Standort Deutschland "Wir haben ein Erkenntnisproblem"

Der Zustand Deutschlands bereitet Hermann Simon Sorgen. Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt der Vordenker und Berater, warum Unternehmer häufiger mit Politikern reden sollten, wieso Chris Gent bei der Mannesmann-Übernahme leichtes Spiel mit Klaus Esser hatte, und wo er unsere Wachstumschancen sieht.
Von Jochen Eversmeier und Jörn Sucher

mm.de:

Die Idee der schieren Größe feiert derzeit eine Renaissance. So forciert Frankreich die Bildung "nationaler Champions", siehe den europäischen, aber von Franzosen dominierten Luft- und Raumfahrtkonzern EADS oder zuletzt die Übernahme des Hoechst-Nachfolgers Aventis durch Sanofi-Synthelabo. Eine sinnvolle Strategie?

Simon: Schiere Größe traf stets auf Bewunderung, besonders bei denjenigen, die eine naive Weltsicht haben. Auf keinen Fall sollten wir den Weg Frankreichs gehen. Was Superminister Nicolas Sarkozy dort praktiziert, wird sich als Irrweg herausstellen. Er verordnet den Konsumgüterunternehmen Preissenkungen. Das verdeutlicht seine Philosophie und ist ein geradezu unglaublicher Eingriff in den Markt.

Mir ist in der Geschichte kein Beispiel bekannt, in dem der staatliche Eingriff zu langfristigen Erfolgen geführt hätte - siehe die Rahmenpläne des Ministeriums für Außenhandel und Industrie (MITI) in Japan, die traditionelle Planification in Frankreich, die Verstaatlichungen der 60er Jahre in England. Alles Holzwege!

Simon: Der Staat soll sich bitte aus diesen Dingen heraushalten. Kein Land der Welt hat mehr globale Champions als Deutschland. Das sind jedoch nicht unbedingt die ganz großen Unternehmen, sondern die Hidden Champions. Diese sind die wahre Stärke der deutschen Wirtschaft. Ich schließe damit natürlich nicht aus, dass der Staat für bessere und wettbewerbsfähigere Wirtschaftsbedingungen zu sorgen hat.

Die deutsche Pharmaindustrie ist nicht zuletzt deshalb zu Grunde gegangen, weil es zu viele staatliche Eingriffe gab. Die Amerikaner hingegen haben eine freie Preisbildung zugelassen und damit die heute weltführende Pharmaindustrie aufgebaut. Der Staat ist für die Rahmenbedingungen zuständig, der Aufbau mächtiger Champions ist Sache der Unternehmen - und von niemandem sonst.

"Wir denken zu wenig strategisch"

mm.de: Auto, Chemie, Versorger - eine exklusive Untersuchung des manager magazins belegt: Wir Deutsche sind vor allem in klassischen Branchen gut. Computer bauen andere Nationen. Auch im Internet gibt es keinen international bedeutenden deutschen Spieler. Was machen wir falsch?

Simon: Es ist nicht richtig, dass Deutschland nur in den klassischen Branchen gut ist. Wir haben große Weltmarktführer in sehr modernen Bereichen. Ich denke zum Beispiel an SAP bei betriebswirtschaftlicher Software, Tui im Tourismus oder die Deutsche Post World Net in der Logistik. Lufthansa Cargo ist ebenfalls globaler Marktführer. Auch der Handelskonzern Metro und Würth, als größter Händler von Montageprodukten, spielen in der Königsklasse.

Dennoch: Manchmal hat das Management die Zeichen der Zeit nicht früh genug oder nicht richtig erkannt. Behäbigkeit und Trägheit haben eine große Rolle gespielt. Gerne verweise ich hier auf Motorräder. 1957 stand die größte Motorradfabrik der Welt in Neckarsulm, das war NSU. Jedoch verstand man bei NSU nicht, dass sich ein sekundärer Motorradmarkt entwickelte, nämlich der Freizeitmarkt, der viel größer wurde als der primäre Markt, der im Niedergang begriffen war. So überließ man dieses Geschäft den Japanern.

mm.de: Fehlt es uns - und damit dem Standort - an der Fähigkeit Neues zu wagen?

Simon: Nein. Allerdings wagen wir das Neue eher außerhalb Deutschlands. Dorthin geht heute ein Großteil der Investitionen und der Arbeitsplätze. Wir wagen es nicht in unserem Land, weil hier die Bedingungen nicht stimmen, zum Beispiel das starre Kündigungsrecht, der inflexible Arbeitsmarkt, die zu hohen Sozialkosten. Am Zug in das Ausland wird sich nichts ändern, wenn die Rahmenbedingungen nicht besser werden.

mm.de: Unser Eindruck ist, dass unsere Topmanager in der Krise vor allem auf die Kostenbremse treten, statt mit neuen Produkten zu glänzen. Denken unsere Konzernchefs zu konservativ?

Simon: Natürlich liegt es immer am Personal, aber stärker am politischen als am Managementpersonal. Wichtiger und völlig unterschätzt ist die Bedeutung der Kapitalmärkte. Deutsche Unternehmen sind im internationalen Vergleich enorm unterbewertet. Daraus ergeben sich Übernahmechancen für Ausländer.

