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Bankenkonsolidierung Mit zweien, Spiel drei

Ein Bündnis aus Dresdner, Commerzbank und Postbank gewinnt Konturen. Doch die Dreier-Allianz birgt erhebliche Risiken.
Von Ulric Papendick
aus manager magazin 6/2008

Das Treffen war top secret. In aller Stille wollten Allianz-Chef Michael Diekmann (53) und der frisch gekürte Post-Frontmann Frank Appel (46) Ende Februar mit einigen Vertrauten die Chancen eines Zusammenschlusses ihrer Finanztöchter Dresdner Bank und Postbank ausloten.

Mit am Verhandlungstisch in der Münchener Allianz-Zentrale saßen auch Allianz-Investmentbanker Paul Achleitner (51), der frühere Postbank-Primus Wulf von Schimmelmann (61) - und der Mann, der die Dinge ins Rollen gebracht hatte: Klaus Zumwinkel (64). Knapp zwei Wochen war es erst her, dass der frühere Post-Chef nach den Enthüllungen über seine Steuereskapaden zurückgetreten war. Jetzt wollte Zumwinkel noch einmal für seinen Plan werben, aus Postbank und Dresdner einen nationalen Champion zu formen - und damit den Anstoß zur längst überfälligen Bankenkonsolidierung in Deutschland geben.

Doch die Neuordnung der deutschen Bankenlandschaft dürfte anders ausfallen, als es der frühere Postmann geplant hatte. Statt des von Zumwinkel präferierten Pas de deux könnte es noch in diesem Jahr zu einer Ménage à trois kommen.

Die Allianz hat bereits gemeinsam mit der Commerzbank ein Angebot für die Postbank unterbreitet. Zwischen neun und elf Milliarden Euro wollen der Versicherungsriese und die Großbank auf den Tisch legen. Ein Preis, der im Bonner Post-Tower wohlwollend registriert wurde - vorausgesetzt, er liegt am oberen Ende der Spanne.

Noch ist die Offerte, die aus formaljuristischen Gründen aus zwei getrennten Geboten besteht, unverbindlich; sie soll als Grundlage für weitere Sondierungsgespräche dienen. Den Finanzmärkten erscheint der Plan jedoch plausibel: Als manager magazin am 22. Mai in seiner Online-Ausgabe von der möglicherweise bevorstehenden Megafusion berichtete, geriet die Finanzbranche in Aufruhr: Die Aktienkurse aller drei Finanzinstitute schossen in die Höhe.

Auf den ersten Blick bietet der Mega-Deal für alle Beteiligten Vorteile:

Die Allianz könnte die ungeliebte Tochter Dresdner Bank endlich aus ihrer Bilanz tilgen und die Managementverantwortung abgeben, zugleich aber als Großaktionär eine Sperrminorität an dem neuen Riesen behalten. Auf diese Weise können die Versicherungsmanager den Verkauf ihrer Policen über den Bankschalter weiterhin absichern und ihr eigenes teures Vertriebsnetz mit Bankprodukten auslasten.

Für den neuen Commerzbank-Chef Martin Blessing (44) wäre die Dreierallianz das große Los. Der ehrgeizige Ex-McKinsey-Mann, den die "Bild"-Zeitung schon mal zur "Eisenfaust vom Main" kürte, weiß, dass sein Institut ohne Partner auf Dauer kaum überlebensfähig sein wird. Mit der Großfusion würde die Commerzbank auf einen Schlag in eine höhere Liga aufsteigen. Die stän-digen Gerüchte von einer Übernahme durch Ausländer wären verstummt.

Post-Chef Appel würde der Deal Milliarden in die Kasse spülen - Geld, das er dringend für Aufräumarbeiten seines Konzerns in Amerika braucht.

Der Bund, Miteigner der Post, würde ebenfalls kräftig kassieren und wäre zudem heilfroh, wenn neben der Deutschen Bank ein weiterer deutscher Player von internationalem Format entstünde.

