600-Millionen-Angebot Die Lufthansa-Piloten beugen sich dem Spar-Druck

Seit Monaten versucht Konzernchef Carsten Spohr die Belegschaft auf einen Sanierungskurs zu zwingen. Mit dem Bodenpersonal konnte er sich nun einigen. Und die Piloten bieten an, auf "bis zu 50 Prozent" ihres Gehalts verzichten.
Halbe Sache: Die Piloten der Lufthansa wollen auf bis zu 50 Prozent ihres Gehalts verzichten.

Halbe Sache: Die Piloten der Lufthansa wollen auf bis zu 50 Prozent ihres Gehalts verzichten.

Foto: Daniel Reinhardt/ picture alliance / dpa

Nun also doch. Nachdem zuletzt nicht nur Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele (79; 12,4 Prozent) sondern auch die Geldgeber vom Staat massiv Druck gemacht haben, beugt sich die Belegschaft. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) hat der Konzernführung um Carsten Spohr (53) ein deutlich erhöhtes Verzichtsangebot vorgelegt, um die Personalkosten zu senken. Die bis Jahresende befristeten Zugeständnisse könnten bis 30. Juni 2022 verlängert werden, teilte VC am Mittwoch mit. Der Sparbeitrag erhöhe sich damit von 155 Millionen Euro auf gut 600 Millionen Euro. Es komme darauf an, im Unternehmen die Liquidität zu sichern.

Parallel gelang dem Konzern an diesem Mittwoch eine Einigung mit der Gewerkschaft Verdi für die rund 35.000 Beschäftigten am Boden. "Wir haben nach zähen Verhandlungen ein erstes Ergebnis erreicht", erklärte Verdi-Vizechefin Christine Behle (52). Durch den Verzicht auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Lohnerhöhungen bis Ende 2021 leisteten die Beschäftigten einen Sparbeitrag von mehr als 200 Millionen Euro zur Bewältigung der Krise. Im Gegenzug verpflichtete sich die Lufthansa zu einem Kündigungsschutz bis Ende 2021. Die Einigung steht noch unter Vorbehalt der Zustimmung der Verdi-Mitglieder.

Die Lufthansa, die im Sommer mit insgesamt 9 Milliarden Euro vom Staat gerettet wurde, muss weiter dringend sparen. Pro Monat verbrennt die Airline 350 Millionen Euro, bis Ende September sind Verluste von 5,6 Milliarden Euro aufgelaufen. Mehr als die Hälfte der Flugzeuge steht dauerhaft am Boden, wegen des zweiten Lockdowns werden nochmals 125 Jets stillgelegt. Konzernchef Spohr hält 27.000 der zuletzt weltweit rund 138.000 Arbeitsplätze für überflüssig.

In der schwersten Krise der Unternehmensgeschichte eskalierte daher der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen Management und Belegschaft. Die Staatsmilliarden hatten es Spohr schwer gemacht, die Mitarbeiter von weiteren Sparbeiträgen zu überzeugen  und langfristige Sanierungstarifverträge zu schließen. Lediglich die 22.000 Flugbegleiter stimmten Einschnitten zu; das Bodenpersonal und die teuren Piloten weigerten sich bislang. Großinvestor Thiele hatte darum zuletzt den Druck auch öffentlich erhöht: "Die Bundesregierung muss sich fragen, wie lange es vertretbar ist, dass mit öffentlichen Mitteln Jobs erhalten werden, für die es keinen Bedarf mehr gibt", sagte er im SPIEGEL. In Regierungskreisen kursieren bereits Pleiteszenarien.

Durch die Einigung mit dem Bodenpersonal könnten im nächsten Jahr bis zu 50 Prozent Personalkosten der Beschäftigtengruppe eingespart werden, erklärte Personalchef Michael Niggemann. Bis Ende 2021 wird die Lufthansa durch Kurzarbeit finanziell entlastet. "Wir dürfen aber nicht nachlassen, weiter an Maßnahmen zur Krisenbewältigung zu arbeiten, um auch für die Zeit nach Ende der Kurzarbeit gute Lösungen für die Mitarbeiter zu vereinbaren", ergänzte er.

Die Stimmung im Konzern ist eisig. Beim Bodenpersonal sollen 2800 Stellen entfallen – das Management will jetzt ein Programm zum freiwilligen Ausscheiden und Altersteilzeit starten. Von den rund 5000 Piloten der Lufthansa-Kerngesellschaft drohen 1100 betriebsbedingte Kündigungen, sollte man sich nicht einigen. Entsprechende Verhandlungen für Sozialplan und Interessensausgleich hat die Lufthansa nach eigenen Angaben mit den Betriebsräten bereits eingeleitet. Bislang hatten sich VC und Unternehmen nur auf einen kurzfristigen Sanierungs-Tarifvertrag verständigt.

Das neue Angebot der Piloten soll die Lage nun entspannen. Neben Kurzarbeit sehe das Paket Zugeständnisse bei Gehalt und Altersversorgung vor, erklärte VC. "Die in diesem Frühjahr vereinbarten und nun zusätzlich angebotenen Zugeständnisse belaufen sich auf einen Wert von insgesamt über 600 Millionen Euro. Dies entspricht gegenüber der Vorkrisenzeit Gehaltsreduzierungen von bis zu 50 Prozent", sagte VC-Präsident Markus Wahl. "Die Piloten gehen hiermit an ihre finanzielle Belastungsgrenze, um dem Unternehmen zu helfen."

An der Börse hat die Lufthansa  massiv an Wert verloren. Sogar eine Insolvenz wegen Überschuldung oder weitere milliardenschwere Staatshilfen erschienen zuletzt möglich. Die Nachricht eines möglichen Corona-Impfstoffs hatte allerdings den Aktienkurs beflügelt und es zudem der Gesellschaft erleichtert, sich am Kapitalmarkt frisches Geld zu besorgen. Erst am Dienstag hatte Spohr angekündigt, dass die Lufthansa 600 Millionen Euro mit einer Wandelanleihe einnimmt, was den finanziellen Spielraum etwas erweitert.

mg, lhy/dpa-afx/Reuters