Herausforderung China Der hungrige Riese

Durch das exorbitante Wirtschaftswachstum steigen Chinas Hunger und Durst nach Rohstoffen aller Art. Ob Öl, Gas, Stahl oder Getreide - China muss immer mehr dieser Rohstoffe importieren. Deren Preise steigen auf den Weltmärkten. Am Ende könnten globale Kämpfe um die knappen Ressourcen stehen.

Die Autofahrer waren wieder einmal sauer. "Plötzlich" stiegen im Verlauf des Jahres 2004 die Benzinpreise exorbitant an. Der Ölpreis war auf über 40 Dollar pro Barrel emporgeschnellt.

Seit vielen Jahren wurde wieder ein Rekordhoch erreicht, fast wie zu Zeiten der Ölkrise im Jahr 1973. Die Ölkonzerne zitierten die üblichen Ursachen: der eskalierende Dauer-Konflikt im Nahen Osten und die anziehende Weltkonjunktur. Doch unter die altbekannten Argumente mischte sich zum ersten Mal eine völlig neue Erklärung: der Öldurst Chinas.

Das boomende China kann sich im Energiebereich nicht mehr selbst versorgen und muss deshalb immer mehr Öl auf den Weltmärkten kaufen. Die steigende Nachfrage aus China wird die Ölpreise immer weiter nach oben treiben.

Denn wächst Chinas Wirtschaft nur annähernd in dem bisherigen Tempo von 7 bis 9 Prozent pro Jahr weiter, braucht es immer mehr Öl, das Schmiermittel jeder Volkswirtschaft. Da gleichzeitig die Reserven im eigenen Land schwinden, müssen die Chinesen ihr Öl immer öfter auf den so genannten Spotmärkten einkaufen.

China wird somit zum Preistreiber bei Öl, auch wenn es sich in dieser Rolle überhaupt nicht gefällt. "Es gibt so viele andere Faktoren, die den Ölpreis bestimmen, zum Beispiel Währungsschwankungen, die Gefahr terroristischer Attacken und Spekulationen", redet Yu Jiao, Forscher beim Ölkonzern Sinopec , die Lage schön.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn Tatsache ist: Rund die Hälfte des Ölpreis-Anstiegs basiert auf Chinas steigendem Öldurst, rechneten Experten der Internationalen Energie-Agentur (IEA) aus.

Der Drache als "Staubsauger"

Doch das Jahr 2004 bescherte uns nicht nur die betrübliche Erkenntnis explodierender Ölpreise. Auch andere Rohstoffe werden wegen Chinas unstillbarem Hunger immer knapper und deswegen immer teurer. Selbst Stahl - nach Öl der zweitwichtigste Grundstoff der Industriestaaten - ist plötzlich so heiß begehrt, dass die Preise geradezu explodieren. Manche Firmen bekommen gar keinen Stahl, selbst wenn sie bereit sind, die horrenden Preise zu bezahlen.

Wie bei Stahl und Öl zogen fast alle Rohstoffpreise im Verlaufe der Jahre 2003 und 2004 gewaltig an. Ob Kupfer oder Zinn, ob Koks oder Kohle, ob Gold oder Platin, ob Getreide oder Sojabohnen - die Chinesen kaufen alles in riesigen Mengen ein. Ja, sogar Schrott importieren sie tonnenweise, um ihn nach den dringend benötigten Rohstoffen auszuschlachten.

"Staubsauger-Effekt" nennen die Ökonomen dieses Verhalten der Chinesen, die fast alle Rohstoffe an sich ziehen. Zwar hat China selbst Rohstoffe, aber längst nicht mehr so viele, dass es sich selbst versorgen könnte. Zum Beispiel Getreide: Bis vor wenigen Jahren reichte die Getreideernte im Lande aus, um das 1,3-Milliarden-Volk zu ernähren. Seit 1996 müssen die Chinesen jedoch Getreide importieren.

Beispiel Öl: Die Quellen im eigenen Lande versiegen, neue werden kaum entdeckt, und wenn, dann kann das Öl nur unter extremen Bedingungen gefördert werden. China muss sich deshalb jenseits der Grenzen umschauen. Bislang kaufte China sein ausländisches Öl vor allem in Afrika und Südamerika. Doch diese Quellen reichen nicht mehr aus.

