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Business-Knigge Mit Gummibärchen zum Braai

Mal angelsächsisch, mal ganz afrikanisch - Südafrika stellt Geschäftsbesucher vor einige Herausforderungen: manager magazin fragte Landeskenner, wie man weder Weiß noch Schwarz vor den Kopf stößt.
Von Michael Gatermann
aus manager magazin 8/2008

Dem Unternehmernachwuchs macht Claas Daun einen überraschenden Vorschlag: "Für junge Leute, die etwas aufbauen wollen, ist Südafrika das richtige Land", sagt der niedersächsische Unternehmer, "da gelingt es viel leichter als im saturierten Deutschland." Mit seinem Faible für das Land am Kap steht Daun bei Weitem nicht allein. Ungeachtet aller Schreckensmeldungen in den Medien, die von der alltäglichen Gewalt bis zum Exodus der Elite ein düsteres Bild von Südafrika zeichnen, zieht es gerade viele deutsche Unternehmer und Manager immer wieder in das europäischste Land Afrikas.

Denn trotz aller Negativmeldungen wächst die größte Volkswirtschaft Afrikas mit stattlichen Raten, in den Jahren 2006 und 2007 waren es jeweils um die 5 Prozent. In Scharen landen deutsche Business-Reisende in Johannesburg und Kapstadt. Die meisten von ihnen starten etwas ratlos in das afrikanische Abenteuer: Gelten im Land, quasi als koloniales Erbe, die angelsächsischen Benimmregeln? Wie macht sich das afrikanische Element bemerkbar? Gibt es schwarze Empfindlichkeiten, mit denen Europäer nicht rechnen? Und wie geht man mit dem prekären Sicherheitsproblem um?

"Das Land leidet unter den punktuell auftretenden schrecklichen Ereignissen", sagt Claas Daun, "das prägt das Bild, obwohl die Kriminalitätsrate in den vergangenen Jahren nicht gestiegen ist." Die Zahlen sind erschreckend genug: 2006 gab es in Südafrika 18 528 Morde, 54 926 Vergewaltigungen, 119 726 bewaffnete Raubüberfälle. Die meiste Gewalt trifft die Armen in den Town- ships, immer wieder geraten aber auch Besucher in die Schusslinie: Weltweite Schlagzeilen machte etwa der Raubmord an dem österreichischen Sportmanager Peter Burg-Staller beim Besuch einer Fifa-Delegation 2007.

Wegen der hohen Gewaltbereitschaft der Täter bewegt sich auch Claas Daun in Südafrika vorsichtig: "Wenn Sie zu Fuß unterwegs sind, sollten Sie auf keinen Fall eine auffällige Rolex am Handgelenk tragen oder das Portemonnaie so in die Hose stecken, dass es sich deutlich abzeichnet." Auch wer ins Gespräch versunken mit dem Handy am Ohr durch die Menge geht, muss damit rechnen, dass ein Dieb ihm das Mobiltelefon entreißt.

Unbegleitetes Township-Sightseeing und nächtliche Parkspaziergänge verbieten sich natürlich auch. Die Einheimischen stellen sich auf die allgegenwärtige Bedrohung ein und bewaffnen sich. Wenn jemand etwa abends nach einer Reifenpanne sein Rad wechselt, hat er neben dem Wagenheber oft eine Waffe griffbereit liegen.

Trotzdem widerspricht Daun dem Vorurteil, dass Südafrika ein besonders gefährliches Pflaster ist. "Risiken gibt es überall", sagt der Mann, der in Südafrika etwa 10 000 Menschen in Auto-zulieferbetrieben und in der Fleischproduktion beschäftigt, "ich bin seit 1990 jedes Jahr für viele Monate dort im Lande. Einmal wurde mir das Portemonnaie gestohlen, sonst ist nichts passiert."

