Kommentar Einmal um die Welt und wieder zurück

Die längst überfällige Trennung von Daimler und Chrysler wird zur wohl teuersten Scheidung aller Zeiten. Die Daimler-Manager haben sich zehn Jahre lang im Kreis gedreht, um schließlich dorthin zu gelangen, wo sie einst herkamen: Nach Stuttgart. Einmal um die Welt und wieder zurück, die teuerste und nutzloseste Reise der Wirtschaftsgeschichte.
Von Andreas Nölting

Es sollte ein "Reich werden, in dem die Sonne nie untergeht", eine "Hochzeit im Himmel", eine beispiellos gut funktionierende "Welt AG". Als Daimler und Chrysler im Mai 1998 stolz ihre Fusion verkündeten, überschlugen sich Merger-Mann Jürgen Schrempp und Chrysler-Partner Bob Eaton in Superlativen. Die beiden damaligen Vorstandschefs strotzen vor Tatkraft und Glückseligkeit, dem Duo war gelungen, so wollten sie Glauben machen, woran sich andere bisher vergeblich versuchten: Eine funktionierende transatlantische Allianz.

Vor allem der coole Macho Schrempp sah sich zu einer grandiosen Managementfigur aufgestiegen, dem Himmel plötzlich sehr nah. Auf den deutschen Manager prasselten Gratulationsschreiben ein, Journalisten, Analysten und Politiker lobten ihn ob seiner weltumspannenden Visionen, sogar der einstige GE-Chef Jack Welch, die amerikanische Managementikone schlechthin, gratulierte dem Mercedes-Chef zu seinem "bahnbrechenden Abschluss".

Der "gleichberechtigte Zusammenschluss" der zwei Autobauer galt als der damals größte industrielle Zusammenschluss der Geschichte - bewertet mit nahezu 85 Milliarden Euro. Am Tag der Verkündung des Mergers sprang die Daimler-Aktie  auf 108,95 Euro und Jürgen Schrempp hatte vor Stolz längst die Bodenhaftung verloren: "Daimler-Benz braucht mich mehr als ich Daimler-Benz", verkündete er übermütig.

Was dann folgte war ähnlich beispiellos wie die Fusion. Zunächst begannen Analysten und Börsianer am Sinn der deutsch-amerikanischen Allianz zu zweifeln, der Kurs der Aktie sackte Stück für Stück auf unter 40 Euro ab. Der Traumpartner Chrysler erwies sich als schwer kranker Patient, der Milliardenverluste schreibt. Immer häufiger flogen die Daimler-Manager im werkseigenen Airbus A 319 nach Detroit, um die Sanierung des schwer angeschlagenen US-Autobauers und die Erneuerung der spritfressenden Chrysler-Modelle voranzutreiben. Der jetzige Daimler-Chef Dieter Zetsche und sein damaliger Vize Wolfgang Bernhard eilten nach Detroit und versuchten zu retten, was zu retten ist.

Es half nichts. Chrysler erwies sich als derartiger Fehlkauf, dass er gar zu einer Bedrohung für die Kernmarke Mercedes wurde. Audi, BMW und Toyota zogen in Punkto Proftitabilität und Qualität locker am schwäbischen Konzern vorbei und in der Folge erreichte das Managementdebakel selbst Stuttgart: Fast 10.000 Mitarbeiter mussten gehen, die einstige stolze Marke Mercedes war ein Sanierungsfall.

Nun wird die längst überfällige Trennung von Daimler und Chrysler zur wohl teuersten Scheidung aller Zeiten. Zwanzig Jahre Missmanagement und katastrophale Unternehmensbeteiligungen (AEG, Cap Gemini, Metallgesellschaft, Fokker, Chrysler) haben den Stuttgarter Konzern nach Berechnungen des manager magazins mehr als 60 Milliarden Euro gekostet - Geld, dass hoffnungsvolle Aktionäre dem Konzern geliehen hatten, um es zu mehren und nicht zu vernichten.

Schlimmer noch: Die Daimler-Manager haben sich quasi zehn Jahre lang im Kreis gedreht, um schließlich dorthin zu gelangen, wo sie einst herkamen: Nach Stuttgart. Einmal um die Welt und wieder zurück, die teuerste und nutzloseste Reise der Wirtschaftsgeschichte.

Was lehrt der tiefe Fall der einstigen deutschen Industrieperle? Das Daimler-Management unter Jürgen Schrempp hatte die Bodenhaftung verloren, vor allem Jürgen Schrempp litt an Größenwahn (medizinisch: "Megalomanie"). Nur ein starker Aufsichtsrat hätte ihn bremsen können. Doch der Daimler-Oberaufseher und damalige Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper verstand vom Automobilgeschäft offenbar zu wenig, um Schrempp Einhalt gebieten zu können. Der Aufsichtsrat ließ sich von zu optimistischen Prognosen blenden und hat kollektiv versagt.

Kopper hätte kritisch anmerken können, dass bis zu 80 Prozent aller Firmenfusionen zum Scheitern verurteilt sind, vor allem Zusammenschlüsse über mehrere Zeitzonen hinweg. Und Kopper als auch Schrempp hätten die schönen Rechnungen der begleitenden Investmentbanken über Synergiepotential, Einkaufsmacht oder Börsenwert der begleitenden Investmentbanken zerpflücken können, das finanzielle Eigeninteresse der Investmentbanker erkennen und vorsichtiger agieren können.

Der amtierende Konzernchef Dieter Zetsche macht jetzt das einzig Richtige: Er zerschlägt die unheilvolle Allianz, Augen zu und durch, auch wenn Daimler die Trennung sehr, sehr teuer kommt. Das Risiko einer feindlichen Übernahme durch Finanzinvestoren besteht weiterhin. Nur wenn Zetsche es schafft, das verlorene Vertrauen der Anleger zurück zu gewinnen und den Börsenwert kräftig steigert, kann er den hungrigen Finanzinvestoren Einhalt gebieten.

Noch ist Daimler nicht gerettet.

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