Rose-Bikes-Mitgesellschafter Marcus Diekmann "Ich bin ein Verlierer"

Ein Kommentar von Marcus Diekmann
Marcus Diekmann, Mitgesellschafter des Bike-Herstellers Rose, hat bislang eher mit seinen Erfolgen Schlagzeilen geschrieben. Jetzt redet er offen über seine persönlichen Fehler.
Reflektiert: Marcus Diekmann

Reflektiert: Marcus Diekmann

Foto: Simon Thon

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Die "Welt am Sonntag" betitelte Verena Bahlsen (29) jüngst als Verliererin – weil die Erbin des Keksimperiums auf LinkedIn offen über eine Panikattacke in einem Weizenfeld und vergossene Tränen in Firmen-Meetings sprach.  Wenn das Verlieren ist, dann bin ich wirklich der Verlierer des Jahres.

Das Beispiel Bahlsen führt es uns wieder einmal bildlich vor Augen: Wir reden zwar seit Jahren darüber, wie wichtig es ist, eine Fehlerkultur  in Unternehmen zu etablieren. Aber noch immer leben viele uns diese Idee nicht in ihrem Innersten, sondern werfen sie nur als Folie in der Employer-Branding-Präsentation an die Wand. Dabei ist Verlieren mutiger als Gewinnen. Und das Mutigste, was man machen kann, ist zuzugeben, wovor man Angst hat.

In den vergangenen Jahren wurde in verschiedenen Wirtschaftsmedien immer wieder über meine Erfolge berichtet. Diesen Kommentar aber widme ich nun ausschließlich meinen Fehlern. Drei davon möchte ich hier exemplarisch nennen:

1. Die falsche Berufswahl

Schon mit 16 Jahren waren Wirtschaftszeitungen meine Lieblingslektüre. Und schon damals wollte ich ein Teil dieser Wirtschaft werden, um sie zum Guten zu verändern. Ich machte eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten, weil ich dachte, das wäre der Weg dahin. Doch es dauerte nicht lange, bis klar war: Das Jobprofil passt nicht zu einem kreativen Freigeist mit Zahlenverständnis. Und so war ich nicht nur der untalentierteste Steuerfachangestellte der Welt, sondern in dieser Position auch kreuzunglücklich.

2. Ein Fehlinvestment als Gründer

In den letzten knapp 20 Jahren habe ich als Unternehmer rund 250.000 Euro verloren. Viel Geld ging etwa vor 15 Jahren drauf. Neben meinem damaligen Hauptjob als Co-Gründer einer E-Commerce-Strategieberatung und Umsetzungs-Agentur wollte ich unter anderem ein Software-Unternehmen aufbauen. Ich wusste damals aber zu wenig von Vermarktung und verlor den Fokus und zeigtlich hatten wir keine ausreichenden Kapazitäten und Erfahrungen in diesem Segment. Das Resultat: Nach neun Monaten war das Software-Unternehmen pleite – und mein Geld weg.

3. Ein falscher Tritt auf der Karriereleiter

Peek & Cloppenburg ist ein tolles Unternehmen mit einer langen Erfolgshistorie. Als die Anfrage kam, ob ich als Co-Chef bei der P&C-Tochter International Brands Company KG helfen wolle, das Eigenmarkengeschäft zu stärken, empfand ich das als große Ehre. Doch für die anstehenden Herausforderungen war ich nicht der richtige Manager und Trainer.

Ich bin der Typ für gemeinsame radikale Transformation und unkonventionelle Maßnahmen, nicht aber für schrittweise Weiterentwicklung. Es fiel mir schwer, dies einzugestehen und innerhalb sehr kurzer Zeit die Konsequenzen zu ziehen. Schließlich war der Wechsel öffentlichkeitswirksam kommuniziert worden . Aber aus falschem Schamgefühl zu bleiben, wäre ein noch größerer Fehler gewesen.

In unserer Gesellschaft gilt immer noch das Credo: Wer Schwächen zugibt, ist ein Idiot. Wer Stärken zugibt, ist arrogant. Doch beides trifft nicht zu. Gerade weil wir uns nicht trauen, offen über unsere Stärken und Schwächen zu reden, werden viele Mitarbeiter in ihren Unternehmen falsch eingesetzt. Würde man ihr wahres Potenzial erkennen und nutzen, wäre nicht nur der Mitarbeiter zufriedener, sondern auch das Unternehmen erfolgreicher.

Deswegen fordere ich:

1. Lasst uns endlich mutig sein!

Jeder, der etwas riskiert, muss gefeiert werden. Ohne Fehler gibt es keine Learnings und keinen Erfolg. Nur wenn wir Fehler zulassen , verlassen wir unsere Komfortzone und haben den Mut, Dinge auszuprobieren. Und nur so werden wir vom Land der Dichter und Patente zum Land der Start-ups und können damit beginnen, unseren Rückstand gegenüber den USA oder China aufzuholen.

2. Lasst uns Feedback-Gespräche effizienter nutzen!

In Japan entschuldigen sich Arbeitgeber bei ihren Mitarbeitern, wenn sie für Aufgaben eingesetzt wurden, die sie nicht erfüllen konnten. Die dahinterstehende Philosophie Kaizen soll ein Umfeld schaffen, in dem die Mitarbeiter ohne Druck und Angst vor negativen Auswirkungen durch ihre Handlungen und Leistungen durch den Arbeitstag zu gehen.

Ein solches Mindset brauchen wir auch in Deutschland. In wie vielen Unternehmen sehen Abteilungsleiter die jährlichen Feedback-Gespräche  mit ihren Mitarbeitern nur als lästige Zeitfresser? Dabei könnten sie ein wirkungsvolles Instrument sein, um die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Angestellten zu identifizieren und ihnen Aufgabenbereiche zu übertragen, in denen sie ihr Potenzial voll ausspielen können – zum Wohle der Firma und sich selbst.

3. Lasst uns den Druck von Unternehmenserben nehmen!

Nur weil man als Kind eines großen Unternehmers geboren wurde, ist man selbst nicht automatisch auch ein großer Unternehmer. Auch diese Kinder haben ihre individuellen Stärken und Schwächen und haben das Recht, für sich die Aufgaben zu finden, die zu diesen Anlagen passen und die sie auf Dauer glücklich machen. Lasst uns den Erben das Recht einräumen, dass man auch nach einem Jahr gehen oder eine andere Rolle übernehmen darf.

Fortschritt bedeutet Mut – nur wer bereit ist zu riskieren, kann alles gewinnen und wenn es manchmal auch nur die Erkenntnis darüber ist, was wir können und was nicht. Ich weiß genau was meine Stärken und Schwächen sind und bin sehr gerne ein Verlierer.

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