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Was macht eigentlich Manfred Lahnstein?

Was macht eigentlich Manfred Lahnstein
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 2/2001

Gratulation, Manfred Lahnstein! Jetzt ist es schon wieder Jahre her, dass mal eine wirklich wichtige Geschichte über ihn geschrieben wurde, doch ihm macht's nichts aus, ihm ist es Wurscht, er sagt: "Egal".

Und tatsächlich: Der Doppel-Ex (Minister, Manager) erweckt trotz völligen Rampenlichtentzugs einen ordentlichen Eindruck: sehr ausgelastet und von weicher Nachdenklichkeit. Dazu noch diese Meine-Lunge-ist-mir-scheißegal-Zigarre.

Ja, das sieht alles sehr schön und wie ein kleines Wunder aus. Denn der Paffer, muss man wissen, war früher grottenlangstirnig, kreuzlangweilig und mordslahnsteinig.

Einem breiteren Publikum lastet der Mann als Helmut Schmidts letzter Finanzminister auf der Erinnerung: Er war immer der Typ mit dem Schnurrbart und alles in allem eine sehr steife Erscheinung.

Derlei Strahlschwäche, liebe jüngere Leser, war vor 20 Jahren nichts Ungewöhnliches: Die Leute besuchten noch keine Charisma-Schulungen oder Ausstrahlungsseminare. Jeder musste mit dem auskommen, was seine Persönlichkeit so hergab. Auch und vor allem SPD-Kader.

Die Zeitläufte jedenfalls haben Lahnstein wie Knetgummi behandelt und aus dem Spröden einen Lockeren gemacht. Deshalb hier schon mal das erste Fazit: So richtig gut ist man meistens zum falschen Zeitpunkt.

Heute lebt der 63-Jährige mit (dritter) Frau und Tochter in einem feinen Haus an der Hamburger Außenalster. Er nennt sich Berater, berät aber eigentlich nicht viel. Ein bisschen Rothschild hier, ein bisschen Mitsui Bank da: Deutschland-Expansion hin, Kontakte knüpfen her. Sein Büro hat er in der City aufgeschlagen, unter einem Dach mit der hiesigen CLT-Ufa.

Der gebürtige Rheinländer hätte eine Großkarriere hinlegen können - doch Finanzminister war er nur bis zum Sturz der sozial-liberalen Koalition im Oktober 1982, flackernde sechs Monate lang. 1994 scheiterte er als Vorstand bei Bertelsmann: Man kreidete ihm die Misswirtschaft beim TV-Sender Vox an und strafversetzte ihn in den Aufsichtsrat.

"Meine Karriere ist nie zu Ende", hat er jedenfalls und sicherheitshalber mit sich ausgemacht: "Wenn ich sterbe, ist meine Karriere zu Ende."

Heute tourt Lahnstein mit dem Titel eines "Sonderbeauftragten des Bertelsmann-Vorstands" und mit Vorträgen (grundsätzlich frei gehalten) durch die Wirtschaftswelt.

Aus seinem Leben schöpfte er weltanschauliche Vernunft in zwei Leitsätzen: 1. "Ich habe die Fähigkeit, dass mich Dinge nicht kratzen, die mich nicht kratzen sollen."

2. "Was sich Politiker an Entschuldigungen ausdenken - damit kämen Sie in einem Unternehmen keine zwei Meter weit."

Mit der Welt ist Lahnstein nahezu zwangsläufig im Reinen: Er verfasst gedankenschwere Pensionärsbücher; prangert die Experterei in Politik und Wirtschaft an; doziert übers Rundfunkrecht; interpretiert seine Aufsichtsratsposten offensiv: "In der Regel bin ich unterwegs." In letzter Zeit vor allem wegen seines neuen Buchs, der Geschichte seiner Schwieger-eltern: Juden aus Zagreb, die im Krieg nach Italien flüchteten und schließlich bei Titos Partisanen landeten.

Er habe die Geschichte für seine Tochter aufschreiben wollen. "Menschlichkeit in Zeiten des Terrors" könne diese "Liebeserklärung an Italien" heißen. Typisch Lahnstein. Hier nun Fazit II: "Man muss auf die Möglichkeit setzen, dass Geschichte gut endet." Klaus Boldt

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