Pragmatisch geht auch Christoph Köpke, bis Ende 2004 Chef von DaimlerChrysler in Südafrika und heute Besitzer einer Blumenfarm in der Nähe von Pretoria, mit der Bedrohung um. Um das Farmhaus hat er einen Elektrozaun gezogen, und sein Schlafzimmer sichert eine Stahltür: "Wir wollen nicht im Schlaf von ungebetenem Besuch überrascht werden." Im Alter von drei Jahren ist Köpke 1950 mit seinen Eltern nach Südafrika gekommen, seitdem lässt das Land ihn nicht los. Aufmerksam registriert er, was sich nach dem Ende der Apartheid geändert hat - und was nicht. "Das Wertesystem im Geschäftsleben ist nach wie vor angelsächsisch geprägt", sagt er, "aber die Political Correctness verlangt es, dass einheimische Weiße mit Schuldgefühlen leben." Erst neuerdings, bemerkt er, trauen sich weiße Südafrikaner wieder, Aktionen der schwarzen Regierungspartei ANC offen zu kritisieren.

Ein diffiziles Thema ist das Programm zum Black Economic Empowerment, das eine positive Diskriminierung Schwarzer im Management und Unternehmertum vorschreibt. "Wer mit der Regierung Geschäfte machen will, muss einen schwarzen Partner haben", sagt Christoph Köpke. "Die Bevorzugung führt bei jungen Leuten zu viel Frust", beobachtet Arnold van Zyl, Vizerektor der Universität Stellenbosch, "Weiße und Schwarze sind verunsichert."

Viele Nachwuchstalente, auf die das Land dringend angewiesen wäre, wandern dann nach Australien oder in die USA aus. "Aber wer als Afrikaner geboren ist, der kann nicht wegbleiben - irgendwann kommen die zurück", sagt Arnold van Zyl. Er selbst gibt das beste Beispiel: Nach 25 Jahren erfolgreicher Managementkarriere in Europa und in den USA zog es den Ingenieur 2008 wieder in die Heimat: "Das war eher ein postmaterialistischer Karriereschritt", schmunzelt van Zyl, der an der Traditionsuniversität die Forschung verantwortet. Stellenbosch liegt rund 50 Kilometer von Kapstadt entfernt, hat 100 000 Einwohner, 25 000 davon Studenten. Bildung ist für ihn der Schlüssel zum Erfolg für seine Heimat, und van Zyl will helfen, den Braindrain zu stoppen.

Von europäischen Besuchern wünscht sich der Professor etwas mehr Sensibilität: "Manche zeigen eine gewisse Überheblichkeit, und gerade viele Deutsche meinen, dass sie bei weißen Südafrikanern gut ankommen, wenn sie sagen: Früher war alles besser." Dabei seien Weiße und Schwarze gleich stolz auf das Erreichte, die Transformation eines totalitären Regimes der Apartheid in ein offenes, freundliches Land. Er wünscht sich Besucher, die den Einheimischen Mut machen: "Sagen Sie doch mal: Ihr packt das!" Arnold van Zyl glaubt fest an den Erfolg des Landes: "In 10 oder 15 Jahren wird Südafrika boomen."

Bis dahin allerdings sind noch viele Schwierigkeiten zu überwinden. "Im Moment haben irgendwie alle die Nase voll", beobachtet Nina Mapili am Kap. Sie berät seit zehn Jahren vor allem Mittelständler beim Aufbau des Geschäfts im südlichen Afrika. Den europäischen Besuchern rät sie, im Gespräch anfangs die großen politischen Themen zu meiden: "Reden Sie über Sport - für Fußball interessieren sich alle." Fragen nach der Weltmeisterschaft 2010 im Lande sind unverfänglich, viele verfolgen die Spiele der Bundesliga im Kabelfernsehen.