An dieser Hürde ist Mannesmann gescheitert und im Ergebnis von Vodafone geschluckt worden. Die Zentrale des Konzerns sitzt jetzt in England und nicht mehr in Düsseldorf. Ich glaube auch, dass deutsche Manager in solchen internationalen Übernahmeprozessen zu wenig politisch denken. Man vergleiche beispielsweise den politisch-strategischen Horizont von Chris Gent mit dem von Klaus Esser.

"Chris Gent war Esser überlegen"

mm.de: Gent war Esser überlegen?

Simon: Es gibt unternehmerische Vorgänge die das Niveau von großer Politik und Strategie, von Staatsverträgen, von weltmännischen Verhalten erfordern. Da sind deutsche Manager wie Klaus Esser den Commonwealth-geschulten Briten, in diesem Fall Chris Gent, unterlegen. Gent hat aus einer relativ schwachen Position ein globales Mobilfunk-Imperium geschaffen.

Gleiches gilt für den Vergleich von Deutschen und Franzosen, die ihre Führungskräfte in der Ecole Nationale d'Administration (ENA)  schulen. Anschließend sind diese besser verdrahtet mit der politischen Ebene und handeln auch beim Managen politischer.

Deutsche Führungskräfte machen einen guten Job, denken aber oft nicht in derart globalen Dimensionen. Ausnahmen gibt es, etwa DaimlerChrysler oder die Deutsche Bank.

mm.de: Fällt es deutschen Managern auch wegen des historischen Traumas der Nazi-Diktatur schwerer, ihre Ziele genauso selbstbewusst zu formulieren wie ihre britischen oder französischen Kollegen?

Simon: Das hat damit zu tun. Allerdings ist der historische Hintergrund nicht das primäre Hindernis. Entscheidender ist die strikte Trennung von Politik und Wirtschaft in Deutschland. In anderen Ländern werden große Deals viel besser zwischen den Entscheidern auf politischer und unternehmerischer Ebene vorbereitet. Die kennen sich genau. Da herrscht eine ganz andere Vertrauensbasis.

mm.de: Wie lässt sich das ändern? Durch eine deutsche Elitehochschule nach französischem Vorbild?

Simon: Kurzfristig bringt das wenig. Erste Erfolge wären frühestens in 30 Jahren zu erwarten. Schnelle Abhilfe könnte der forcierte Austausch in nicht institutionellen Kreisen schaffen. Es gibt zu wenig Tagungen und Konferenzen, an denen Politiker und Wirtschaftsführer aus der Spitzenebene gemeinsam teilnehmen.

Politiker der ersten Garde besuchen lieber eine medienwirksame Tagung des Deutschen Fußball-Bundes als einen kleinen Unternehmerzirkel. Gleiches gilt aber auch für Manager. In Deutschland ist das Interesse aufeinander zuzugehen eher gering. Das ist ein Standortnachteil.

"Wir brauchen bessere Netzwerke"

mm.de: Umgekehrt liegt darin doch auch eine Gefahr. Droht bei einer allzu engen Kooperation von Politik und Wirtschaft nicht elitäre Inzucht?

Simon: Das ist die andere Seite der Medaille. Frankreich ist in dieser Hinsicht ein extremes Beispiel. Dort können sie in der Tat nur etwas werden, wenn sie die Eliteschule durchlaufen haben und über das entsprechende Netzwerk verfügen.

In Deutschland aber herrscht das andere Extrem. In Folge des Zweiten Weltkriegs wurden soziale Strukturen zerschlagen. Dadurch konnten hier zu Lande einerseits viele Talente nach oben kommen, die sonst keine Chance gehabt hätten. Andererseits wurden im Ergebnis die großen Gesellschaftsbereiche voneinander getrennt.

Das gilt im Übrigen nicht nur für Wirtschaft und Politik. Auch Kirche und Kultur agieren für sich. Die kennen sich nicht, die reden nicht miteinander, es sind getrennte Welten. Höchstens einmal im Jahr, zum Beispiel in Bayreuth, läuft man sich über den Weg.

mm.de: Reichen gemeinsame Konferenzen aus, um das Zusammenspiel zu verbessern?

Simon: Nein. Der Staat soll sich auf die Rahmenbedingungen konzentrieren. Dabei muss die Wirtschaft stärker mitreden - und zwar nicht über den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Auch wenn Verbandsleute das stets bestreiten, sind sie in ihrem Denken näher an der Politik als an der Wirtschaft orientiert.

mm.de: Was schlagen Sie vor?

Simon: Der Austausch muss vor allem über Personen erfolgen. Beispiel Amerika: Dort ist mit John Snow ein ehemaliger Vorstandschef Finanzminister. In Deutschland entscheidet mit Finanzminister Hans Eichel ein ehemaliger Gymnasiallehrer über den Haushalt. Diese Trennung hat massive negative Folgen. Denn nach wie vor leidet dieses Land an einem zentralen Irrtum: Viele Fehler der Regierenden beruhen nicht auf einem Umsetzungsproblem, sondern auf einem Erkenntnisproblem.

