Zur Ausgabe
Artikel 24 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

"Man muss sich selbst mögen"

Interview: Was muss sich in den Vorstandsetagen ändern? Novartis-Konzernchef Daniel Vasella über Managereinkommen, Geschäftsmoral und Narzissmus der Führungskräfte.
Von Wolfgang Kaden und Heide Neukirchen
aus manager magazin 1/2003

mm Herr Vasella, Topmanager waren noch nie so sehr unter Beschuss wie derzeit. Zu Recht?

Vasella Teilweise ja. Wir haben im Zuge des Börsenhochs eine Idealisierung der Topmanager erlebt, verbunden mit einer übermäßigen - von gewissen Geschäftsführern geförderten - Leistungserwartung. Jetzt, mit dem Crash und dem Aufdecken von Skandalen bei Enron, Tyco oder Worldcom, erleben wir eine Verteufelung des CEO. Das ist nicht überraschend. Viele Anleger haben viel Geld verloren und sind enttäuscht.

mm Die Kritik hängt auch mit der Explosion der Managervergütungen zusammen. In Deutschland wird diskutiert, ein Topsalär auf das 150fache des durchschnittlichen Arbeitnehmergehalts zu begrenzen.

Vasella Das wäre ein weiteres Mittel, die deutsche Konkurrenzfähigkeit herabzusetzen. Die Einkommensentwicklung ist kein statischer, sondern ein dynamischer, vom Markt getriebener Prozess. Gesellschaften, die sich an starre Lohnrelationen halten, werden nur ausnahmsweise die besten Köpfe bekommen.

mm Der neue Novartis-Forschungschef ist Amerikaner. Um wie viele Franken sind Ihre Personalkosten gestiegen?

Vasella Mark Fishman kam von der Universität, wusste aber durch die Offenlegung der Gehälter, wie viel die Forschungschefs von Merck und Pfizer verdienen*. Dann wird in den Einstellungsverhandlungen ungefähr so argumentiert: "Ich bin nicht primär geldorientiert, aber Sie werden mich doch nicht unfair behandeln."

mm Vor allem das Abkassieren über Aktienoptionen stößt auf Unverständnis. Ist es nicht unmoralisch, wenn Manager zweistellige Millionenbeträge als Einkommen erhalten?

Vasella Die Beträge bewegten sich vielerorts sogar im dreistelligen Millionenbereich. Sie liegen damit jenseits der Moral und sind die Folge von massiven Übertreibungen. Ich glaube aber, dass wir die Spitze erreicht haben und das Pendel langsam wieder in die andere Richtung ausschlägt.

mm Wird Novartis künftig die Vorstandsgehälter detailliert offen legen?

Vasella Im Geschäftsbericht über das Jahr 2002 werden wir meine eigenen Bezüge sowie jene von vier weiteren Geschäftsleitungsmitgliedern einzeln publizieren. Diese Offenlegung ist zwar ein Eingriff in die Privatsphäre und speziell unangenehm für die Familie, entspricht aber den heutigen Erwartungen.

mm Manager arbeiten unter zunehmendem Wettbewerbsdruck und erlegen sich in der Wahl ihrer Mittel immer weniger Zurückhaltung auf. Wird heute manches Verhalten als zulässig angesehen, das früher noch als verwerflich galt?

Vasella Natürlich verändern sich mit der Zeit auch die Regeln. Die Gesellschaft ist kein starres System. Aber ich glaube, dass wir gegenwärtig keine Verschlechterung der moralischen Standards erleben. Wir registrieren im Gegenteil eine Entwicklung, die wir eine Remoralisierung des Managements nennen können. Die Marktorientierung der 90er - Freiheit, nur der Markt soll die Grenzen setzen - ist in eine entgegengesetzte Bewegung umgeschlagen.

mm Das wäre ganz neu.

Vasella Ja, aber es zeichnet sich eindeutig eine Trendwende ab. Nach den vielen Skandalen gibt es neue und strengere Regeln und Gesetze. Leute werden verhaftet und angeklagt. Das war früher anders. Es bleibt aber zu hoffen, dass dieser Trend nicht in regulatorische Exzesse mündet.

mm Die Toleranzgrenze liegt noch sehr hoch. In einer Branche wie der Ihren wird der Konkurrenzkampf mit allen Mitteln ausgetragen.