Für die Struktur der geplanten Fusion gibt es bereits konkrete Überlegungen: Demnach wollen Post und Allianz ihre Banktöchter in ein gemeinsames neues Unternehmen einbringen. In diese im Finanzjargon "Newco" genannte Einheit soll sich die Commerzbank einkaufen und sowohl Post wie die Allianz anschließend ausbezahlen.

Doch das Dreierbündnis birgt erhebliche Risiken. Von den rund 2600 Filialen benötigt die neue Großbank nach Schätzungen von Insidern bestenfalls 1500. Ein komplettes Filialnetz von einem der drei Partner wäre überflüssig. Systeme für IT, Zahlungsverkehr und Wert-papierabwicklung müssen zusammengelegt werden - mit schmerzlichen Folgen für die Mitarbeiter. Alle drei Banken haben unterschiedliche Versicherungspartner: Die Dresdner arbeitet für die Allianz, die Commerzbank für Generali und die Postbank für HDI. Und schließlich ist da noch Verdi zu überzeugen: gut zwei Drittel aller Mitarbeiter der Postbank sind gewerkschaftlich organisiert.

Kein Wunder, dass etliche Branchenkenner die Integration dreier Banken dieser Größenordnung, in der Finanzhistorie ohne Vorbild, für nahezu unmöglich halten.

Blessing und Diekmann kennen die Risiken - und wollen sie in ihren Planungen so weit wie möglich berücksichtigen. So erwägt das Duo, den neuen Pri- vatkundenriesen in Bonn anzusiedeln. Eine smarte Idee. Denn dadurch würden die Manager der Postbank und die Funktionäre von Verdi besänftigt werden. Betroffen vom Personalabbau, so das Kalkül, wären vor allem Banker in leitenden Positionen in Frankfurt, für die sich Verdi weniger verantwortlich fühlt.

In Frankfurt würden die Wholesale-Aktivitäten aller drei Banken konzentriert. Ob das Großkundengeschäft in dem neuen Gebilde aber auch dauerhaft einen festen Platz hat, ist fraglich. Das Mittelstands-Business, eine traditionelle Stärke der Commerzbank, soll weiter aufgerüstet werden.

Falls die Fusionspläne scheitern, hat zumindest Diekmann vorgesorgt. Der Allianz-Chef ist fest entschlossen, die schon sieben Jahre dauernde unglück-liche Liaison mit der Dresdner Bank zu beenden. Die Münchener haben endlich erkannt, dass sie eine Bank nicht führen können.

Neben dem Dreier- kommt für Diekmann auch ein Zweierbündnis aus Commerzbank und Dresdner infrage - notfalls auch der Verkauf seiner Banktochter ins Ausland. Interessenten gibt es reichlich, darunter die britische Lloyds TSB und die spanische Großbank Santander, dazu ein chinesisches Geldhaus und einige Finanzinvestoren.

Ihren ursprünglichen Plan, Dresdner und Postbank in ein gemeinsames Institut einzubringen, haben die Allianz-Manager hingegen endgültig zu den Akten gelegt. Dieses - intern wegen der beiden Bankfarben Gelb und Grün "Brasilien" getaufte - Vorhaben hätte aus Sicht der Münchener einen ge-waltigen Nachteil gehabt: Die Allianz hätte beim Kauf des Post-Anteils (51 Prozent) automatisch den freien Aktionären der Postbank ein Angebot machen, das Institut also zunächst komplett erwerben müssen. Diese - wenn auch nur zeitweilige - Ausweitung ihres Engagements im Bankgeschäft den eigenen Aktionären erklären zu müssen, erschien den Allianz-Managern zu gewagt.

Achleitner indes träumt immer noch davon, die Dresdner nach China zu verkaufen (siehe mm 4/2008). 12 bis 15 Milliarden Euro, hofft der oberste Beteiligungsmanager unverdrossen, ließen sich so erlösen.

Mit diesem Plan steht Achleitner im Allianz-Vorstand ziemlich allein da. Zumal die Bundesregierung bei einem Großdeal im sensiblen Finanzbereich auch noch ein Wort mitreden will. Berlin favorisiert die Schaffung eines rein deutschen Champions.

