Streit in der Lufthansa eskaliert "Für unsere Mitarbeiter am Boden und in der Luft ist die Situation grauenvoll"

Der Streit über Flugchaos und Sparzwang bei der Lufthansa eskaliert. Betriebsräte greifen das Management scharf an, sie zeichnen ein verheerendes Bild von der Airline. Chefaufseher Karl-Ludwig Kley spricht von einer "grauenvollen" Situation für die Mitarbeiter - und stärkt Vorstandschef Spohr den Rücken.
Protest gegen Stellenabbau: Nach der Rettung durch den deutschen Staat setzte das Management bei der Lufthansa den Rotstift an und strich während der Pandemie Zehntausende Stellen. Nun wollen die Menschen wieder fliegen, und es fehlt an allen Ecken und Enden Personal.

Protest gegen Stellenabbau: Nach der Rettung durch den deutschen Staat setzte das Management bei der Lufthansa den Rotstift an und strich während der Pandemie Zehntausende Stellen. Nun wollen die Menschen wieder fliegen, und es fehlt an allen Ecken und Enden Personal.

Foto: Arne Dedert/ dpa

Lufthansa-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley (71) hat angesichts interner Konflikte bei der Airline durch chaotische Zustände im Sommerreiseboom den Zusammenhalt beschworen. "Entweder wir verlieren gemeinsam oder wir gewinnen zusammen", erklärte Kley in einem im Intranet der Lufthansa veröffentlichten Interview, das Reuters am Mittwoch vorlag. Die Lage sei äußerst schwierig und extrem angespannt wie noch nie. "Und das macht auch die Entwirrung der Fäden so schwierig." Doch wenn es nicht gelinge, zusammen mit Flughäfen und Dienstleistern den Betrieb zu stabilisieren und die unter Ausfällen und Verspätungen leidenden Kunden zufriedenzustellen, "können wir uns Gedöns sparen."

Den öffentlich gewordenen Brandbrief der Lufthansa-Personalvertretungen, die über drei Seiten dem Vorstand schwere Vorwürfe wegen des Sparkurses in der Corona-Krise machen, erwähnte Kley nicht.

Personalvertreter kritisieren in Brandbrief Missmanagement

Die Interessenvertreter des Personals in Cockpit, Kabine und am Boden forderten in dem Schreiben an den Aufsichtsrat, das Reuters vorlag, ein Ende des Sparkurses und des aus ihrer Sicht herrschenden Missmanagements. Der Aufsichtsrat müsse auf eine konstruktive Personalführung hinwirken, bei der Wertschätzung "nicht in Floskeln endet, sondern auch so gemeint und gelebt wird."

Die Geschäftsführung müsse Rahmenbedingungen schaffen, damit alle Mitarbeiter wieder zu maximaler Leistung bereit wären. Die Personalvertreter sehen danach auch den Vorstand als Mitverursacher für das imageschädigende Flugchaos wegen zu harten Personalabbaus. Die Lufthansa wollte zu dem Brief keine Stellung nehmen.

Verhältnis zwischen Vorstand und Beschäftigten "nachhaltig beschädigt"

Lufthansa-Chef Carsten Spohr (55) verweist als Ursachen dagegen in erster Linie auf Probleme der Flughäfen und Bodendienste. Er entschuldigte sich kürzlich aber dafür, dass die Lufthansa selbst an der ein oder anderen Stelle zu viel gespart habe.

Die Mitarbeitervertretungen zeichnen derweil ein verheerendes Bild der Lage bei der Airline. Fast überall sei nach dem Stellenabbau, zu dem sich die Lufthansa wegen des Geschäftseinbruchs in der Corona-Krise gezwungen sah, zu wenig Personal an Bord für die starke Geschäftserholung in diesem Sommer. Der Ärger über das Management ist dem Schreiben zufolge groß: Seit Jahren sei das Verhältnis des Konzernvorstandes zu seinen Beschäftigten belastet und nach Kündigungsdrohungen nachhaltig beschädigt.

Betriebsräte prangern Sparwahn an

In dem Brief lehnen sich die Repräsentanten der Beschäftigten gegen den Sparkurs auf, den das Management mit Blick auf ein Renditeziel von mindestens acht Prozent bis 2024 verfolgt. Dafür sollen 1,8 Milliarden Euro Personalkosten eingespart werden, wovon ein Großteil schon umgesetzt ist.

"Ein Dienstleistungsunternehmen, welches in dieser Art und Weise gegen das eigene Personal geführt wird, hat keine Zukunft."

Aus dem Brandbrief der Lufthansa-Personalvertretungen

Personalvertreter und Gewerkschaften sollten "zur Kapitulation gezwungen werden", um die Kosten zu drücken, warfen die Personalvertreter dem Management vor. "Gerade das angeblich viel zu teure Personal hat in der Vergangenheit alle durch den Sparwahn hervorgerufenen Missstände ausgebügelt und vor dem Kunden kaschiert", hieß es in dem Brief weiter. Dazu sei es bei der jetzigen Überlastung nicht mehr in der Lage. "Ein Dienstleistungsunternehmen, welches in dieser Art und Weise gegen das eigene Personal geführt wird, hat keine Zukunft."

Vor der Corona-Pandemie hatte der Konzern noch rund 140.000 Mitarbeitende. Um die Kosten zu senken, wollte der Vorstand die Zahl der Beschäftigten auf rund 100.000 reduzieren. Im Geschäftsjahr 2021 beschäftigte der Konzern noch 105.290 Menschen. In diesem Frühjahr hatte der Lufthansa-Konzern das Abbauprogramm vorzeitig beendet und wollte wieder einstellen.

Doch auch zur Rekrutierung neuer Kräfte äußern sich die Arbeitnehmer pessimistisch: "Die Arbeitsbedingungen sind in vielen Bereichen so, dass es uns an Bewerbern fehlt. Die Vergütungen starten in manchen Gesellschaften unter den nun kommenden Mindestlohnanforderungen."

"Für unsere Mitarbeiter am Boden und in der Luft ist die Situation grauenvoll"

Lufthansa-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley

"Für unsere Mitarbeiter am Boden und in der Luft ist die Situation grauenvoll", zitiert Reuters wiederum Aufsichtsratschef Kley aus dem im Intranet der Lufthansa veröffentlichten Interview. Ihm seien unerträgliche Berichte der Beschäftigten von Aggressionen und teilweise sogar körperlichen Attacken von Fluggästen, "von Verzweiflung und Tränen, von Hilflosigkeit bei gleichzeitiger Loyalität zu unserer Lufthansa" bekannt.

"Sollen wir aber unsere Kraft jetzt da reinsetzen, das alles hier und heute aufzuarbeiten? Aus meiner Sicht nein."

Lufthansa-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley

Bei der Personalplanung seien Fehler gemacht worden, räumte auch der oberste Unternehmenskontrolleur ein. Der Aufsichtsrat sei davon überzeugt, die jetzt vom Vorstand eingeleiteten Maßnahmen wie Flugstreichungen und zusätzliches Personal wären erfolgreich. Unterschiede in der Sichtweise im Unternehmen hätten über Jahrzehnte ihren Nährboden gefunden. "Sollen wir aber unsere Kraft jetzt da reinsetzen, das alles hier und heute aufzuarbeiten? Aus meiner Sicht nein. Jetzt müssen wir erst einmal den Schlamassel in den Griff kriegen."

rei/Reuters/DPA
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