Herausforderung China Erst Schuhe, nun Raketen

Längst stellt China nicht nur billige Konsumgüter her. Das Land schickt sich an, in höherwertigen Industrien eine wichtige Rolle zu spielen. In der Biotechnologie ist China schon führend. Aber auch bei IT und Raumfahrttechnik holt das Land gewaltig auf.

Es war früher Morgen, als am 16. Oktober 2003 die Landekapsel von Shenzhou V in der Inneren Mongolei aufsetzte. 13 Minuten danach entstieg ihr Yang Liwei - der erste chinesische Astronaut. Über 21 Stunden war er im All, 14-mal umrundete er während dieser Zeit die Erde.

Yangs kurzer All-Tag war ein bedeutendes Ereignis. Denn nach Russland und den USA ist China damit das dritte Mitglied im exklusiven Klub der bemannten Raumfahrernationen. Das macht stolz.

Hoch erfreut sprach deshalb Chinas Präsident Hu Jintao sogleich von einem "historischen Schritt des chinesischen Volkes auf dem Weg an die Weltspitze in Wissenschaft und Technologie". Für ihn, aber auch für das freudentaumelnde Volk war das ein Beweis, dass die Chinesen technologisch gewaltig aufholen.

In der Tat: Eine Nation, die einen Menschen ins All schießen kann, muss zu den führenden Technologie-Mächten dieser Welt gerechnet werden. Das passt so gar nicht in das China-Bild vieler westlicher Beobachter. Sie assoziieren China immer noch mit billiger Ramschware. Spielzeug, Schuhe und Weihnachtsschmuck, vielleicht noch Handys und TV-Geräte - das können die Chinesen massenweise herstellen. Aber Hightech oder gar Raketen?

Für diese Ignoranten war Chinas Ausflug ins All eine große Überraschung. Aber spätestens jetzt wissen sie: China ist zielstrebig auf dem Weg zu einer führenden Hightech-Nation. Für den ehemaligen deutschen Botschafter Konrad Seitz ist China bereits die zweite Hochtechnologiemacht der Welt - neben den USA.

Das ist das Ziel der Regierung seit 1978 - dem Beginn der Reformpolitik -, und sie tut alles, damit es erreicht wird. Sie pumpt viel Geld in die Wissenschaft, und sie unterstützt Hightech-Unternehmen, wann immer es geht.

Mit dem Wissen wächst die Macht

Auch ausländische Konzerne tragen - so seltsam das auf den ersten Blick aussehen mag - ihren großen Teil dazu bei, dass ihre chinesischen Kontrahenten technologisch immer besser werden. Erst wurden sie vom Gesetzgeber in Gemeinschaftsunternehmen gezwungen, um dort ihren chinesischen Partnern ihr Know-how preiszugeben.

Später, als Joint-Ventures nicht mehr vorgeschrieben waren, funktionierte der Druck subtiler. Nun wurden die ausländischen Unternehmen vor eine Alternative gestellt, die man auch Erpressung nennen könnte: Wenn ihr hier auf den Markt wollt, dann müsst ihr euer Know-how mit- und einbringen.

Weil natürlich alle auf den lukrativen Markt der Zukunft wollten, erfüllten sie zähneknirschend die Forderungen. So bauen sie in China Forschungs- und Entwicklungszentren und Trainingsakademien und unterstützen Universitäten und kooperieren mit Forschungsinstituten. Auf diese Weise erfolgte im Laufe der Jahre ein unfreiwilliger, aber gewaltiger Know-how-Transfer von West nach Fernost.

Chinas Firmen und Forscher holen - dank staatlicher und ausländischer Hilfe - kräftig auf. Die Lücke zu den Industriestaaten wird immer kleiner, ja in manchen Bereichen existiert sie schon gar nicht mehr, wie zum Beispiel in der Bio- und Gentechnologie, wo die Chinesen geschickt den - durch ethische Bedenken ausgelösten - Stillstand im Westen ausnutzen, um davonzuziehen.

In der Informations- und Kommunikationsindustrie sind die Chinesen noch hinter den Amerikanern (und Europäern) zurück. Da aber immer mehr dieser Produkte - von Computern über Handys bis zu Servern - in China hergestellt werden, steigt das Wissen der Chinesen in diesen Bereichen und damit ihre Macht.

Bei manchen Produkten in der IT-Branche fühlen sich die Chinesen deshalb schon so stark, dass sie versuchen eigene Standards zu setzen und diese dem Rest der Welt aufzuzwingen. Noch versuchen sie es vergeblich, doch die Zeit wird kommen, da sie erfolgreich sein werden - und zwar schneller, als wir denken.

Riskante Entwicklungshilfe

Wie ausländische Konzerne ihre chinesischen Konkurrenten aufrüsten

Wir sitzen im deutschen Restaurant "Schindlers Tankstelle" in Beijing. Mein Gesprächspartner, ein alter China-Kenner und langjähriger Vertreter eines deutschen Konzerns, wird nach einer Flasche Rotwein gesprächig und sehr deutlich. "Was hier abgeht, ist eine der größten Räubereien der Menschheit", sagt er. Das sind - keine Frage - starke Worte.

