Ohne Staat geht's nicht Lufthansa ringt um Eigenkapital

Zur Hauptversammlung der Lufthansa üben sich Management und Aufsichtsrat in Zuversicht - und müssen viel Kritik einstecken. Doch ohne Staatshilfe geht es auch 2021 nicht - und die ist teuer.
Versuchte sich in Zuversicht: Dabei hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr zur HV nicht viel Positives zu verkünden. In den vergangenen 12 Monaten mussten rund 22 Prozent der Mitarbeiter den Konzern verlassen.

Versuchte sich in Zuversicht: Dabei hatte Lufthansa-Chef Carsten Spohr zur HV nicht viel Positives zu verkünden. In den vergangenen 12 Monaten mussten rund 22 Prozent der Mitarbeiter den Konzern verlassen.

Foto: Sepp Spiegl / imago images/sepp spiegl

In der fortdauernden Corona-Krise ringt der Lufthansa-Konzern weiter um seine finanzielle Grundlage. Ganz ohne den Staat geht es auch im laufenden Jahr nicht, wurde bei der Online-Hauptversammlung des MDax-Konzerns an diesem Dienstag überdeutlich. Das Eigenkapital ist zum Ende des katastrophalen Geschäftsjahres 2020 auf knapp 1,4 Milliarden Euro zusammengeschmolzen, eine Quote von nur noch 3,5 Prozent der Bilanzsumme nach 24 Prozent im Vorkrisenjahr 2019. Auch in Fragen der Nachhaltigkeit und zum Umgang mit den eigenen Beschäftigten in der Krise steht das Unternehmen unter Druck.

Auf der einen Seite haben Vorstand und Aufsichtsrat die Aktionäre erfolgreich um einen Vorratsbeschluss gebeten, um in den nächsten Jahren bei günstiger Gelegenheit bis zu 5,5 Milliarden Euro neues Eigenkapital aufnehmen zu können. Mit den neuen Anteilen sollen vorrangig die stillen Beteiligungen des deutschen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) abgelöst werden, wie Lufthansa-Chef Carsten Spohr (54) ankündigte. Auf der anderen Seite erklärte aber der neue Finanzvorstand Remco Steenbergen (52), dass man erwäge, noch in diesem Quartal 1,5 Milliarden Euro aus der bislang unangetasteten Stillen Beteiligung 1 des WSF abzurufen.

Lufthansa könnte WSF-Fonds schon in Kürze anzapfen

Dieser Teil der Staatshilfe ist für das Unternehmen nicht billig, sondern kostet im laufenden Jahr 4 Prozent und im kommenden Jahr schon 5 Prozent Zinsen. Deutschland, Österreich, Belgien und die Schweiz hatten dem Konzern wegen des Geschäftseinbruchs durch die Pandemie im vergangenen Jahr 9 Milliarden Euro Staatshilfe zugesagt und ihn damit vor dem Untergang bewahrt. In der Summe enthalten sind zwei Stille Beteiligungen des WSF. Bisher hat die Lufthansa nur die zweite und kleinere Beteiligung in Höhe von 1 Milliarde Euro in Anspruch genommen. Die Stille Beteiligung 1, um die es nun geht, hat einen Gesamtumfang von 4,5 Milliarden Euro. Einen ebenfalls hochverzinslichen KfW-Kredit über eine Milliarde Euro hat Lufthansa bereits wieder zurückgezahlt.

Die Aktionäre mussten zahlreiche weitere negative Zahlen zur Kenntnis nehmen. Die Umsätze waren 2020 wegen des zusammengebrochenen Flugverkehrs um 63 Prozent auf 13,6 Milliarden Euro abgesackt, woraus sich ein Rekordverlust von 6,7 Milliarden Euro ergab. Dividenden an die Aktionäre darf Lufthansa erst nach einem Ausstieg des Staates wieder ausschütten.

Spohr und Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley (69) versuchten dennoch, Zuversicht zu verbreiten. Gründe zum Optimismus sind für Kley schnelle Fortschritte beim Impfen, der wieder vorhandene Zugang zum Kapitalmarkt sowie die Motivation der Mitarbeiter für einen Neustart. "Wir kommen wieder auf die Beine, der Kranich hebt wieder ab. Die Welt hat noch nicht alles von uns gesehen", sagte der Aufsichtsratschef.

Spohr versprach, dass der Konzern die Krise gestärkt verlassen werde. "Wir werden diese Krise nicht nur meistern, sondern sie als Chance nutzen, unsere globale Position in unserer in so vieler Hinsicht einzigartigen Branche weiter zu stärken. Die Lufthansa Group wird in Zukunft zunächst kleiner sein - aber auch fokussierter, digitaler, effizienter und nachhaltiger." Unter anderem setzt der Konzern auf modernere Flugzeuge mit niedrigerem Verbrauch. 115 alte Jets wurden bislang dauerhaft stillgelegt, der Kauf von 10 neuen Langstreckenjets gerade am Montag beschlossen und verkündet.

30.000 Mitarbeiter haben Konzern bereits verlassen

Bis zum Ende des ersten Quartals 2021 haben innerhalb eines Jahres rund 30.000 von einst 140.000 Mitarbeitern den Konzern verlassen. Das Catering-Geschäft in Europa wurde verkauft, die Airlines Germanwings und SunExpress Deutschland geschlossen. Der Konzern hatte in der vergangenen Woche bekräftigt, allein in Deutschland weitere 10.000 Vollzeitstellen streichen zu wollen oder entsprechende Einsparungen zu benötigen. Ende März gab es noch 93.500 Vollzeitstellen im Konzern, von denen 52.200 auf Deutschland entfielen.

Wenn im kommenden Jahr das Kurzarbeitergeld nicht mehr gezahlt wird, wird es eng für viele Lufthanseaten. Für besonderen Ärger sorgt daher die Gründung des neuen Flugbetriebs Eurowings Discover, der Fernstrecken zu mehr als 20 Prozent niedrigeren Betriebskosten anbieten soll als die Lufthansa-Kerngesellschaft, und der dafür auch externe Piloten rekrutiert.

Gewerkschafter warfen der Airline-Gruppe Tarifflucht und Stellenverlagerung ins Ausland vor. In einem offenen Brief an die Bundesregierung forderten die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit und andere Personalvertretungen, die Aufsichtsratsvertreter des Staates bei der Lufthansa müssten dem Einhalt gebieten.

Gewerkschafter und Aktionäre kritisieren Management gleichermaßen

Lufthansa-Chef Spohr verteidigte dagegen niedrigere, nicht tarifgebundene Gehälter bei der Ferienfluglinie Eurowings Discover. Sie seien notwendig, damit die Airline profitabel sei. "Tarifierung sichert nicht unbedingt Arbeitsplätze", sagte er. Zu hohe Löhne seien der Grund gewesen, dass die Lufthansa die Tochter Germanwings in der Krise schloss.

Kritik gab es aber auch von Aktionärsseite: Die Fondsgesellschaft Union Investment monierte auf dem virtuellen, dass die Lufthansa anders als die Billigflieger Ryanair oder Easyjet die Krise nicht konsequent nutze, um sich schlanker aufzustellen. "Die Lufthansa betreibt nur ein halbherziges Krisenmanagement, obwohl sie in der schwersten Krise ihrer Geschichte steckt", erklärte Michael Gierse, Fondsmanager bei Union Investment. Ein anderer Aktionär kritisierte, die Gehälter bei der Lufthansa seien zu hoch. Auch die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes für Piloten durch die Airline auf ein Monatsgehalt von bis zu 15.000 Euro wurde hinterfragt.

rei/dpa-afx/Reuters
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