Im Geschäftsleben neigen die schwarzen Südafrikaner zu mehr Förmlichkeit als die Weißen, beobachtet die Beraterin: "Die sind da eher wie die Deutschen." Der Dresscode ist deshalb konservativ: Anzug und Krawatte sind vor allem beim ersten Treffen ein Muss. "Ziehen Sie sich so an, dass Sie auch ohne Jackett nicht ganz doof aussehen", rät Nina Mapili, denn nach der Begrüßung macht man es sich oft bequem. In Kapstadt geht es legerer zu als in Johannesburg, und wer sich mit mittelständischen Buren auf dem Lande trifft, steht oft vor Männern in kurzen Hosen und Sandalen.

Wer von seinen Geschäftspartnern zum privaten Abendessen gebeten wird, sollte allerdings den guten Anzug im Schrank lassen. In der Regel wird gegrillt, und zum Braai, so die lokale Bezeichnung, sind Polohemd und Baumwollhose der richtige Aufzug. Als Mitbringsel schwört Nina Mapili auf deutsche Gummibärchen. Deutsche Weine und im Winter Nürnberger Lebkuchen kommen bei Gastgebern auch gut an.

Auf dem Weg zur Einladung sollten Europäer aus Sicherheitsgründen besser kein Taxi auf der Straße heranwinken. Der Hotelportier oder die Geschäftspartner empfehlen gern vertrauenswürdige Chauffeure. Wer keine Angst vor dem Linksverkehr hat, kann problemlos einen Leihwagen mieten. Nina Mapili empfiehlt, stets ein Auto mit Navigationssystem zu nehmen: "Das Navi ist zuverlässig, Straßenkarten dagegen sind oft ungenau - wer weiß, wo man da landet." Das Chauffieren in Südafrika braucht Aufmerksamkeit: An vielen Kreuzungen und an Nebenstraßen sind Schwellen eingebaut, oft kaum gekennzeichnet. Wer hier zu schnell fährt, landet leicht im Straßengraben.

Leichter fallen die meisten Business-Kontakte: Verhandlungen mit südafrikanischen Partnern laufen meist angelsächsisch professionell. Europäische Gäste sollten beim ersten Kontakt eine Präsentation über ihr Unternehmen und ihre Produkte parat haben. Understatement im Ton ist angezeigt - Südafrikaner mögen keine Angeber. Punkte machen dagegen Besucher, die einen Schuss Humor in den Vortrag bringen.

Gerade im Umgang mit Behörden dürfen Besucher wenig voraussetzen. Viele weiße Fachleute verloren hier im Zuge des Black Economic Empowerments ihre Jobs, an ihre Stelle rückten schwarze Südafrikaner, denen zum Teil Qualifikation und Erfahrung fehlen. "Ich kenne einen Geschäftsmann, der im Ministerium erst mal geholfen hat, die spe-ziellen Vorschriften zu formulieren, die eine Basis für sein Geschäft mit Bau-materialien geschaffen haben", sagt Nina Mapili. In jedem Fall, rät sie, sollten Europäer darauf bestehen, gleich mit dem Chef zu reden: "Die unteren Chargen sind meistens nicht entscheidungsfähig, da verlieren Sie nur Zeit."

Zeit müssen die Besucher in jedem Fall mitbringen, haben doch viele Einheimische - und gerade in Regierungsbehörden - einen ganz und gar afrikanischen Umgang mit dieser in Europa so knappen Ressource. "Ich rufe kurz vor einem Termin noch einmal an, um meine Gesprächspartner daran zu erinnern", sagt Nina Mapili, "trotzdem hapert es oft an der Pünktlichkeit."

Afrika ist anders - und fasziniert doch viele Deutsche. "Wenn ich in Frankfurt in den Flieger steige, verlasse ich ein Land, in dem fast alles negativ gesehen wird", sagt Unternehmer Claas Daun, "wenn ich in Südafrika aussteige, lebe ich auf: Allen Problemen zum Trotz herrscht dort Aufbruchstimmung."

Von Michael Gatermann · Illustrationen: Birgit Lang

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