Dienstag, 21. Mai 2019

Missmanagement bei Grundig Leiden ohne Ende

Max Grundig baute in Zeiten des so genannten Wirtschaftswunders ein Imperium für Unterhaltungselektronik auf. Doch als in den siebziger Jahren asiatische Firmen den Weltmarkt eroberten, reagierte er nicht. Der lange Abstieg des Traditionskonzerns begann.

 Kritik ließ er nicht zu: Patriarch Max Grundig
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Kritik ließ er nicht zu: Patriarch Max Grundig

Hamburg - Der Instinkt hatte Max Grundig verlassen. Der Unternehmer, der den Kundengeschmack bei Radio- oder TV-Geräten stets zu wissen schien, lief den Trends der Zeit hinterher. Sein Konzept, technisch Hochwertiges zu niedrigen Preisen anzubieten, zog nicht mehr.

Es waren die siebziger Jahre, als Japaner und Koreaner den Markt mit noch günstigeren und noch besseren Geräten überschwemmten. Grundig hatte nichts mehr entgegenzusetzen. Seine Produktpalette war nicht attraktiv genug, Gerätehalden und Preisverfall machten dem Konzern mehr und mehr zu schaffen. Der Fehler, den amerikanischen Markt zu ignorieren, schlug jetzt voll durch.

Selbstherrlich und verstockt

 Entsetzt über katastrophale Zustände: Der Rosenheimer Unternehmer Anton Kathrein, Mehrheitseigentümer bei Grundig
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Einer Kehrtwende stand Max Grundig Ende der siebziger Jahre selbst im Weg. Er verschloss sich allen Besserungsvorschlägen, Kritik ließ er nicht zu, seine Manager gängelte er. Seine Selbstherrlichkeit führte zu einer hohen Fluktuation auf der Führungsebene. Die wirtschaftlichen Probleme führten zum Stellenabbau in den Fabriken.

Endlich spürte auch der Firmenpatriarch, dass er ohne starken Partner nicht mehr überleben konnte. 1979 erwarb Philips 24,5 Prozent an der Grundig AG, fünf Jahre später stockten die Niederländer ihren Anteil auf 31,5 Prozent auf. Obwohl seine Familien-Stiftung noch immer die Mehrheit besaß, übergab Max Grundig die unternehmerische Führung die Niederländer.

Philips zahlte einen hohen Preis. Der Konzern musste für die Verluste bei Grundig gerade stehen und eine Garantiedividende von jährlich 50 Millionen Mark an die Stiftung zahlen. Nutznießer der Vereinbarung nach dem Tod von Max Grundig 1989 war seine dritte Frau Chantal Grundig.

Philips wurde nicht froh

Unter der Führung des Philips-Managers Hermanus Kording kam Grundig dank eines straffen Kostenmanagement wieder in die Gewinnzone.

 Schwerer Auftrag: Hans-Peter Kohlhammer, neuer Grundig-Chef, soll die Überreste des einst stolzen Konzerns sanieren
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Kordings Nachfolger Johan van Tilburg riss aber 1987 mit seiner Untätigkeit die Firma wieder in die roten Zahlen. Er verpasste es, den auf Fernseher und Videorekorder konzentrierten Konzern mit neuen Produkten auf eine breitere Basis zu stellen. 1992 musste er gehen.

1995 ist Grundig pleite. Nur die Vereinbarung zur Übernahme der Verluste durch Philips rettet die Traditionsfirma. Die Zahl der Mitarbeiter war von 40.000 (1978) auf knapp 11.000 gesunken.

1997 verlor Philips die Geduld mit den Fürthern. Die Niederländer zogen sich zurück; mehrere Milliarden Mark waren bei Grundig verbrannt worden. Die Traditionsfirma wurde wieder selbstständig. Zu den neuen Eigentümern gehörten der Antennenhersteller Kathrein und mehrere Banken. Mittlerweile ist Anton Kathrein bestimmender Großaktionär und besitzt mit 89 Prozent die Mehrheit.

Probleme sind geblieben

Doch der Zustand der Firma besserte sich nicht. Um zu überleben, sucht der neue Vorstandschef Hans-Peter Kohlhammer einen Finanzinvestor oder einen Wettbewerber als Partner. Zudem wird die Produktion in Nürnberg-Langwasser nach Wien verlegt, die Zahl der Beschäftigten noch einmal um 1260 auf 4600 gesenkt. Grundig steckt noch immer mitten im nicht enden wollenden Existenzkampf.


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