Nun muss sich China immer mehr im Nahen Osten und Zentralasien bemühen - zwei Gegenden, die alles andere als friedlich sind und in denen die USA, das ölhungrigste Land der Welt, kräftig mitmischen und argwöhnisch neu eindringende Konkurrenten beobachten.

Eskalationsherd Naher Osten?

Der weltweite Kampf ums Öl könnte deshalb durch Chinas gewaltigen Auftritt eine neue Eskalationsstufe erreichen. Und was für das Öl gilt, könnte auch für andere Rohstoffe gelten: Durch Chinas anhaltenden Bedarf könnten wir am Beginn eines globalen Verteilungskampfes um Rohstoffe stehen.

Bis vor wenigen Jahren interessierte sich die neue Macht im Fernen Osten reichlich wenig für den Nahen Osten. Allenfalls pflichtschuldiges Eintreten für die Palästinenser war zu vermerken, ein Relikt aus alten kämpferischen Zeiten, als man noch Befreiungsbewegungen in aller Welt unterstützte.

Doch in Zukunft wird sich China - ob es will oder nicht - stärker im Nahen Osten engagieren müssen. Das schließt auch eine aktive politische Rolle ein. Die chinesische Regierung hat bereits reagiert und einen Beauftragten für den Nahen Osten ernannt.

Warum plötzlich dieses Engagement? Die Antwort heißt Öl. Fast alle Staaten des Nahen Ostens sitzen auf großen Ölvorräten.

Bis vor wenigen Jahren hat China geschickt den Nahen Osten als Ölquelle gemieden. China kaufte sein Import-Öl lieber in solchen Regionen und Ländern ein, an denen der Westen wenig Interesse zeigte und wo es folglich wenig Konfliktstoff gab - zum Beispiel in Afrika (Angola, Sudan) und in Südamerika (Venezuela). So ist das schwarzafrikanische Angola auch heute noch die Nummer eins unter Chinas Öllieferanten.

Doch mit Chinas zunehmendem Ölbedarf muss sich China auch nach anderen ergiebigeren Quellen umsehen. Und da kommen plötzlich zwei Regionen ins Spiel, die einerseits viel Öl haben, andererseits aber auch ein hohes Konfliktpotenzial besitzen: der Nahe Osten und der zentralasiatische Raum. In beiden Regionen trifft China auf eine andere ölhungrige Macht - die USA.

Show-down der Giganten

Die Amerikaner sind mit großem Abstand vor den Chinesen die größten Ölverbraucher der Welt. Doch ziemlich schnell gehen auch ihre heimischen Ölvorräte zur Neige. Wenn die Amerikaner weiterhin so verschwenderisch mit ihrer Energie umgehen, schätzen Experten, dass schon im Jahr 2010 ihre heimischen Ölquellen erschöpft sein werden.

Spätestens dann wird es zu einem Show-Down der beiden ölhungrigen Giganten kommen. Wahrscheinlich werden die Streitereien schon früher beginnen. So prophezeit James Caverly vom US-Energieministerium, dass es "bald zu (energiebedingten) Interessenkonflikten zwischen China und den USA kommen wird, insbesondere in der Golf-Region". Noch haben die Amerikaner im Nahen Osten einen gewissen Heimvorteil, weil sie dort schon seit langem sehr aktiv sind.

In Zentralasien bemühen sich die USA seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Im Gefolge der beiden Feldzüge gegen Afghanistan und den Irak ist ihnen das gelungen. Geschickt haben sie sich nicht zuletzt unter dem Deckmäntelchen der Terroristenbekämpfung in einigen zentralasiatischen Republiken festgesetzt.

Den Chinesen gefällt dieses Engagement der Amerikaner überhaupt nicht, denn Beijing betrachtet Zentralasien als seinen Hinterhof mit sprudelnden Öl- und Gasquellen. Dort hat China durch zahlreiche diplomatische Aktivitäten inzwischen eine starke Stellung.

