Kreditklemme Der Kampf mit der Hausbank

Die Konjunkturmisere trifft den deutschen Mittelstand ins Mark. Vor allem Finanzierungsfragen stellen die Unternehmen vor neue Herausforderungen. manager-magazin.de sagt, worauf Führungskräfte achten müssen.
Von Dietmar Reiche

Immer mehr Unternehmen in Deutschland geht die Luft aus. 37.579 Insolvenzen zählten die Statistiker in 2002. Das ist ein Plus von 16,4 Prozent - ein neuer Pleitenrekord. Auch dieses Jahr dürfte nach Einschätzung der Wirtschaftsauskunftei Creditreform nicht viel besser werden.

Doch nicht nur Industrie und Dienstleister geraten in die roten Zahlen. Auch die Banken stehen unter Druck. Sie schreiben faule Kredite ab und müssen die Risikovorsorge dramatisch erhöhen. Die Folge: Die Gewinnmargen schmelzen dahin.

Leidtragender ist unter anderem die mittelständische Wirtschaft. Denn die Geldhäuser halten sich bei der Kreditvergabe zurück. Zwar sieht der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) keine flächendeckende Kreditklemme, gleichwohl sei die Situation besorgniserregend.

Es werde zunehmend schwieriger, von der Hausbank Kredite zu bekommen, bestätigt Gunter Kayser vom Institut für Mittelstandsforschung. "Das betrifft zum einen die hauseigenen Bankkredite, aber auch den Zugang zu öffentlichen Fördermitteln", sagt Kayser.

Die Kreditklemme

Drei von fünf Mittelständlern erklären, die Beschaffung von Fremdkapital habe sich für sie im vergangenen Jahr erheblich erschwert. Das haben die Berater von Haarmann Hemmelrath Management Consultants in einer Stichprobe ermittelt. Ein schwieriges Terrain, denn welcher Unternehmer gibt schon gerne zu, dass die Hausbank mit Krediten knausert?

Vor allem die vom Mittelstand stark nachgefragten Mikro- und Kleindarlehen stoßen bei den Geldgebern auf wenig Gegenliebe. Zu teuer, zu arbeitsaufwändig, zu unlukrativ – so lautet manche, inoffizielle Arbeitsanweisung von Kreditsachbearbeitern.

Die Geschäftsbanken haben sich aus diesem Bereich stark zurückgezogen, Sparkassen und Genossenschaftsbanken müssen per Satzung und öffentlichem Auftrag ausharren. Doch auch solide aufgestellte Unternehmen mit festem Kundenstamm und vollen Auftragsbüchern spüren die Kreditklemme.

Das bankinterne Rating

Der Angstgegner

"Basel II" lautet das Schlagwort - eine von dem Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht formulierte und verbindliche Richtlinie für das Kreditgeschäft der Banken. Noch gelten die neuen Regeln nicht, die unter anderem die Kreditgeber zu einer genaueren Bewertung der kreditnehmenden Unternehmen verpflichten. Doch bereits jetzt üben die Banken den Ernstfall. Geschäftsbanken, Sparkassen oder Genossenschaftsinstitute - sie alle bereiten sich vor auf "Basel II", das spätestens Ende 2006 in allen EU-Staaten in nationales Recht umgesetzt worden sein muss.

Uwe Gaumert vom Bundesverband deutscher Banken leitet derzeit eine 40-köpfige Projektgruppe, um Mitgliedsinstitute auf die neuen Spielregeln einzuschwören. Vor allem kleinere Geldhäuser haben sich mit den neuen Ratingverfahren noch nicht angefreundet. "Ein Grund ist sicherlich, dass die Anforderungen, die nun auf die Banken hereinbrechen, sehr komplex sind und auch viel Geld kosten", sagt Gaumert im Gespräch mit manager-magazin.de. Kleinere Institute seien damit vielfach überfordert.

