Donnerstag, 18. Juli 2019

Die 50 Mächtigsten Knöllchen zum Mauerfall

Chemie, Verlagswesen und Mode - Giuseppe Vitas Rat ist in vielen Branchen gefragt. Aber nicht nur deswegen wurde er vom manager magazin in die "Hall of Fame" gewählt.

Giuseppe Vita (68) ist der Vorzeigeausländer der Deutschland AG. Der charmante Italiener war als Schering-Chef viele Jahre der einzige ausländische Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens. Sein Erfolg bei dem Berliner Pharmahersteller bewies: Um ein Unternehmen in die Weltspitze zu führen, bedarf es nicht zwangsläufig eines unnahbaren und autoritären Führungsstils, zuweilen führen Eigenschaften wie Humor, menschliche Nähe und Charakter schneller zum Erfolg.

 Ein Italiener in Berlin: Giuseppe Vita kam 1987 in die damals noch nicht Hauptstadt
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Ein Italiener in Berlin: Giuseppe Vita kam 1987 in die damals noch nicht Hauptstadt
Der promovierte Mediziner Vita begann seinen unaufhaltsamen Aufstieg 1964 als Radiologe in der klinischen Forschung und 1965 dann als Geschäftsführer der Schering SpA in Mailand. Unter seiner Führung wurde Italien zu einem der wichtigsten Absatzmärkte für das Berliner Unternehmen. So ein Erfolg empfiehlt für Höheres und so wurde Vita 1987 nach etlichen Versuchen in die Berliner Konzernzentrale gelockt. Als Vorstand mit Zuständigkeit für das Pharmaressort war Vita plötzlich für die Hälfte des Konzernumsatzes verantwortlich.

Auch in Berlin bewährte sich der "nette Sizilianer" derart hervorragend, dass er 1989 als Nachfolger von Horst Witzel zum Vorstandsvorsitzenden bestellt wurde. Obwohl Schering nie zu den ganz großen Konzernen der pharmazeutischen Industrie zählte, machte Vita in den folgenden Jahren den einzigen Berliner Dax-Konzern weltweit zu einem anerkannten Unternehmen, das sich an den Weltbörsen auch in Sachen Transparenz und Investor Relations beispielhaft präsentierte. Vita und sein kongenialer Finanzvorstand Klaus Pohle hatten sogar den Mut, die Stimmrechtsbeschränkung der Schering-Aktie abzuschaffen - trotz der dauernden Gefahr einer feindlichen Übernahme - und die Aktie an der New Yorker Börse zu listen.

Im Frühjahr 2001 wechselte Vita in den Aufsichtsratsvorsitz von Schering. Seine exzellenten Verbindungen zu Springer-Chef Mathias Döpfner verhalfen ihm zusätzlich zum Job des Oberaufsehers des Axel Springer Verlags. Und die Freundschaft des Weltbürgers Vita zum italienischen Modeindustriellen Marzotto bescherte ihm das oberste Aufsichtsmandat bei dessen Deutschland-Ableger Boss.

Henning Schulte-Noelle als Laudator

Keine Frage, Vita ist einer der erfolgreichsten und sympathischsten Topmanager Deutschlands. Und so verwundert es auch kaum, dass manager magazin ihn gerade in die berühmte "Hall of Fame" aufgenommen hat. Die Laudatio hielt kein geringerer als der einstige Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle. In dessen amüsanter Rede ist eine Passage, die Vitas Charakter sehr gut schildert und verdeutlicht wie er sich auch für Deutschland verdient gemacht hat:

"Als die Mauer dann wider Erwarten fiel, stand Deutschland plötzlich im Mittelpunkt des Weltinteresses. Sorgen, Befürchtungen und politische Blockaden schlugen der anstehenden Wiedervereinigung entgegen. Sie (Vita) kannten dieses Land und waren sich nicht zu schade, zurückhaltend im Ton, aber eindringlich in der Sache, Ängste vor einem teutonischen Hegemoniestreben zu zerstreuen.

Dass Sie den Berliner Mauerfall nie vergessen werden - dafür sorgen nicht nur Geschichtsbücher, sondern auch die deutsche Polizei. In der Nacht der Nächte fuhren Sie mit Ihrer Familie an die nun offene Grenze, um mit den Berlinern zu feiern, und parkten das Auto - na ja, auf Italienisch.Was in Deutschland, Geschichte hin, friedliche Revolution her, nicht hingenommen werden kann. Sie fingen sich also ein 20-Mark-Knöllchen ein, datiert 10. November 1989, denn die Mitternacht war schon vorüber. Und das Beste ist: Angezeigt hat Sie ein Lkw-Fahrer, der ordnungsgemäß seine Ware abliefern wollte. Er war von Schering - und staunte nicht schlecht, als Sie ihm spontan zu seiner Gewissenhaftigkeit gratulierten."


Die 50 mächtigsten Manager

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