Die 50 Mächtigsten "Ich wandere nicht in die Schweiz aus"

Seit 1981 leitet Michael Otto den von seinem Vater Werner in der Nachkriegszeit aufgebauten Versand- und Handelskonzern. Neben seinem Engagement für Kultur und Umweltschutz bringt Otto sich auch politisch ein, hanseatisch dezent natürlich.
Von Arne Stuhr

Hamburg - Als Michael Otto (60) 1971 zum ersten Mal nach China reist, hat die von Mao entfesselte Kulturrevolution bereits zahllose Opfer gefordert und das Land zum Teil ins Chaos gestürzt. "Die einzige Einreisemöglichkeit war von Hongkong aus mit dem Zug", erinnert er sich im Gespräch mit manager-magazin.de.

Mittlerweile hat der von Asien faszinierte Otto China bereits mehrmals bereist. Demnächst werde er wieder dorthin fliegen, um ein neues Importbüro zu eröffnen. Mao-Bibel und Rote Garden haben spätestens seit Chinas Beitritt zur WTO ausgedient.

Otto - Präsident des WWF-Stiftungsrates und mit der Michael-Otto-Stiftung beim Gewässerschutz in den neuen Ländern engagiert - räumt ein, dass die Umwelt beim wirtschaftlichen Boom in China anfangs zu kurz gekommen sei. "Jetzt ist aber Gott sei Dank ein Problembewusstsein entstanden, das zum Beispiel auch den Ausstoß von Kohlendioxid thematisiert", zeigt er sich für die Zukunft optimistisch. Seine Gespräche mit dem chinesischen Umweltminister hätten ihn in dieser Einstellung bestärkt.

So viel Lob gibt es für die westlichen Nachbarn der Chinesen nicht. "Die Russen haben den Fehler gemacht, sofort zu viel unkontrolliert sich selbst zu überlassen."

Virtuelle Anprobe und Einkaufen am Bildschirm

Bei den eigenen Problemen wird Otto etwas einsilbiger: "Die Restrukturierung unserer Schwesterfirma Spiegel läuft planmäßig. Das dortige Management macht einen exzellenten Job." Immerhin musste der US-Versender, an dem die Familie Otto direkt beteiligt ist, auf Grund fauler Kredite zuletzt Gläubigerschutz beantragen.

Viel lieber spricht der "Manager des Jahres 2001" von den Zukunftsfeldern des Otto-Konzerns, der unlängst den Zusatz "Versand" aus seinem Namen gestrichen hat. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz im Online-Handel um 30 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. Otto ist damit hinter Amazon  weltweit die Nummer zwei. Egal ob virtuelle Anprobe, Paketverfolgung per SMS oder Einkaufen am heimischen Fernsehschirm, Otto setzt auf den technischen Fortschritt. In Japan mit Erfolg: Dort verschicken die Otto-Kunden bereits jede dritte elektronische Bestellung per Handy.

Noch aber sorgen andere Geschäftssparten für den Großteil der zuletzt 19,2 Milliarden Euro Umsatz des Konzerns, an dem die "WAZ"-Familien Brost und Funke nach wie vor mit 25 Prozent beteiligt sind. Mittlerweile gehören zum Beispiel auch Schwab, Witt, Heine, Sport-Scheck, Alba Moda und Baur zum Versandimperium. Die Modekette Zara ist ein Joint Venture mit der spanischen Inditex , der Computergroßhändler Actebis steuert im Jahr fast vier Milliarden Euro zum Umsatz bei, der Lebensmitteldiscounter Fegro & Selgros (gehört zu 50 Prozent der Rewe-Gruppe) knapp 2,5 Milliarden Euro. Die Hanseatic Bank und der hinter der Deutschen Post  zweitgrößte deutsche Paketversender Hermes runden das Portfolio ab.

Kein Problem mit Dieter Bohlen

Kein Problem mit Dieter Bohlen

Dass nicht sofort erkennbar ist, wohinter sich alles der Otto-Konzern versteckt, ist durchaus gewollt. "Der Name Otto kann nicht für alles stehen", so der Konzernchef.

In seiner Heimatstadt Hamburg steht er auf jeden Fall für großzügiges Mäzenatentum. Rund 6,2 Millionen Euro steuerte Otto zuletzt für den Neubau der Jugendmusikschule bei, der als Dank den Namen "Michael Otto Haus" trägt. Außerdem steht er dem Kuratorium der nach seinem Vater benannten Werner-Otto-Stiftung für medizinische Forschung vor.

Bei so viel Engagement fürs Hochgeistige müssten ihm seine Werbepartner aus der seichten Unterhaltung doch manchmal aufstoßen. "Ich habe kein Problem damit, dass Dieter Bohlen in unserem Katalog auftaucht", trennt der Sammler von moderner Kunst aber ganz klar seinen persönlichen Geschmack und die Präferenzen seiner Kunden.

"Es muss möglich sein, ein Unternehmen zu vererben"

Vielleicht rührt die Milde gegenüber der Tötensener Trash-Ikone aber auch aus der von beiden geteilten regionalen Verbundenheit. "Ich werde nicht aus steuerlichen Gründen Hamburg den Rücken kehren und in die Schweiz auswandern", so Ottos klares Bekenntnis. Ein Abgang wie ihn der ebenfalls mit Bohlen werbende Theo Müller plant, komme für ihn nicht in Frage.

Dennoch mahnt Otto, der nicht nur als Vize-Präses der Hamburger Handelskammer im regelmäßigen Kontakt mit den Regierenden steht, die Politik zu Augenmaß: "Es muss auch weiterhin möglich sein, in Deutschland ein Unternehmen zu vererben."

Aufsichtsrat bei Axel Springer, Deutsche Bank und Gerling

Neben dem steuerlichen Übergang des Familienvermögens bereitet Otto auch schon seine Nachfolge im operativen Geschäft vor. Wenn er, der neben seinen Aufsichtsmandaten innerhalb der Otto-Guppe auch noch bei der Deutschen Bank , dem Axel Springer Verlag  und der Gerling-Versicherung im Kontrollgremium sitzt, sich in fünf Jahren aus der Unternehmensführung zurückzieht, wird vorerst ein familienfremder Manager das Ruder übernehmen. Dann soll - aber muss nicht - einige Jahre später Sohn Benjamin in dritter Generation den Konzern führen.

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