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Lufthansa light

Eurowings: Die Regional-Airline aus Dortmund mischt für die Lufthansa den Billigflug-Markt auf.
aus manager magazin 1/2003

Ein Geheimnis vieler erfolgreicher Menschen liegt zweifellos darin, dass sie bei Bedarf sehr schnell ihre Meinung ändern können. Lufthansa-Chef Jürgen Weber (61) fällt in diese Kategorie.

Noch im Juni lehnte er einen Einstieg in den boomenden Markt der Billigflieger strikt ab.

Das Bekenntnis scheint vergessen. Seit gut zwei Monaten mischt die Lufthansa in der Discount-Fliegerei mit, wenn auch eher diskret.

Vom Flughafen Köln-Bonn aus schickt der Dortmunder Regionalflieger Eurowings seine Low-Cost-Tochter Germanwings in die Preisschlacht. An Eurowings ist Lufthansa beteiligt.

Die ersten Resultate versetzen die Lufthanseaten in Hochstimmung. "Endlich", jauchzt ein Weber-Vertrauter, "kann die Lufthansa gegenhalten." Und: Die Gesellschaft werde das Tempo noch deutlich forcieren.

Es war eine Mischung aus Druck und Gelegenheit, die Jürgen Weber umstimmte. Überzeugt hat ihn am Ende, dass er über das Vehikel Eurowings/Germanwings mitramschen kann, ohne die Edelmarke Lufthansa zu gefährden.

Zudem kann die Tochter einen Preiskampf besser verkraften als das Mutterhaus. Eurowings arbeitet rund ein Drittel kostengünstiger als die Lufthansa. "Wir waren schon immer schlank und flexibel", sagt Eurowings-Chef Friedrich-Wilhelm Weitholz (50).

Die Billigtochter Germanwings in Köln steigert die Sparsamkeit zu schierem Geiz. Die Angestellten arbeiten in einem Container, der vor dem Flughafen steht, gleich neben dem Taxistand. Was provisorisch aussieht, könnte von Dauer sein. "Ich komme aus der Logistik", erläutert Weitholz, ehemals Manager beim Speditionskonzern Schenker, "da sind Containerbüros ganz normal."

Dienstwagen gibt es nicht. Für eilige Wege am Flugplatz dürfen die Mitarbeiter Tretroller benutzen.

Welten scheinen zwischen Germanwings und Lufthansa zu liegen. Da passt es, dass Weitholz betont, Eurowings habe Germanwings selbstständig entwickelt und führe die Airline unabhängig.

Kenner halten diese Aussage für Wortgeklingel.

"Eurowings ist 100 Prozent Lufthansa", meint ein langjähriger Lufthansa-Berater. Obwohl die Frankfurter nur 24,9 Prozent der Anteile halten sowie eine Option auf weitere 25 Prozent (der Rest gehört dem Baustoffunternehmer Albrecht Knauf, 60), geschieht bei Eurowings nichts ohne Zustimmung der Kranich-Linie.

Sichtbar ist der Einfluss bei der Wahl der Flugziele von Germanwings. Sie trägt die Handschrift von Lufthansa-Bereichsvorstand Ralf Teckentrup (45). Der Manager, im Konzern verantwortlich für die Netzsteuerung der Passagierluftfahrt, beschäftigt sich schon geraume Zeit mit der Frage, welche Ziele für Low-Cost-Airlines besonders geeignet sind. Mit Paris, London, Zürich und Wien stehen vier attraktive Städte für Geschäftsreisende im Flugplan.

Zugleich verrät die Auswahl, dass Lufthansa bereit ist, sich den Einstieg in den Billigmarkt etwas kosten zu lassen. Sie nimmt hin, dass ihre eigenen Flüge nach Zürich nun schlechter ausgelastet sind. Die Strecke Köln-Barcelona hat Lufthansa der Germanwings ganz überlassen.

Eurowings-Vormann Weitholz bestreitet, dass Lufthansa den Aufbau von Germanwings über solche Gefälligkeiten hinaus unterstütze. Die Kosten würden aus dem laufenden Ertrag bestritten.

Tatsächlich päppelt die Lufthansa den Kölner Himmelsstürmer durch unterschwellige Gaben für Eurowings, die in der Bilanz nicht sichtbar werden. Ein Drittel der täglich rund 340 Eurowings-Flüge sind Zubringerdienste für die Lufthansa. Das Entgelt richtet sich nicht streng nach der Zahl der verkauften Tickets, sondern unterliegt einem gewissen Verhandlungsspielraum.

Außerdem hätte der Weltkonzern eine weitere Möglichkeit, die junge Kölner Airline bei der Expansion zu unterstützen: Lufthansa könnte Germanwings günstig zusätzliche Flugzeuge verleasen. Schon 2003 soll die Germanwings-Flotte von heute 6 auf dann 12 bis 15 Maschinen wachsen.

Sicher ist dem Start-up die besondere Geduld der Übermutter selbst dann, wenn Germanwings nicht - wie geplant - schon 2004 Gewinne abwerfen sollte. Denn die Lufthansa verfolgt mit der Enkeltochter vor allem ein Ziel: die Billigkonkurrenz klein zu halten.

Diese Absicht zielt in erster Linie auf den direkten Rivalen in Köln-Bonn, den Tui-Spross Hapag-Lloyd Express (HLX). Jürgen Weber ärgert maßlos, dass Tui-Chef Michael Frenzel (55) mit HLX in ein für Tui fremdes Terrain, den Linien- flug, eingebrochen ist. Das sei "unseriös", schimpfte Weber vor seinen Leuten.

Auch dem Billig-Vorreiter Ryanair und seinem provokanten Chef Michael O'Leary (42) soll Germanwings in die Parade fahren.

Weitholz scheint dazu motiviert. Ob er dem Iren mal begegnet sei? Kopfschütteln. "Den Weg nach Hahn", stichelt Weitholz gegen den von Ryanair angesteuerten Flughafen im Hunsrück, "habe ich nicht gefunden." Michael Machatschke

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