Vasella Wir haben in unserer Branche weltweit einen Code of Conduct, der strenger als früher regelt, was erlaubt ist und was nicht. Früher gab es für Ärzte in gewissen Ländern zum Beispiel Gratisreisen an exotische Plätze. Das ist heute alles geregelt.

mm Kongresse auf Kreuzfahrtschiffen waren ja vergleichsweise harmlos. Der US-Konzern Pfizer ist Vorreiter des inzwischen allgemein üblichen beinharten Medikamenten-Marketings. Auch Ihr Pharmachef hat nicht in der philosophischen Fakultät, Abteilung Ethik, gelernt. Er war vorher bei Pepsi und Reemtsma.

Vasella Wir müssen zwei grundlegende Dinge unterscheiden. Einmal, ob die angewandten Methoden legitim sind oder nicht. Und zum anderen, ob legitime Methoden sehr hart angewendet werden. Letzteres ist gewiss der Fall. Der Konkurrenzkampf ist intensiver geworden. Das verlangt ganz klar viel Professionalität und Konkurrenzbereitschaft. Dagegen ist nichts einzuwenden.

mm Was würden Sie auf keinen Fall tun, auch wenn Ihr Wettbewerber damit Erfolg hat?

Vasella Wir dürfen auf keinen Fall falsche Behauptungen aufstellen, aber müssen jegliche legale Möglichkeit ausnutzen, unsere Kunden von dem wahren Vorteil unserer Produkte zu überzeugen. Es freut mich, wenn wir mit Aufkrempeln der Ärmel die Konkurrenz überrunden.

mm Also: Leistung zählt?

Vasella Und Wissen, Können, Differenzierung der Produkte, Innovation. All das ist richtig, wichtig. Der andere Weg, von der Bestechung bis hin zur Lüge, unterminiert in einem Unternehmen die Leistungsbereitschaft.

mm Sie sind promovierter Arzt und haben diesen Beruf bis 1988 ausgeübt. Prägt Sie das?

Vasella Ja, die Bilder der Patienten, die ich erlebt und behandelt habe, sind und bleiben sehr präsent. Es wäre naiv zu denken, dass meine eigene prägende Vergangenheit erst mit dem Beruf des Managers, also ab 1988, begonnen hätte.

mm Haben Sie Vorbilder?

Vasella Als Kind war es Konrad Lorenz, weil mich das Verhalten von Tieren faszinierte. Aber auch mein Vater und in gewisser Hinsicht meine Mutter und meine Geschwister waren Vorbilder, später einige Professoren. Ich bewunderte spezielle Fähigkeiten und Charaktereigenschaften. Das geht mir heute noch so, zum Beispiel bei Herrn Sihler*.

mm Warum spielen Eitelkeiten bei Topmanagern eine große Rolle?

Vasella Bei manchen passt das Wort Narzissmus besser.

mm Narzissmus ist Selbstverliebtheit, also sogar die Steigerung von Eitelkeit.

Vasella Ich sehe dies etwas differenzierter: Wir Menschen und damit auch Topmanager müssen in einem gesunden Verhältnis zu uns selbst stehen, man muss sich selbst mögen. Ohne ein gesundes Selbstwertgefühl ist Führung unmöglich. Das ist aus meiner Warte gesunder Narzissmus. Wenn Leute in hohen Positionen allerdings glauben, sie seien unfehlbar; wenn sie sehr kränkbar sind und keinerlei Kritik ertragen und ihre Entscheidungen von Grandiosität geprägt werden, dann sind Probleme programmiert. Das ist krankhafter Narzissmus.

mm Wer hat denn die Courage, beispielsweise einem Daniel Vasella unangenehme Dinge zu sagen?

Vasella Konstruktive und manchmal auch unangenehme Kritik erhalte ich von ganz verschiedenen Leuten. Norman Walker, der Leiter unserer Personalabteilung, übermittelt mir manches. Der Verwaltungsrat beurteilt mich und meine Leistung formal einmal jährlich. Er besteht fast ausschließlich aus unabhängigen, externen Mitgliedern.

mm Die sagen Ihnen direkt und indirekt das Nötige?

Vasella Gerade Herr Sihler ist ein erfahrener, unabhängiger Mann, der mir immer wieder wichtiges Feedback gibt. Außerdem setze ich mir jährlich Ziele, die ich erreichen möchte. Das sind teilweise Unternehmensziele, in der Regel budgetäre, teilweise sind es persönliche Ziele. Diese werden vom Verwaltungsrat am Anfang einer Periode diskutiert und genehmigt. Nach zwölf Monaten werden die Resultate vergleichend überprüft.

mm Was verstehen Sie unter persönlichen Zielen?

