Herausforderung China Aufbau Ost, Abbau West

In Deutschland nimmt die Zahl der Arbeitsplätze ab, weil immer mehr Unternehmen ihre Produktion in das Reich der Mitte verlagern. Und mit der Produktion wandert nun auch die Forschung und Entwicklung Richtung China. Was also bleibt uns im Westen?

Hamburg - Eine neue industrielle Revolution vollzieht sich - rund 150 Jahre nach der ersten. Damals, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, stieg England zur ersten und führenden Industrienation der Welt auf.

Heute ereignet sich in China ähnlich Umwälzendes: China wird zur "Fabrik der Welt", wie es Siemens-Chef Heinrich von Pierer ausdrückt. Immer mehr Güter werden in gigantischen Stückzahlen in China hergestellt und auf dem Weltmarkt verkauft.

Mit Kleidung und Schuhen fing es an. Heute stehen in fast allen Labels - ob bei der schwedischen Billigkette Hennes & Mauritz  oder beim teuren US-Designer Ralph Lauren  - die drei Worte "Made in China". Auch die Sportschuh-Hersteller Adidas , Nike  und Puma  lassen seit Jahren fast nur noch in China produzieren.

Bald folgten so genannte braune und weiße Waren, also Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräte. Inzwischen kommen 50 Prozent aller Kameras, 30 Prozent aller TV-Geräte und Klimaanlagen, 25 Prozent aller Waschmaschinen und 20 Prozent aller Kühlschränke aus China.

"China wird zur Produktions-Supermacht, und diese Entwicklung scheint unaufhaltsam", prophezeit Asien-Kenner Kenneth Courtis von der Investmentbank Goldman Sachs . Heute schon ist China das viertgrößte Produktionsland der Welt - hinter den USA, Japan und Deutschland.

Und es ist bereits auf dem Sprung, die beiden Letzteren zu überholen. Bislang kommen aus Chinas Fabriken sieben Prozent der Weltproduktion. Jonathan Woetzel, Direktor bei McKinsey in Shanghai, sagt, es sei durchaus möglich, dass in zwei Jahrzehnten dieser Anteil auf 25 Prozent steige.

Diese Verschiebung hat dramatische Folgen für den Rest der Welt. In den entwickelten Staaten vollzieht sich eine schleichende Deindustrialisierung. Aus der Triade - also den USA, Japan und Europa -, aber auch aus so genannten Schwellenländern wie Mexiko verschwinden ganze Industrien Richtung China.

Chinas enormes Tempo

Chinas enormes Tempo

Branchen wie Textil, Stahl und Werften sind schon mehr oder weniger weg. Weitere Industrien folgen, und zwar in einem Tempo, das die Welt noch nicht gesehen hat. Ob Autos, Chips oder Handys - China baut auch in diesen höherwertigen Branchen immer mehr Produktionskapazitäten auf.

Und mit den Industrien verschwinden die Arbeitsplätze. In den alten Industriestaaten geht deshalb die Angst um vor einem "Jobless Growth", wie die Ökonomen sagen. Dort gibt es zwar wieder (höhere) Wachstumsraten, doch die Zahl der Beschäftigten nimmt trotzdem ab. Neue Arbeitsplätze entstehen fast nur in China.

Und noch eine zweite Angst geistert durch die Köpfe. So fragt Jeffrey E. Garten, Dean der Yale School of Management, in einer Business-Work-Kolumne besorgt: "Wird Chinas Bedeutung bei der globalen Produktion bald dieselbe sein wie Saudi-Arabiens Position auf dem Weltölmarkt?" Es gibt durchaus Befürchtungen, dass man zu abhängig von der Produktionsmacht China werden könnte.

In der Tat: Wenn China von heute auf morgen - aus welchen Gründen auch immer - die Grenzen dichtmachen würde, hätte die restliche Welt ein großes Problem: Es gäbe keine Computer mehr, die Regale bei Wal-Mart  und die Kleiderständer bei Hennes & Mauritz  wären größtenteils leer.