Commerzbank-Oberaufseher Klaus Peter Müller (63), der gute Kontakte zu Kanzlerin Angela Merkel (53) pflegt, hat in der Hauptstadt bereits kräftig für den inländischen Schulterschluss geworben und für seine Commerzbank die Führungsrolle reklamiert.

Zumindest die Allianz hat damit keine Probleme. Diekmann hat Blessing bereits signalisiert, der Frankfurter Banker könne im Falle einer Fusion im Driver Seat sitzen. Die Dresdner-Oberen sind angesichts der derzeitigen Verfassung ihrer Bank ohnehin nur Zuschauer. Sie haben sich hinter ihrem Tagesgeschäft verschanzt und basteln an der vom Aufsichtsrat beschlossenen Trennung von Investmentbank und Privatkundengeschäft.

Auch die Postbank-Manager um Wolfgang Klein (44) befürchten offenbar, in dem geplanten Triumvirat unterzugehen. Anders als die Post-Spitze sind sie von einer großen Lösung unter Führung der Commerzbank nicht begeistert. Sie hegen eine innige Abneigung gegen Martin Blessing, den sie für arrogant halten und dem sie vorwerfen, die Postbank systematisch schlechtzureden.

Für Appel ist die Dreierlösung ebensowenig gesichert. Er lässt seine Be- rater von der Investmentbank Morgan Stanley in einer Art Auktionsverfahren weiterhin diskret nach anderen Interessenten für seine Tochter fahnden. Allerdings dürften Appel wenig Alternativen bleiben, wenn er dem dringenden Wunsch des Großaktionärs Bund nachkommen will, die Konsolidierung im Inland voranzutreiben.

Auf die Deutsche Bank und ihren Vorstandschef Josef Ackermann (60) als möglichen weißen Ritter kann Appel trotz aller gegenteiligen Bekundungen vermutlich nicht zählen. Der Primus aus Frankfurt dürfte bei der anstehenden Konsolidierung nur von der Seitenlinie zuschauen. Zwar gab und gibt es beim deutschen Branchenführer immer wieder mal in die Öffentlichkeit lancierte Gedankenspiele, alle drei konkurrierenden Häuser - Dresdner, Commerzbank und Postbank - zu übernehmen. Das aber ist, wie so oft bei Ackermann, Teil einer geschickten Propaganda.

Auch wenn Ackermann durch die geplante Fusion unter Druck gerät, scheint er nicht sonderlich daran interessiert, vorbeugend eine Hauptrolle bei der anstehenden Neuordnung zu übernehmen.

Bisher jedenfalls hat er alle Gelegenheiten verstreichen lassen. Erst verhinderte er die im Jahr 2000 bereits beschlossene Fusion mit der Dresdner Bank. Dann bot sich die HypoVereinsbank als Partner an; Ackermann winkte wieder ab. Und im Jahr 2004 schlug der Deutschbanker nach einem öffentlich aufgeführten Trauerspiel das Angebot von Bundeskanzler Gerhard Schröder aus, die Postbank zu akquirieren.

Ackermann will seinen Kurs im internationalen Investmentbanking fortsetzen - Finanzkrise hin, Finanzkrise her. Das schließt freilich kleinere Akquisitionen im Privatkundenbereich, wie das von der Citigroup zur Disposition ge- stellte Deutschland-Geschäft, nicht aus.

Sollten aber auch Diekmann, Blessing & Co. auf dem Weg straucheln, einen nationalen Champion zu schmieden, bleibt nach Meinung etlicher Banker nur noch ein Ausweg: Dann muss die Politik eingreifen.

Das habe, so ein Beteiligter, schon einmal funktioniert: Als die deutsche Stahlindustrie in den 80er Jahren in einer ähnlich misslichen Lage steckte wie heute die Banken, entsandte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl drei Moderatoren, darunter den damaligen Deutsche-Bank-Vorstand Alfred Herrhausen. Sie schafften es, die erstarrten Strukturen aufzubrechen.

Ulric Papendick

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