Dienstag, 24. September 2019

Brasilien "Der Gang an den Zuckerhut rechnet sich"

Brasiliens Wirtschaft erholt sich. Nach dem Absturz 2003 locken jetzt hohe Wachstumsraten. Im Gespräch mit manager-magazin.de erläutert Brasilien-Experte Walter von Kalm, worauf deutsche Investoren achten müssen, welche Branchen gute Profite versprechen, und warum Kriminalität im Amazonas-Land ein Kostenfaktor ist.

mm.de:

Die Prognosen für Brasilien Wirtschaft sind viel versprechend. Wird der Boom anhalten, oder handelt es sich um ein Strohfeuer?

Walter von Kalm ist Unternehmensberater. Er lebt und arbeitet in Brasilien.
von Kalm: Die Vorgaben sind gut. Nachdem das Bruttosozialprodukt 2003 um 0,2 Prozent schrumpfte, erwarten die Beobachter für dieses Jahr ein Wachstum von 4 Prozent. Manche sprechen gar von 5 Prozent. Getragen wird der Aufschwung vom Export, der in den ersten acht Monaten 2004 um 30 Prozent zulegte. Den Handelsbilanzüberschuss des vergangenen Jahres hat Brasilien bereits im September erreicht. Eine Million Arbeitsplätze sind entstanden. Das wird positive Folgen für die Binnennachfrage haben. Es handelt sich also um einen stabilen Aufschwung. Der allerdings kann nur erhalten bleiben, wenn mehr in Straßen und Häfen investiert wird. Ohne eine verbesserte Infrastruktur ist ein Wachstum von 4 Prozent über das Jahr 2005 hinaus nicht möglich.

mm.de: Gerade Unternehmer haben den sozialistischen Präsidenten Luiz Inácio da Silva, genannt Lula, zunächst als Bedrohung wahrgenommen. Jetzt preisen sie ihn als Heilsbringer. Hat sich Lula vom Saulus zum Paulus gewandelt?

von Kalm: Richtig wäre zu sagen: vom Oppositionellen zum verantwortungsbewussten Präsidenten. Eine Bedrohung durch Lula hat vor allem das Ausland gesehen. Der Präsident hat lange Jahre der Gewerkschaftstätigkeit und der parlamentarischen Opposition hinter sich. Dort hat er gelernt, durch überzogene Forderungen Handlungsspielräume zu gewinnen. In der Schlussphase des Wahlkampfes hat die damalige Regierung dem Kandidaten Lula alte Forderungen und Äußerungen vorgehalten, was die Ressentiments im Ausland verstärkt hat. Wer aber das Programm Lulas genau gelesen hat, musste wissen, dass er keine Bedrohung sein würde.

mm.de: Welche Branchen versprechen üppige Wachstumsraten? Wo lohnt sich eine Investition, gerade für deutsche Unternehmen?

von Kalm: Besonders stark entwickeln sich Bereiche, die mit der Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten zu tun haben. Dazu gehören die Verarbeitung von Zucker, Fleisch, Alkohol, Leder und Pflanzenölen. Um diese Sektoren herum gruppieren sich die Versorger: Landmaschinenhersteller, Logistiker, Hafenbauer, Werkzeugmaschinenhersteller. Ebenfalls spannend ist der Telekommunikationssektor. Dort werden derzeit Wachstumsraten von über 30 Prozent verbucht. Viel Bewegung gibt es auch bei der Offshore-Ölförderung. Brasiliens Ölvorkommen liegen größtenteils vor der Küste.

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