Bankinternes Rating

Denn mit "Basel II" müssen Banken ihre Kunden noch genauer bewerten, klassifizieren und für das Kreditrisiko eine Ausfallwahrscheinlichkeit beziffern. Das sei keine Geheimwissenschaft, so Gaumert, doch ohne das bankinterne Rating (BIR) läuft bei den Banken für potenzielle Kreditnehmer in Zukunft nichts mehr. Mit starkem Gegenwind müssen in Zukunft die Mittelständler rechnen.

Jochen Sanio, Präsident der Bundesanstalt für Dienstleistungsaufsicht (BaFin), glaubt, dass die Banken tiefe Einschnitte vornehmen – allein schon aus wirtschaftlichen Interessen. "Bei der Übernahme von Risiken müssen sie angemessene Preise fordern. Von Kunden, die diese Preise nicht zahlen wollen, muss man sich trennen", erklärte Sanio unlängst in einem Interview.

Weiche Faktoren

Mittelständler werden künftig durchaus mehr als die nackte Bilanz des vergangenen Jahres vorweisen müssen. "Im Zuge von 'Basel II' dürfte es zudem zu einer stärkeren Systematisierung der Ratingverfahren kommen", sagt Matthias Schoder, Mittelstandsexperte des DIHK, im Gespräch mit manager-magazin.de.

Das wirklich Neue des bankinternen Ratings ist die systematische Analyse der so genannten weichen Faktoren. Zu diesen zählen zum Beispiel die Qualität des Managements, des Controllings und der Personalentwicklung. Die weichen Faktoren bestimmen künftig zu 40 oder mehr Prozent das bankinterne Ratingergebnis. Je größer das Unternehmen ist, umso mehr zählen die weichen Faktoren - im Einzelfall bis zu 60 Prozent bei der Bewertung.

Harte Faktoren

Das Kernstück der harten Faktoren - das andere Analyseziel des bankinternen Ratings - bilden nach wie vor ausgewählte Kennzahlen aus dem Jahresabschluss eines Unternehmens. Auch sie bestimmen das Ratingergebnis mit einem Gewicht von 40 bis 60 Prozent entscheidend mit. In der Gruppe der harten Faktoren untersuchen die Banken die Ertrags-, die Vermögens- und die Finanzlage. Ein solides Finanzmanagement steht dabei an erster Stelle. Zusätzlich ziehen einige Banken auch branchenspezifische Kennzahlen aus zwischenbetrieblichen Vergleichen heran.

Das externe Rating

Die neue Transparenz

Das Kreditgespräch wird also härter werden. Ohne positiven Cashflow, erwarten Experten, gehört der Kreditantrag künftig gleich in den Papierkorb. Lieb gewonnene Steuertricks werden das Rating der Banken negativ beeinflussen. Wer aus steuerlichen Gründen den Gewinn drückt, spielt mit seiner guten Bonität. Andererseits kann über geschickte Leasingverträge die Eigenkapitalbasis sehr wohl in ein vorteilhaftes Licht gerückt werden. Das schafft Pluspunkte beim Ratinggespräch.

70 Prozent der Mittelständler bevorzugen immer noch die Einzelunternehmung. Hier untersuchen die Banken, ob das private Vermögen für die Haftung ausreicht. Wer sich nicht in die Karten schauen lässt, kommt nicht weiter. Ohne Transparenz gibt es keinen Kredit.

Die Wissenslücke

"Im Grunde wird der mittelständischen Wirtschaft nichts anderes übrig bleiben, als sich weiter zu öffnen", erwartet Mittelstandsforscher Kayser: "30 bis 40 Prozent der Mittelständler wissen das und stellen sich darauf auch ein."

Und was unternimmt die schweigende Mehrheit? Rund die Hälfte der Firmen tappt immer noch im Dunkeln und kennt zum Beispiel nicht den Unterschied zwischen externer Beurteilung durch Ratingagenturen und dem bankinternen Rating (BIR), das die Hausbank zur Bonitätsmessung der Firmenkunden einsetzt.