"Siemens ist ein Hoffnungsschimmer"

mm.de: Inwiefern?

Simon: Die meisten Manager sehen in der verfehlten Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre ein Umsetzungsproblem. Das heißt, die politischen Stellen wussten nach Meinung der Unternehmer, wo sie ansetzen sollten, bedienten sich aber der falschen Instrumente.

Diese Sicht ist falsch. Tatsächlich sind die Vorstellungen über die richtigen Instrumente völlig unterschiedlich. Nach meinen Erfahrungen mit Vertretern aus dem politischen Spektrum weiß ich mittlerweile, dass es zwischen vielen Entscheidern in Berlin und den deutschen Unternehmern keine gemeinsame Erkenntnisbasis gibt.

Nehmen Sie meine Person: Ich spreche regelmäßig vor Unternehmensführern. Die nicken und klatschen. Ich halte aber keine Vorträge vor Lehrern oder Gewerkschaftern oder einer Berliner Bezirksversammlung. Die würden vermutlich nicht applaudieren. Aber gerade auf diese Diskussionen kommt es an, auch wenn dieser Weg steinig erscheint. Wir müssen die Kreise verlassen, in denen wir täglich verkehren, um eine gemeinsame Erkenntnisbasis zu erreichen. Mea culpa!

mm.de: Davon ist bislang wenig zu spüren. Welche Gefahren gehen von dieser Beharrungsstrategie aus?

Simon: Die Folgen der Beharrungsstrategie sind bereits Realität. Die deutsche gewerbliche Wirtschaft hat im Jahr 2002 eine Nachsteuerumsatzrendite von 0,0 Prozent erzielt und liegt damit an letzter Stelle von 20 Industriestaaten. Das spiegelt sich in den Börsenwerten wider. Deutsche Unternehmen sind willkommene Beute.

Da es uns zudem zu langsam gelingt, die Arbeitskosten zu senken, wandern auch ständig Arbeitsplätze ab. Die Anhebung der Arbeitszeiten in den Siemens-Handywerken ist ein erster Hoffnungsschimmer.

"Uns fehlen Millionen junge Menschen"

mm.de: Nach so vielen Schwächen: Was hält Unternehmen überhaupt noch in Deutschland?

Simon: Ich zähle einige ungewöhnliche Stärken auf. Die deutsche Wirtschaft ist extrem internationalisiert und weltweit präsent. In dieser Hinsicht haben wir einen klaren Vorsprung vor anderen großen Ländern.

Wir besitzen außerdem den geostrategisch optimalen Standort. Von Deutschland aus kann man mit allen wichtigen Regionen innerhalb normaler Bürozeiten telefonieren und diese Regionen in zwölf Stunden per Flugzeug erreichen. Auch unsere Infrastruktur ist hervorragend. Wir haben zudem nach wie vor die besten Ingenieure der Welt.

mm.de: Welche Branchen werden in Deutschland in Zukunft für das Schaffen von Arbeitsplätzen entscheidend sein?

Simon: Für die Binnenwirtschaft sehe ich viel Potenzial in arbeitsintensiven Dienstleistungen. Kranken- und Altenpflege gehören dazu. Aber auch so simple Dinge wie Gartenpflege. Das wird in Deutschland noch viel zu selten gemacht. Grund: Die staatlichen Lasten sind zu hoch. So einfach ist das.

mm.de: Und welche Schlüsseltechnologien sind für Deutschlands Zukunft entscheidend? Wo sollten wir Schwerpunkte setzen?

Simon: Die Sicht, dass die Zukunft der Nano- oder Biotechnologie gehört, halte ich für zu eng gefasst. Es geht um neue anspruchsvolle Technologien insgesamt. Nur auf die genannten Bereiche zu setzen, ist verfehlt. Was passieren muss, um Deutschland im globalen Wettbewerb nach vorne zu bringen, ist eine viel intensivere Förderung von Ideen an den Hochschulen, gleich welcher Art. Informatik, Chemie, Maschinenbau - entscheidend ist nicht die Branche, sondern das Geschäftsmodell, das dahinter steht. Die unternehmerische Umsetzung muss gefördert werden. Auch da sind uns etwa die USA meilenweit voraus.

mm.de: Mal angenommen, Sie wären Wirtschaftsminister an Stelle von Wolfgang Clement. Was würden Sie als Erstes tun?

Simon: Mehr Freiheit, weniger staatliche Eingriffe, Herunterdrehen der Belastung durch Steuern und Sozialabgaben. Wenn diese Bedingungen stimmen, dann werden die Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und loslegen.

Es gibt allerdings ein gravierendes Problem, die Überalterung unserer Bevölkerung. Hier ist mein Vorschlag: Jedes Jahr eine Million handverlesener junger Leute importieren. Uns fehlen zehn Millionen Menschen unter 30 Jahren. Diese Lücke können wir nur durch massive Einwanderung schließen. Das ist eine enorme Herausforderung - politisch, gesellschaftlich, kulturell - aber unsere einzige Chance.

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