Vasella (steht auf, holt seine Aktentasche und zieht ein DIN-A4-Blatt heraus) Persönliche Ziele unterliegen direkt meiner Kontrolle. 2002 hatte ich mir die Aufgabe gestellt, eine klare Forschungsstrategie zu entwickeln und einen neuen Forschungschef zu finden. Im kommenden Jahr will ich mich intensiv um eine bessere Kommunikation der Novartis mit Regierungen und internationalen Organisationen bemühen. Dieser Kontakt muss professioneller ablaufen, als es bisher der Fall ist.

mm Haben Sie Ihre persönlichen Ziele immer schwarz auf weiß dabei?

Vasella Ja. Ich will mich immer an ihnen orientieren. Aber um noch einmal auf den Punkt zurückzukommen, dass es an Kritik fehlen könnte. Ich muss mir als Führungskraft nur überlegen, wie lange ich von meinen Mitarbeitern keinerlei Kritik zu hören bekam. Sollte das sehr lange zurückliegen, dann stimmt etwas nicht.

mm Sie sind Chairman of the Board, mit dem Titel "Präsident des Verwaltungsrats", und gleichzeitig CEO. Das entspricht nicht unbedingt den Grundsätzen guter Corporate Governance.

Vasella Es gibt Beispiele für Erfolg und Misserfolg bei getrennter Ausübung dieser Aufgaben wie auch bei Personalunion der Ämter. Ich bin kein Prinzipienreiter, der auf unserem Modell besteht. Jede Firma muss unter Berücksichtigung verschiedener Umstände die Wahl treffen, ob sie wie die meisten amerikanischen Firmen vorgehen oder die Aufsichtsratsfunktion getrennt halten will.

mm In Deutschland ist es Gesetz.

Vasella Wenn die Deutschen das eindeutig bessere System der Corporate Governance hätten, müsste die deutsche Wirtschaft weltweit an der Spitze stehen und die amerikanische weit unten. Das ist nicht der Fall. Erfolg oder Misserfolg hängen wohl von den handelnden Personen ab, nicht vom System.

mm Haben wir eigentlich genug gute Unternehmensführer?

Vasella Nein, nie. Leider fehlen gute Manager nicht nur oben, sondern analog auf allen Ebenen.

mm Führung muss man ja wollen. Fehlt es an der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen?

Vasella Das ist so. Unternehmensführer sind heute exponierter als früher. Sie stehen im Schussfeld.

mm Da bleiben viele lieber in der Deckung?

Vasella Ja, diese Mentalität hat zugenommen, und die Bereitschaft, vorn zu stehen, ist entsprechend kleiner geworden.

mm Management ist Stress. Wie werden Sie damit fertig?

Vasella Das frage ich mich manchmal auch. Wichtig für den Aus- gleich sind die Familie, sind die Ferien und ist schließlich die Gewissheit, dass dieser Job nicht ewig dauert.

mm Bei Novartis ist die Amtszeit des CEO auf höchstens zwölf Jahre begrenzt. Ihr Mandat läuft 2008 ab, dann sind Sie erst 55. Und dann?

Vasella Ich möchte sicherlich nicht inaktiv werden. Müsste ich es heute entscheiden, würde ich mich Projekten zu Gunsten Not leidender Kinder widmen.

mm Warum können so viele Manager nicht rechtzeitig aufhören?

Vasella Vielleicht haben gewisse Unternehmensführer einfach Mühe, wieder den Status eines ganz normalen Bürgers anzunehmen. u

*2001 verdiente der Pfizer-Forschungschef zwei Millionen Dollar, der Merck-Forschungschef 1,6 Millionen Dollar.

*Helmut Sihler, der frühere Chef von Henkel und Ex-Vorstandsvorsitzende der Telekom, ist als "Vizepräsident" Stellvertreter von Vasella im Novartis-Verwaltungsrat.

