im Bereich des Arbeitsmarktes: Nicht nur zu teuer, sondern vor allem zu starr, so die Kritik.

Gewünscht werden vor allem eine größere Flexibilität bei Einstellungen und Kündigungen (37 Prozent), eine Senkung der Lohnnebenkosten (36 Prozent) und weniger Regulierung (33 Prozent). Jedes dritte Unternehmen wünscht sich außerdem mehr Wachstum und stärkere konjunkturelle Impulse in Deutschland.

Jedes fünfte Unternehmen wünscht sich zudem niedrigere Lohnkosten in Deutschland, 17 Prozent eine geringere Steuerbelastung.

Reformen kommen nur langsam an

Der Reformprozess in Deutschland hat die Wahrnehmung von US-Unternehmen insgesamt wenig verändert. Die Mehrheit der befragten Unternehmen bewertet die Qualität des Standortes Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten unverändert. Immerhin 22 Prozent der teilnehmenden Unternehmen registrieren eine Verbesserung, mit 25 Prozent allerdings nahezu ebenso viele eine Verschlechterung.

"Dieses Land bewegt sich, und es gibt eine Vielzahl guter Nachrichten. Dieses Land hat die bestausgebildeten Mitarbeiter und hoch innovative Unternehmen und somit alle Chancen, auch künftig an der Spitze zu stehen", sagt Fred B. Irwin, Präsident der AmCham Germany. Es komme allerdings darauf an, die notwendigen Reformen konsequent anzugehen, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Hintergrund zur Studie

Die Studie zum Standort Deutschland wurde von AmCham Germany gemeinsam mit der Strategieberatung The Boston Consulting Group durchgeführt. Es handelt sich um eine jährliche Befragung der US-Unternehmen in Deutschland nach ihrer Zufriedenheit mit dem Wirtschaftsstandort.

Bereits zum zweiten Mal wurden mit dem "Business Questionnaire" die 100 umsatzstärksten sowie als besonders innovativ geltende US-Unternehmen in Deutschland befragt, wie sie die Attraktivität des Standorts, Konjunktur und Wachstum einschätzen. 70 US-Unternehmen nahmen teil, darunter 65 Prozent der 50 umsatzstärksten US-Firmen in Deutschland.

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