Schweizer Korruptionsjäger "Die Reeder agieren praktisch unkontrolliert"

Der emeritierte Jura-Professor Mark Pieth ist weltweit anerkannter Korruptionsexperte. Er wundert sich über den Aufstieg der weltgrößten Reederei MSC – und kritisiert die Vogel-Strauß-Mentalität in seiner Heimat.
Das Interview führte Michael Machatschke
Weltmacht der Meere: Die größte Reederei der Welt, MSC, stammt aus der Schweiz

Weltmacht der Meere: Die größte Reederei der Welt, MSC, stammt aus der Schweiz

Foto: LUDOVIC MARIN / AFP

Der Schweizer Mark Pieth (69) ist emeritierter Jura-Professor. Er hat sich als Korruptionsbekämpfer international einen Namen gemacht, er leitete viele Jahre eine OECD-Gruppe zu dem Thema, war Chef einer Fifa-Untersuchungskommission. In seinem neuen Buch "Seefahrtnation Schweiz" lotet er gemeinsam mit Co-Autorin Kathrin Betz, ebenfalls Juristin mit Schwerpunkt Wirtschaftsstrafrecht, die Untiefen des maritimen Gewerbes aus. Pieth arbeitet heute als Anwalt und Berater.

manager magazin: Herr Professor Pieth, Ihr Heimatland, die Schweiz, liegt weit vom Meer entfernt. Dennoch haben hier die weltgrößte Reederei MSC  und viele andere Schifffahrtsunternehmen ihren Sitz. Woran liegt das?

Mark Pieth: Es sind wohl vor allem zwei Gründe. Zum einen finden Reeder in der Schweiz ein Umfeld vor, das zu ihrem Geschäft passt: Rohstoffhändler, die Transportaufträge vergeben, Banken für die Finanzierung der Schiffe und deren Ladung, Versicherungen und dergleichen mehr. Zum anderen lockt sie wohl ein Rechtsrahmen, den man – freundlich formuliert – als sehr liberal bezeichnen könnte.

Und weniger freundlich formuliert?

Weniger nett ausgedrückt ist es das Fehlen von jeglichen Regulierungen und Durchsetzungsmechanismen. Die Reeder agieren praktisch unkontrolliert, man könnte auch sagen: in einem rechtsfreien Raum. Und das finde gerade ich als Korruptionsbekämpfer bedenklich.

MSC sind diese Freiheiten offenbar gut bekommen. Konnten Sie in Ihren Recherchen nachvollziehen, wie der eindrucksvolle Aufstieg dieser Reederei unter Gianluigi Aponte gelungen ist?

Über die Anfänge und die genauen Hintergründe des Aufstiegs von MSC ist wenig bekannt und wenig zu erfahren. Die meisten begnügen sich mit der Darstellung, die der Gründer selbst verbreitet: Die rührselige Geschichte des Seemanns Aponte, der sich bei einer Überfahrt in die schöne Bankierstochter aus der Schweiz verliebt und dann gemeinsam mit ihr ganz klein ins Reedergeschäft einsteigt. Für mich ist vor allem unklar, wie Herr Aponte an seine ersten hundert Schiffe gekommen ist, danach trägt sich so ein Geschäft ja in gewissem Umfang von selbst. Nachvollziehbar ist lediglich, dass er immer kapitalschonend gearbeitet hat, etwa durch Chartern von Schiffen oder Verkauf und Zurückleasen von Neubauten.

Was hat die Schweiz davon, dass sie zu einer Schifffahrtsnation avanciert ist?

So stellt sich hier niemand die Frage. Der steuerliche Nutzen dürfte jedenfalls überschaubar sein. Die Reedereien sind einfach ein weiterer Baustein im Wirtschaftssystem Schweiz, mit vermutlich gut bezahlten Arbeitsplätzen in Genf und anderen Städten.

Warum haben Sie dann dieser Branche ein ganzes Buch gewidmet?

Ich wende mich damit gegen die Vogel-Strauß-Politik in diesem Land, die man schon von den Banken her kennt. Mit der maritimen Wirtschaft sind auch Risiken verbunden: Unfälle, Umweltverschmutzung, prekäre Arbeitsverhältnisse auf See. Ich möchte dazu beitragen, dass wir genauer hinschauen und unsere Verantwortung wahrnehmen.

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