Aber der erfahrene Mann ist seit 25 Jahren im China-Geschäft und er weiß sehr wohl, wovon er spricht. Er saß mit in den Verhandlungen, als die chinesische Seite immer wieder Know-how und Technologien von den deutschen Unternehmen, denen er diente, forderte. Nur wenn es dies lieferte, sollte sein Unternehmen Aufträge bekommen. Know-how gegen Marktzugang - so lautet auch heute noch die Formel der Chinesen.

Vor allem der Staatsrat, das Pendant zu unserer Regierung, übt in den vergangenen Jahren gewaltigen Druck auf ausländische Konzerne aus. Wer aus dem Westen in China Geschäfte machen wolle, solle gefälligst sein Wissen mit- und einbringen. "Die Chinesen nennen das Technologie für Marktzugang", sagt Delbert Williamson, globaler Vertriebschef des US-Multi General Electric (GE) . Die Chinesen sind in einer starken Verhandlungsposition: "Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten unser Know-how transferieren", sagt mein Gesprächspartner in "Schindlers Tankstelle".

"Die weltweit führenden Unternehmen, die fast alle in China aktiv sind und dort große Forschungs- und Entwicklungszentren hochgezogen haben, leisten auf diese Weise eine riskante Entwicklungshilfe", kritisiert Philipp Vorndran, Asienexperte und Chef des deutschen Asset Managements von Credit Suisse .

Transfer des Tafelsilbers

Der ebenso unterhaltsame wie informative Newsletter "Xiu Cai", den der ehemalige Kammer-Geschäftsführer in Beijing, Jörg-M. Rudolph, herausgibt, hat eine nicht ganz vollständige Liste erstellt, welche ausländischen Unternehmen schon Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen (F&E) in China unterhalten. Die bezeichnende Überschrift über die drei Seiten lange Liste: "Der größte Tafelsilber-Transfer aller Zeiten."

Rund 400 der 500 größten Unternehmen der Welt haben in China bereits F&E-Zentren. Ob Auto-, Elektronik-, Pharma- oder Telekommunikationsfirmen - sie alle haben sich "erpressen" lassen.

Ein paar Beispiele: Motorola  unterhält 19 Technologiezentren in China, was das Telekom-Unternehmen bislang 300 Millionen Dollar gekostet hat. Die Konkurrenten Ericsson , Nokia  und Siemens  haben große F&E- sowie Trainingszentren, wo sie - kostenlos versteht sich - Tausende ihrer Kunden schulen. Siemens unterhält in Beijing sein größtes Forschungszentrum für Mobilfunk außerhalb Deutschlands. "Das ist Teil unserer Verpflichtung, F&E nach China zu transferieren", sagt Wolfgang Klebsch, Chef des Zentrums. Rund 800 Chinesen arbeiten dort.

Microsoft  unterstützt mit Millionenbeträgen Professoren und Universitäten. IBM  schult 100.000 Software-Spezialisten in der vagen Hoffnung, dass sie ihre Hardware - sprich: Computer - kaufen.

Autohersteller General Motors (GM)  unterhält seit 1997 in Shanghai das PATAC, Pan Asia Technical Automotive Center. Dort entwickelt, designt und prüft GM seine Autos. Alle Geräte sind hoch entwickelt, bessere stehen auch nicht im Mutterhaus in Detroit. Gerade hat GM beschlossen, das PATAC nochmals für rund 200 Millionen Euro aufzurüsten. Zugang hat natürlich auch Joint-Venture-Partner Shanghai Automotive.

Kein Mut, nein zu sagen

Als Alcatel  sein sechstes Forschungszentrum in Shanghai einweihte, sagte Technik-Vorstand Niel Ransom in eher freudigem Ton: "Durch dieses Zentrum bekommt China Zugang zu der allerneuesten Telekommunikations-Technologie." Große Worte, gelassen ausgesprochen.

Der ehemalige Kammer-Geschäftsführer Rudolph fragt deshalb zu Recht: "Ist es eigentlich gut für Europa, wenn in den Hunderten mittlerweile in China hochgezogenen F&E-Einrichtungen heute bereits Zehntausende chinesischer Ingenieure nicht bloß mit höchst innovativen (im Ausland erdachten) Dingen beschäftigt, sondern vorher auf Kosten der auslagernden Firmen auch aus- und dann weitergebildet werden?"

Nein, es ist natürlich nicht gut für Europa, übrigens auch nicht für die USA, wenn immer mehr Unternehmen immer mehr Know-how nach China transferieren und damit ihre Konkurrenten von morgen heranzüchten.

Aber bislang hatte kein Manager den Mut, nein zu sagen, und es wird wohl auch in Zukunft keiner tun. Sie denken kurzfristig. Sie wollen jetzt auf den chinesischen Markt, und dafür tun sie fast alles. Was morgen wird, interessiert sie nicht. Denn dann sind sie nicht mehr im Amt.

Deshalb wird der Technologietransfer munter weitergehen. Ein wichtiger Lieferant ist - neben dem Westen - ein naher Verwandter: die Inselrepublik Taiwan.

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