Kreditklemme Wie Sie von Basel II profitieren

Ab 2007 übernehmen die Banken das Kreditrating ihrer Firmenkunden selbst. Der Mittelstand fürchtet schlechtere Zinskonditionen. Im Interview mit manager-magazin.de sagt Experte Jakob Wolf, wie Sie Basel II als Chance nutzen.

mm.de:

Herr Wolf, der Mittelstand zittert vor der Einführung von Basel II. In ihrem Buch "Kreditrating als Chance" preisen Sie dennoch die positiven Aspekte der bankinternen Bonitätsprüfung. Wo sollen die herkommen?

Wolf: Unternehmen mit gutem Rating können nach der Einführung Anfang 2007 mit wesentlich besseren Kreditkonditionen rechnen als bisher. Der zweite und nicht minder wichtige Punkt ist die Verbesserung des Managements. Dazu ist es unumgänglich, dass die Banken klar sagen, wie die Einstufung zu Stande gekommen ist. Nur so können die Betroffenen Schwachpunkte entdecken und beseitigen. Hier bietet Basel II eine echte Chance.

mm.de: Wie genau können Unternehmer das Management verbessern?

Wolf: Firmenchefs müssen durch den erhöhten Informationsbedarf der Banken schonungslos die eigene Position und die Lage ihrer Unternehmung überprüfen. Bei der Vorlage der harten Faktoren, die mit etwa 60 Prozent in die Bewertung einfließen, sind ein aktueller Jahresabschluss und eine Optimierung der relevanten Kennzahlen unabdingbar. Bei den weichen Faktoren kommen Marktfaktoren, Nachfolgeregelung und Kundenbeziehungen auf den Prüfstand. Insgesamt muss der Unternehmer viel mehr Informationen liefern als bisher. Er muss sich viel direkter und schneller über die Situation seines Betriebes klar werden. Die Guten profitieren also von günstigen Krediten. Gefährdete Akteure können schneller und direkter Schwachpunkte aufdecken und beseitigen.

mm.de: Nach Einschätzung des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) bedroht Basel II im aktuellen Verhandlungsstand fünf bis zehn Prozent der westdeutschen Unternehmen. Im Osten der Republik könnten sogar 20 Prozent durch die Einführung der neuen Richtlinien zur Kreditvergabe in größte Schwierigkeiten kommen. Wird Basel II doch der Sargnagel für den hiesigen Mittelstand?

Wolf: Ich halte diese Zahlen für etwas übertrieben. Allerdings sind die Folgen von Basel II nicht zu unterschätzen. Eine ganze Reihe von Untersuchungen hat gezeigt, dass sich die Kreditvergabekonditionen der deutschen Banken verschlechtern. Ablehnungsquote, Kündigungsquote und die dem Risiko angemessene Bepreisung - in diesen Bereichen ist mit negativen Auswirkungen zu rechnen. Deswegen müssen Unternehmen schon jetzt daran arbeiten, ihre Ausgangslage zu optimieren.

mm.de: Die Verschlechterung der Konditionen scheint die Unternehmen schon jetzt zu treffen. Derzeit übersteigt die Nachfrage nach Krediten das Angebot bei weitem.

Wolf: Basel II ist nicht die alleinige Ursache für die aktuelle Schieflage, wird aber häufig von den Banken als solche dargestellt. Tatsächlich berufen sich die Finanzinstitute momentan oft auf die neuen Vergaberichtlinien, die erst in vier Jahren in Kraft treten, um Kreditgesuchen nicht zu entsprechen. Auf diese Weise sollen die unsicheren Kreditkunden aussortiert werden. Auch wird Basel II derzeit dazu benutzt, das Portfolio der Kreditnehmer neu nach Branchen zu ordnen, um die Risiken zu minimieren.

Kommunikationsprobleme bei Basel II

mm.de: Basel II wird von den Banken instrumentalisiert?

Wolf: Teilweise. Angesichts der Bankenkrise nutzen Geldhäuser die Vergaberichtlinie, um das eigene Portfolio zu bereinigen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Letztendlich ist der frühzeitige Einsatz des Regelwerks in mancher Hinsicht sinnvoll und unumgänglich. Basel II ist über die Erprobungsphase längst hinaus. Banken müssen die Richtlinien frühzeitig anwenden, um die Daten ihrer Kundschaft in Zeitreihen zu ordnen. Nur wenn das Institut über Zeitreihen eines Kreditnehmers von vier bis fünf Jahren verfügt, kann das bankinterne Rating überhaupt eingesetzt werden.

mm.de: Gibt es Vorteile für Unternehmen durch ein frühes Anwenden von Basel II?

Wolf: Banken könne durch die Berechnung ihrer Eigenkapitalunterlegung günstigere Angebote machen. Wenn die Kreditgeber zum Beispiel viele Unternehmen mit gutem Rating vorweisen können, wird die Vergabe von Darlehen erleichtert. Die negativen Aspekte, sprich der Wunsch unsichere Kreditkunden loszuwerden, ist derzeit jedoch der wichtigste Grund für die Banken, Basel II vor 2007 anzuwenden.

mm.de: Der Kenntnisstand über Basel II scheint bei vielen Unternehmern bedenklich gering. Gibt es ein Kommunikationsproblem?

Wolf: Mein Eindruck ist, dass es wiederum die Banken sind, die hier mit verdeckten Karten spielen. Den Kunden wird nicht gesagt, was die Institute eigentlich bei Basel II antreibt. So wird etwa um das Zustandekommen von schlechtem Rating und höheren Zinsen ein großes Geheimnis gemacht. Das ist natürlich auch ein Problem für die Verbände. Die können ihren Mitgliedern auch nicht mehr erzählen als die Banken preisgeben. Und so kann es Unternehmern, die bei der Bank nach einem Kredit fragen, passieren, dass sie plötzlich in der Abteilung für Insolvenzen landen. Wie sie dahin gekommen sind, wird den Betroffenen nicht verraten. Ich gehe jedoch davon aus, dass sich das Kommunikationsklima mit der endgültigen Einführung von Basel II ändern wird.

mm.de: Schon bisher wurden Unternehmen beim Kreditantrag geprüft. Was unterscheidet Basel II von der herkömmlichen Methode?

Wolf: Der Unterschied ist grundlegend. Bislang wurden die Betriebe nach einem Punktbewertungsmodell geprüft. Kriterien und Sicherheiten wurden aufgelistet, gewichtet und benotet. Bei Basel II haben wir es mit einem wesentlich komplexeren Verfahren zu tun. Die harten und weichen Faktorenbündel werden computergestützt mit Hilfe von Algorithmen verarbeitet, mit einem objektiveren Ergebnis als zuvor. Bei der Beurteilung der weichen Faktoren fließen subjektive Überlegungen des Sachbearbeiters sicher weiter ein. Allerdings sind die Spielräume etwa für Vertrauenskredite bei Basel II kaum noch vorhanden. Was die großen Ratingagenturen wie Moody's schon jahrelang bei Großkonzernen anwenden, gilt künftig auch für jeden Mittelständler. Das bankinterne Ratingverfahren ist den Systemen der großen Agenturen nachgebildet.

Geringes Eigenkapital als Standortnachteil

mm.de: Banken gestalten ihr Ratingsystem individuell. Wie groß ist die Gefahr, dass es zu unterschiedlichen Ergebnissen auf Grund von unterschiedlichen Systemen kommt?

Wolf: Die Wahrscheinlichkeit einer Abweichung ist sehr gering. Die Verfahren müssen von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zertifiziert werden. Die BaFin ist vom Baseler Ausschuss angewiesen, dafür zu sorgen, dass die bankinternen Ratingsysteme voll vergleichbar sind und zu identischen Ergebnissen, beziehungsweise Bonitätsstufen der Kunden führen. Kleine Institute könnten unter Umständen Probleme bekommen. Allerdings hat der Bundesverband deutscher Banken (BdB) bereits angekündigt, diesen Banken Hilfestellung zu leisten. Spätestens wenn ein Bankenrating von den Urteilen der großen externen Agenturen abweicht, besteht Klärungsbedarf.

mm.de: Auf Unternehmer, vor allem in kleineren und mittleren Betrieben, kommen mit Basel II ganz neue Anforderungen zu. Droht eine Überforderung?

Wolf: Viele werden sich zunächst auf ungewohntem Terrain bewegen. Allerdings sind einige Punkte möglicherweise schon vorhanden. Nehmen Sie bei den weichen Faktoren, etwa die Vision, das Unternehmensleitbild oder Unternehmensziele, die künftig von den Banken abgefragt werden. Bislang haben die Chefs so etwas nie formulieren müssen. Dennoch ist vieles vorhanden. Unternehmer wirtschaften zum Beispiel nach einem Zielsystem, das mindestens ein Gewinnziel und das Ziel der Sicherung ihrer Firma umfasst. Andere Bereiche wie die Formulierung von operationalen Zielen, ein effizientes Controlling, Debitorenmanagement oder ein Marketingkonzept müssen möglicherweise erlernt werden. Aber auch hier gilt: Langfristig profitiert der Unternehmer durch die Verbesserung des Managements.

mm.de: Im internationalen Vergleich ist die Eigenkapitalquote bei deutschen Unternehmen gering, was direkte Folgen für ihr Ranking hätte. Droht hiesigen Betrieben ein Standortnachteil?

Wolf: Dem ist leider so. Beim Rating nimmt der Faktor Eigenkapitalquote mit 15 Prozent Gewichtung in der Gesamtbewertung eine entscheidende Position ein. Erschwerend kommt hinzu, dass dem Eigenkapital hier zu Lande aus steuerlichen Gründen wenig Beachtung geschenkt wird. Im Vergleich zu Frankreich, Spanien oder den USA haben deutsche Firmen eine deutlich niedrigere Quote. Wenn Basel II europaweit eingeführt wird, müssen deutsche Unternehmen, die wegen ihrer geringen Eigenkapitalquote schlecht bewertet werden, mit höheren Kreditzinsen rechnen, als die Konkurrenten in den Nachbarländern.

mm.de: Welche Möglichkeiten haben Unternehmer, um das Eigenkapital zu mehren?

Wolf: Der Unternehmer kann Gewinne stehen lassen, anstatt die Überschüsse auszuschütten. Zweite Möglichkeit: Verkauf von nicht notwendigem Betriebsvermögen. Außerdem können externe Quellen angezapft werden, beispielsweise Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Bei kleinen Unternehmen ist auch ein Verwandtendarlehen möglich. Mit der Teilnahme am Programm "Kapital für Arbeit" der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) kann die Quote ebenfalls erhöht werden. Für die Einstellung eines Joblosen oder Auszubildenden können die Betriebe dort unter anderem günstige Kredite zur Eigenkapitalstärkung in Anspruch nehmen. In jedem Fall gilt aber, dass mit der Beschaffung von Eigenkapital sofort begonnen werden sollte. Nur so kann ein ausreichendes Polster aufgebaut werden, das den Prüfkriterien von Basel II ab 2007 standhält.

Praxistipp: So machen Sie sich fit für Basel II Kampf mit der Hausbank: Wie Sie sich wappnen Mittelstand: Was Sie aus der Krise lernen können


Mehr lesen über Verwandte Artikel