Karl-Gunnar Fagerlin sitzt in Stockholm und hat trotzdem großen Einfluss auf Chinas Wirtschaft. Er ist Einkaufschef des schwedischen Bekleidungshändlers Hennes & Mauritz (H&M), der rund 900 Geschäfte in aller Welt betreibt. Von Stockholm aus entscheiden er und sein 200 Köpfe starkes Team, wo die rund 500 Millionen Kleidungsstücke, die H & M jährlich verkauft, gefertigt werden sollen. Fagerlins Team votiert immer häufiger für China, das für H & M inzwischen wichtigste Produktionsland neben Bangladesch, Indien und der Türkei.

Die Bestellungen aus Stockholm treffen per E-Mail in Shanghai ein. Dort sitzen im so genannten Produktionsbüro von Hennes & Mauritz rund 20 Chinesen. Stockholm braucht 50000 Hemden in sieben Tagen, 30000 BHs in vier Wochen? Kein Problem für die Chinesen im Shanghai Office. Sie haben die Produktionspläne der rund 100 Fabriken im Lande vorliegen und können in wenigen Minuten erkennen, wo in China sie die Aufträge platzieren.

Das Warenhaus der Welt

Wo H&M, Metro & Co. einkaufen

Wie für Hennes & Mauritz ist für alle großen Händler dieser Welt China längst ein Einkaufsparadies. Hier lassen sie den Großteil ihrer Waren fertigen, hier kaufen sie ein. Wal-Mart, das weltgrößte Handelsunternehmen, hat in Shenzhen - der Nachbarstadt von Hongkong - sein Einkaufsbüro. Von hier aus werden alle Einkäufe in China gesteuert. Wal-Mart kaufte 2003 Waren im Wert von 12 Milliarden Dollar in China, in fünf Jahren soll es eine Größenordnung von 25 bis 30 Milliarden sein.

Der französische Wal-Mart-Rivale Carrefour  hat sogar sein Global Purchasing Center nach China, und zwar nach Shanghai, verlagert. Der weltweite Einkauf aller Waren wird hier koordiniert. In den Märkten von Carrefour kommen bereits 25 Prozent der Waren aus China.

Ähnlich ist es bei der Metro , bei KarstadtQuelle  oder Neckermann. Die deutschen Handelskonzerne kaufen schon seit Jahrzehnten in China ein. Es fing mit Spielzeug, Uhren und Weihnachtsschmuck an. Heute beziehen Metro & Co. Computer, Kühlschränke und fast alle Kleidungsstücke aus China.

Im arbeitsintensiven Bekleidungssektor hat China inzwischen eine überragende Weltmarktstellung. Weltweit kommt fast jedes zweite Kleidungsstück aus der Volksrepublik. Jede Modemarke - auch die nobelste - lässt inzwischen in China nähen und schneidern.

Die vielen chinesischen Textilfabriken können alle Qualitäten liefern - von ganz billig bis sehr edel. Selbst die italienischen Nobelschneider zittern schon. Paolo Zegna, Sohn des legendären Firmengründers Ermenegildo Zegna, sitzt nachdenklich in seinem Büro im piemontesischen Trivero und sagt: "Die Chinesen sind eine große Gefahr für uns."

Und deren Vormachtstellung im Bekleidungsbereich wird noch zunehmen. Ende 2004 lief das Welttextilabkommen aus, das bislang den Chinesen Exportquoten aufzwang.

Nun können die chinesischen Firmen so viel exportieren wie sie wollen. "Wir werden kommen, und wir werden auf der ganzen Welt eine neue Bekleidungskultur entwickeln", kündigte Du Yuzhou, Präsident des chinesischen Textilverbandes, bereits in einem Interview mit dem Fachblatt "Textilwirtschaft" an.

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