Mit Kasachstan und Usbekistan bestehen zum Beispiel enge Kooperationen im Energiebereich. Im Nahen Osten dagegen ist die Position Chinas relativ schwach, obwohl China dort immer mehr in die diplomatische Offensive geht.

Raketen für Saudi-Arabien

So brach im September 2004 zum Beispiel der chinesische Außenminister plötzlich zu einer Tour durch den Jemen, Oman, Ägypten und Saudi-Arabien auf. Mit dem Golfkooperationsrat, dem sechs arabische Staaten (darunter auch Saudi-Arabien) angehören, werden Gespräche über ein Freihandelsabkommen geführt, das den Chinesen unter anderem den Zugang zu den dortigen Öl- und Gasfeldern erleichtern soll.

Vor allem zu Saudi-Arabien gibt es immer engere Beziehungen - zu eng und zu gut, beklagen sich die Amerikaner, für die die Saudis der wichtigste Partner in der Golfregion sind. Das Pentagon macht sich deshalb schon große Sorgen wegen Chinas wachsenden Einflusses im Ölland Saudi-Arabien. Artikuliert wurden die Bedenken in einer Studie mit dem Titel Sino-Saudi Energy Rapprochement: Implications for US National Security.

Den Amerikanern missfällt, dass die Saudis junge Landsleute zur Ausbildung nach China schicken und dass die Chinesen den Saudis Waffen liefern. So besitzen diese bereits mehrere Mittelstreckenraketen vom Typ CSS-2, die sich auch als Träger von Atomsprengköpfen eignen. Chinesisches Militärpersonal ist permanent zur Wartung der Raketen und zum Training von Soldaten im Lande.

"Es gilt als sicher, dass die Chinesen eifrig dabei sind, ihren Einfluss im Persischen Golf auszudehnen, und Saudi-Arabien wird dabei eine Schlüsselstellung in ihrer Strategie einnehmen", sagt China-Experte Thomas Woodrow von der Defense Intelligence Agency.

Chinas Engagement scheint bei den Saudis auf Gegenliebe zu stoßen. Als sie im März 2004 zum ersten Mal seit 1973 wieder Explorationsrechte für Gasfelder an Ausländer vergaben, kamen nicht amerikanische Energiemultis zum Zuge, sondern - neben der russischen Lukoil  - der chinesische Konzern Sinopec.

Subtil oder missionarisch?

Dieses Staatsunternehmen bemüht sich auch im Iran um einen lukrativen Förderauftrag - sehr zum Ärger der Amerikaner. Mit allen Mitteln wollen diese ein Engagement Chinas im "Schurkenstaat" Iran verhindern. Sie drohen sogar den Chinesen, doch die stellen sich taub. Ein Sinopec-Manager sagt: "Wir beachten die US-Forderungen nicht."

Westliche Sicherheitsexperten fürchten, dass China verstärkt Allianzen mit arabischen Ölstaaten eingehen wird, die Terroristen unterstützen. Politik-Professor Eberhard Sandschneider urteilte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "China könnte gezwungen sein, sich mit Regimen zu arrangieren, die nicht unbedingt auf der Freundesliste der USA stehen." Zum Beispiel mit dem Iran, mit dem inzwischen eine rege Öl-Diplomatie besteht.

Auch mit dem - im Westen nicht sonderlich beliebten - Syrien wurde im Sommer 2004 ein erstes gemeinsames Ölförderprojekt gestartet. Ob es eine bewusste Strategie der Chinesen ist, mit solchen eher geächteten Staaten Geschäftsbeziehungen einzugehen, ist schwer zu beweisen.

Tatsache ist jedoch, dass China einen Vorteil im Nahen Osten hat, weil es nicht so missionarisch auftritt wie die verhassten Amerikaner, die den arabischen Völkern die Heilsbotschaft der Demokratie predigen und als Besatzungsmacht empfunden werden. Die Chinesen hingegen gehen geschickter und pragmatischer vor - das wird ihnen mehr Sympathien einbringen.

Welche Strategie siegen wird - die wenig diplomatische amerikanische oder die subtile chinesische -, wird sich erst zeigen. Der amerikanisch-chinesische Konflikt um das Öl im Nahen Osten hat jedenfalls eben erst begonnen.

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