Laut Mittelstandsmonitor 2003, ein Bericht zu Konjunktur- und Strukturfragen kleiner und mittlerer Unternehmen, haben zwei Drittel der betroffenen Unternehmen mit ihrer Hausbank noch kein Gespräch zum Thema Rating geführt.

Das externe Rating

Unternehmer, die das Heft selbst in die Hand nehmen und sich um ein externes Rating bemühen, werden damit ihre Kreditchancen nicht zwangsläufig verbessern. "Eine Bank sollte sich immer ein eigenständiges Bild von der Qualität ihrer Kunden machen", sagt Uwe Gaumert vom Bundesverband deutscher Banken (BdB). "Externe Ratings können aber in den Bereichen unterstützen, in denen die Bank keine Expertise hat." Zum Beispiel beim Rating von Technologieunternehmen oder Existenzgründungen.

Dennoch kann das externe Rating durchaus von Nutzen sein, glaubt Michael Munsch, Vorstand der Creditreform Rating Agentur. "Das bankinterne Rating wird flächendeckend eine Pflichtleistung, das externe Rating die Kür." Mit einer unabhängigen Expertise sollten Kunden und Lieferanten die Bonität besser einschätzen können.

Die Herausforderung

Die stolzen Preise

Das offensive Informationsmanagement wird indes teuer eingekauft. Einige Ratingagenturen verlangen bereits für ein einfaches Vorgespräch bis zu 4000 Euro - je nach Umsatz und Unternehmensgröße kann dies auch deutlich mehr sein.

Kosten für das Erstrating
Ausgewählte deutsche Ratingagenturen
Agentur Kosten Kontakt
Creditreform Rating AG ab 5000 Euro, individuelle Preisstaffel, je nach Komplexität des Ratingprozesses www.creditreform-rating.de 
Euro Ratings AG 9000 Euro bis 38.000 Euro, Preisstaffel abhängig vom Firmenumsatz www.euroratings.com 
Hermes Rating GmbH ab 15.000 Euro, individuelle Preisstaffel je nach Komplexität des Ratingprozesses www.hermes-rating.com  und www.rating-alliance.com 
GDUR Mittelstandsrating Agentur AG ab 3250 Euro, Preisstaffel abhängig von Firmenumsatz und Branche www.gdur.de 
RS Rating Services AG ab 9000 Euro, Preisstaffel abhängig vom Firmenumsatz www.rating-services.de 
URA Unternehmens Ratingagentur AG ab 18.000 Euro, individuelle Preisstaffel je nach Komplexität des Ratingprozesses www.ura.de 
Quelle: Jakob Wolf: "Basel II - Kreditrating als Chance. Souverän in das Kreditgespräch"; Metropolitan Verlag, Berlin/Regensburg 2003.

Wer sich dennoch für ein externes Rating entscheidet, bekommt anschließend mehr als eine schlichte Kreditwürdigkeitsprüfung. Die Ratingexperten – sofern sie sich von den Bilanzen und der Kostenrechnung lösen – liefern auch ein Stärken-Schwächen-Profil oder überprüfen die strategische Ausrichtung und tauchen damit in die klassische Unternehmensberatung ein.

Noten für den Chef?

Doch die schöne neue Ratingwelt stellt just den klassischen Mittelstand vor neue Herausforderungen. Gerade dort, wo Unternehmer und Unternehmung aufs Engste verhaftet sind, wo der Chef noch das Sagen hat, hängt der Erfolg letztlich von der Unternehmerpersönlichkeit ab.

Mit spitzen Fingern versuchen Banken und Ratingexperten diese weichen Faktoren in ihre statistischen Systeme einzubauen und zu quantifizieren. Da kann es schon mal passieren, dass beim größeren Kreditberatungsgespräch die Frage nach der Unternehmensnachfolge gestellt wird. Wer dann mit den Schultern zuckt, dürfte leer ausgehen.

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