-------------------------------------------------------------------

Profil

Quereinsteiger: Der Arztberuf, so rät Daniel Vasella (49) jungen Leuten, sei eine ideale Vorbereitung für eine Position im Topmanagement. Er selbst hat es vorgemacht. Der Sohn eines Geschichtsprofessors aus Fribourg legte eine ungewöhnliche Karriere hin: Studium der Medizin, praktizierender Arzt bis 1988, Crash-Kurs an der Harvard-Business-School, Mitglied in der Konzernleitung des Pharmaherstellers Sandoz bis 1996. Seit sechs Jahren CEO von Novartis.

Operateur: Der Arzt, der die Schnitte beim Patienten nicht rechtzeitig setzt, kann dessen Leben gefährden. Daniel Vasella bevorzugt schnelle Entscheidungen. Er verabschiedete sich als erster CEO vom modischen Life-Sciences-Konzept (Pflanzenschutz plus Pharma), fusionierte seine Agro-Sparte mit Astra-Zeneca und brachte die Firma als "Syngenta" an die Börse. Als ihm 2001 ein Aktienpaket des Ortsrivalen Roche angeboten wurde, griff er sofort zu.

Ratgeber: Kein CEO entspricht so wenig dem öffentlichen Bild eines CEO wie Vasella, urteilt das US-Magazin "Fortune" über den nachdenklichen, selbstkritischen und pragmatischen Schweizer auf dem Pharma-Thron. Sein Rat ist viel gefragt. Vasella ist unter anderem Aufsichtsrat bei Siemens, Verwaltungsrat bei PepsiCo und Credit Suisse und Mitglied des Chairman''s Council von DaimlerChrysler. Er kümmert sich um die Business-Schulen Harvard, Insead und IMD und das Davoser Weltwirtschaftsforum.

-------------------------------------------------------------------

Unternehmen

Der Konzern: Novartis (lateinisches Kunstwort für "Neue Fertigkeiten") entstand 1996 aus dem Zusammenschluss der Schweizer Rivalen Sandoz und Ciba-Geigy. Mit einem Umsatz von 32 Milliarden Franken und 71 100 Mitarbeitern ist Novartis heute der sechstgrößte Pharmahersteller der Welt.

Die Firma aus Basel verkauft in den USA inzwischen mehr Medikamente als in Europa. Das große Amerika-Geschäft macht Novartis konkurrenzstark und reich. Der Konzern verdiente im letzten Geschäftsjahr 7 Milliarden Franken oder 2,7 Franken pro Aktie.

Die Geschäftsfelder: Kerngschäft sind innovative Medikamente wie beispielsweise das Leukämie-Präparat Glivec (siehe auch Seite 72). Im Unterschied zu den wichtigsten Wettbewerbern haben die Schweizer systematisch eine internationale Generika-Sparte aufgebaut (Umsatz: 2,4 Milliarden Franken). Die Augenheil-Tochter Ciba Vision (Umsatz: 1,8 Milliarden Franken) ist der zweitgrößte Kontaktlinsenhersteller der Welt.

Die Forschung: Novartis wird 2003 rund 5 Milliarden Franken für die Entwicklung neuer Wirkstoffe und den Aufbau eines Forschungs-Campus im Großraum Boston ausgeben.

-------------------------------------------------------------------

Neue Wege

Patientenmacht im Internet

Glivec, lebensrettendes Novartis-Medikament für Leukämiekranke, hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte.

Patienten hatten über das Internet von einem Wirkstoff in der frühen Entwicklungsphase erfahren und schickten per E-Mail Hilferufe an Vasella. Der Druck der Kranken sorgte dafür, dass Glivec doppelt so schnell entwickelt und dreimal schneller zugelassen wurde als üblich. Auf eigenes Risiko startete Novartis die Herstellung des Wirkstoffs während der klinischen Tests.

Der Preis wurde weltweit auf 2200 Dollar pro Behandlungsmonat und Patient festgesetzt. Kranke, die in Ländern ohne Versicherungsschutz leben, werden entsprechend ihren finanziellen Möglichkeiten an den Ausgaben beteiligt. Den vollen Preis zahlt nur, wer über 100 000 Dollar im Jahr verdient. Bei Einkommen unter 43 000 Dollar jährlich ist das Medikament kostenlos.

*2001 verdiente der Pfizer-Forschungschef zwei MillionenDollar, der Merck-Forschungschef 1,6 Millionen Dollar.*Helmut Sihler, der frühere Chef von Henkel undEx-Vorstandsvorsitzende der Telekom, ist als "Vizepräsident"Stellvertreter von Vasella im Novartis-Verwaltungsrat.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 45
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel