Konjunktur "Deutschland steckt in der Kreditklemme"

Banken und Sparkassen fahren bei der Kreditvergabe einen scharfen Kurs: Die Nachfrage übersteigt das Angebot deutlich. Torsten Schmidt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RIW) in Essen weist im Gespräch mit manager-magazin.de auf die Gefahren der ungesunden Entwicklung hin.
Von Christian Buchholz

mm.de:

In der Kreditvergabe sind die Sparkassen und Volksbanken laut ihrer Studie wesentlich weniger restriktiv als die Privatbanken. Birgt das für die öffentlich-rechtlichen Institute nicht die Gefahr, sich "faule Eier" ins Nest zu legen?

Schmidt*: Nein. Eher liegen die Ursachen für die unterschiedliche Vergabepolitik in den schlechteren Zahlen der Privatbanken - diese litten und leiden durch ihre wesentlich höheren Aktienbeteiligungen stärker unter der Börsenbaisse.

mm.de: Fehlen den Banken also die Mittel, um mehr Kredite an Unternehmen und Selbständige zu vergeben?

Schmidt: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Die Privatbanken sind schlicht erheblich vorsichtiger geworden - die Sparkassen nicht im selben Maße. Junge, innovative Unternehmen haben hier beispielsweise wesentlich bessere Chancen auf einen Kredit als bei den privaten Mitbewerbern. Dass hierbei nicht immer der Rendite-Aspekt die entscheidende Rolle spielt, dafür sorgt auch der öffentliche Sektor. Hier werden, auch unter dem Aspekt der Wirtschaftsförderung, andere Zielsetzungen verfolgt als bei einer rein wirtschaftlich orientierten Bank.

mm.de: Trotzdem die Sparkassen großzüger sind, wird die Nachfrage aber bei weitem nicht bedient ...

Schmidt: Das stimmt. Deutschland steckt in der Kreditklemme. Es gibt eine angebotsseitige Verknappung an Krediten, die sich ursächlich nicht allein mit der Konjunkturentwicklung erklären lässt. Sicher, die Ankündigung der neuen Kreditvergaberichtlinie "Basel II", mag diesen Trend beschleunigt haben - stärker wirkt aber die von den Banken selbst beschlossene neue Rigidität.

mm.de: Damit könnte ein Teufelskreis beginnen. Weniger Kredite, mehr Pleiten, mehr Arbeitslose, weniger Konsum und erneut mehr Pleiten. Drohen Deutschland also japanische Verhältnisse?

Schmidt: Es gab ganz ähnliche Phänomene in Japan zu Beginn der 90er Jahre - aber dass in Deutschland die Banken reihenweise zusammenbrechen, soweit sind wir nicht. Ein wichtiger Unterschied sind die relativ stabilen Immobilienpreise hier zu Lande. In Japan brachen die Gebäudepreise schon zum Beginn der Krise ein. Nein, aus unserer Sicht werden es die Banken schaffen, ihre Risikovorsorge wieder ins Lot zu bringen.

mm.de: Sie sind also Optimist, was die Konjunkturentwicklung angeht?

Schmidt: Zumindest bedingt. Wir erkennen eine Tendenz zum Besseren. Dass sich das Konjunkturwachstum weiter verschlimmert scheint derzeit unwahrscheinlicher als das Gegenteil. Wir werten gerade die BIP-Zahlen und die Kreditnachfragen für das erste Quartal 2003 aus. Danach ist keine nennenswerte weitere Verschärfung in der Kreditvergabepolitik zu erwarten.

mm.de: Die Gefahr weiterer negativer makroökonomischer Effekte durch die angeschlagenen Banken ist gebannt?

Schmidt: Wir erwarten, dass sich der Effekt abschwächt, in trockenen Tüchern ist das Thema damit noch nicht. Das belegt auch folgende Zahl: Historisch gesehen wächst in Deutschland das Kreditvolumen pro Jahr um etwa sechs Prozent. In den beiden zurückliegenden Quartalen ist dagegen ein Rückgang von anderthalb Prozent zu den Vorjahreszeiträumen zu verzeichnen. Erst eine kräftige Korrektur wäre ein Signal für eine nachhaltige Veränderung.

* Dr. Torsten Schmidt ist Spezialist für den Sektor Geld und Währungen beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RIW) in Essen. Gemeinsam mit Hiltrud Nehls erstellte er eine Studie zur Kreditvergabepolitik deutscher Banken über die vergangene Dekade.

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