Fehlendes Personal Lufthansa-Chef entschuldigt sich für Chaos, Verdi warnt vor Gewalt an Flughäfen

Weil Personal fehlt, herrscht Chaos auf Flughäfen und im Luftverkehr. Lufthansa-Chef Spohr entschuldigt sich dafür und räumt ein, dass es der Konzern mit dem Sparen übertrieben habe. Verdi warnt vor Gewaltausbrüchen entnervter Touristen gegen das Flughafenpersonal.
Personalabbau in der Krise übertrieben? Lufthansa-Chef Carsten Spohr deutet das gegenüber der Belegschaft an

Personalabbau in der Krise übertrieben? Lufthansa-Chef Carsten Spohr deutet das gegenüber der Belegschaft an

Foto:

Sepp Spiegl / imago images/sepp spiegl

Warteschlangen, Verspätungen und Flugstreichungen: Lufthansa-Chef Carsten Spohr (55) stimmt die Passagiere auf Flugchaos im Sommer ein. Nach dem Hochfahren des Luftverkehrs nach der Corona-Pandemie von fast Null auf knapp 90 Prozent könne die Branche nicht die gewohnte Verlässlichkeit, Robustheit und Pünktlichkeit liefern, schrieb Spohr in einem Brief des Konzernvorstands an die Kunden.

"Wir können uns dafür bei Ihnen nur entschuldigen und wollen dabei auch ganz ehrlich sein: In den nächsten Wochen mit weiter steigenden Passagierzahlen, ob Urlaub oder Geschäftsreisen, wird sich die Situation kurzfristig kaum verbessern." Es fehlten nicht nur bei der Lufthansa, sondern in der gesamten Branche noch zu viele Mitarbeiter.

"Wir sehen, dass Fluggäste ihren Frust immer häufiger an Beschäftigten auslassen, die gar nichts für die Probleme können"

Verdi-Luftfahrtexperte Sven Bergelin

Die Gewerkschaft Verdi warnte zu Beginn der Sommerferien vor einem Gewaltproblem. "Wir sehen, dass Fluggäste ihren Frust immer häufiger an Beschäftigten auslassen, die gar nichts für die Probleme können", sagte Verdi-Luftfahrtexperte Sven Bergelin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Es gibt eine drastische Zunahme an psychischer und physischer Gewalt." An Spitzentagen müsse man sehr lange Wartezeiten einkalkulieren.

Ein Fünftel der Airport-Beschäftigten krankgemeldet

Auch der hohe Krankenstand von 20 Prozent an deutschen Airports sei ein Problem. "Wir beobachten an den Flughäfen zurzeit ein Chaos mit Ansage." Verdi habe schon Mitte 2021 davor gewarnt, dass diese Probleme wegen des Personalabbaus auftreten könnten. "Wir sehen, dass 20 Prozent des Bodenpersonals fehlt, in absoluten Zahlen sind das 5000 Leute." Verdi will mit der Lufthansa-Tochter Eurowings auf einem Krisengipfel Lösungen für die Personalengpässe im Sommer ausloten.

"Haben wir es unter dem Druck der [...] Pandemie-bedingten Verluste mit dem Sparen übertrieben? Sicher auch das."

Lufthansa-Chef Carsten Spohr

Spohr erklärte: "Allein in Europa sind mehrere Tausende Neueinstellungen geplant." Dieser Kapazitätsaufbau werde die Lage aber erst im Winter stabilisieren. Im Sommer 2023 dürfte die Situation der globalen Luftfahrt deutlich verlässlicher sein. In einem Brief an die Belegschaft räumte Spohr ein, Lufthansa habe bei der Rettung des Unternehmens in den vergangenen zwei Jahren Fehler gemacht. "Haben wir es unter dem Druck der mehr als zehn Milliarden Euro Pandemie-bedingten Verluste mit dem Sparen an der ein oder anderen Stelle übertrieben? Sicher auch das."

Flughafen Düsseldorf: Mit Beginn der Ferienzeit in NRW waren die Flughäfen dem Ansturm der Passagiere nicht gewachsen

Flughafen Düsseldorf: Mit Beginn der Ferienzeit in NRW waren die Flughäfen dem Ansturm der Passagiere nicht gewachsen

Foto: David Young / dpa

Vor der Corona-Pandemie hatte der Konzern noch rund 140.000 Mitarbeitende. Um die Kosten zu senken, wollte der Vorstand die Zahl der Beschäftigten auf rund 100.000 reduzieren. Im Geschäftsjahr 2021 beschäftigte der Konzern noch 105.290 Menschen. In diesem Frühjahr hatte der Lufthansa-Konzern das Abbauprogramm vorzeitig beendet und wollte wieder einstellen.

Hohe Corona-Neuinfektionen verschärfen die Personalengpässe bei Fluglinien und Flughäfen noch. Airlines, Flughäfen und Bodendienstleister setzen darauf, dass rund 2000 Hilfskräfte aus dem Ausland befristet für rund drei Monate die gröbste Not beim Personalmangel rund um Gepäckabfertigung, Check-in und Sicherheitskontrollen abmildern können. Allerdings dürften die meisten wohl frühestens im August zum Einsatz kommen - und damit für das Feriengeschäft an vielen Flughäfen zu spät, sagte Thomas Richter, der Chef des Arbeitgeberverbands der Bodenabfertigungsdienstleister im Luftverkehr (ABL). "Es löst nicht das Problem, aber es hilft mit Sicherheit."

rei/Reuters, DPA
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.