Drohender Lieferstopp So kommt Deutschland ohne russisches Gas durch den Winter

Deutschland kann den Winter ohne russisches Gas überstehen, wie eine neue Studie zeigt. Dafür muss der Gasverbrauch um etwa 25 Prozent reduziert werden. Maßnahmen dafür seien da – nur an der Umsetzung hapert es noch.
Ostsee-Pipeline Nord Stream 1: Seit 2011 fließt russisches Erdgas durch die Ferngasleitung nach Deutschland

Ostsee-Pipeline Nord Stream 1: Seit 2011 fließt russisches Erdgas durch die Ferngasleitung nach Deutschland

Foto: Jens Büttner / dpa

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In der Debatte um die Gasknappheit in Deutschland und die bevorstehenden Heizkosten im Winter gibt es nach einer aktuellen Studie gute und schlechte Nachrichten. Die gute Nachricht aus dem Papier der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungseinrichtung "ECONtribute": "Wir werden den Winter auch ohne russisches Gas überstehen. Es besteht kein Grund zur Panik", sagt Moritz Kuhn, Professor und Mitglied des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Universität Bonn. Die schlechte Nachricht: "Wir schaffen das nur, wenn wir jetzt entsprechend handeln", so der Wissenschaftler.

Die deutsche Wirtschaft könnte noch einen sofortigen Stopp russischer Gaslieferungen mit auffangen, wenn sie von der Politik mit den richtigen wirtschaftspolitischen Maßnahmen unterstützt werde, sind sich Kuhn und sein Forschungsteam einig. "Es drohen im Fall eines Stopps russischer Gasimporte weder Massenarmut noch Volksaufstände, sondern Produktionseinbußen, die Deutschland schon in der Vergangenheit bewältigt hat, wenn es sich Krisen stellen musste", so Kuhn.

Die Bundesrepublik müsse dafür ihren Gasverbrauch in der kommenden Heizperiode um etwa 25 Prozent reduzieren. "Man hätte bereits im Frühjahr mit Anpassungsmaßnahmen und wirtschaftspolitischen Maßnahmen reagieren können", so Kuhn, sodass insgesamt mehr Zeit gewesen wäre, um Gas in der Stromerzeugung, Gebäudeheizung und Industrie einzusparen und zu ersetzen.

Die aktuelle Situation beschreibt Kuhn dabei gerne wie die Sicht auf ein Stauende. "Wir rasen mit ordentlicher Geschwindigkeit darauf zu. Aber unser Auto hat gute Bremsen, die wir rechtzeitig nutzen müssen", so Kuhn. Der Zeitpunkt langsam abzubremsen sei schon im März gewesen, nun müsse etwas stärker auf das Bremspedal getreten werden, um einen schlimmen Unfall zu vermeiden.

Gasalternativen zeigen sich in chemischer Industrie

Bei Einsparmaßnahmen und Ersatz für Erdgas und erdgasintensive Produkte bleibe jetzt deutlich weniger Zeit als noch im Frühjahr. Wie viele Unternehmen die teils kostspieligen Investitionen in Alternativen auch ohne entsprechende politische Vorschriften getätigt haben, lasse sich laut Forschungsteam nur schwer abschätzen. "Es hat sich aber gezeigt, dass die Auffassung, dass innerhalb eines halben Jahres überhaupt keine Gassubstitution möglich ist, falsch war", sagt Kuhn. Inzwischen würde es zahlreiche Beispiele für Alternativen geben, auch in der chemischen Industrie und der Glasproduktion. Darunter zeigten viele große Unternehmen, wie BASF, dass es möglich sei, Gas zumindest teilweise zu ersetzen.

Neben der Industrie seien die privaten Haushalte eine der wichtigsten Stellschrauben. Denn das Beheizen von Gebäuden macht den Großteil des Gasverbrauchs in den Wintermonaten in Deutschland aus. Sparanstrengungen würden hier daher besonders stark wirken. "Ein realistischerweise erreichbarer Einsparbeitrag der Haushalte und des Gewerbes liegt bei rund 15 Prozent des eigenen Verbrauchs", sagt Kuhn. Beim Heizen entspricht dies etwa einer Absenkung der Raumtemperatur um bis zu 2,5 Grad Celsius. Zusätzliche Maßnahmen wie Wärmedämmung könnten den Effekt verstärken.

Allerdings sieht Kuhn in diesen Maßnahmen bereits Probleme. "Wir appellieren derzeit zu viel an die Bürger und lassen zu wenig den wirtschaftlichen Preismechanismus wirken", sagt Kuhn. "Die Haushalte sind willens und in der Lage Energie einzusparen", sagt der Wissenschaftler. "Wir diskutieren derzeit zu viel über die Verteilungswirkung der Maßnahmen und sind damit schon beim zweiten Schritt, ohne den ersten überhaupt gemacht zu haben", so Kuhn.

Wirtschaftspolitische Maßnahmen notwendig

Notwendig seien wirtschaftspolitische Maßnahmen, die direkte wirtschaftliche Anreize zum Gassparen schaffen. Die Forscher schlagen etwa eine Gutschrift vor, die alle Gasverbraucher entlastet, aber gleichzeitig durch hohe Gaspreise den Anreiz zum Sparen beim Gasverbrauch schafft.

Aber auch das Gewerbe müsse zum Einsparen von Heizenergie beitragen, etwa durch Homeoffice oder veränderte Ladenöffnungszeiten. "Gas war in den vergangenen Jahren so günstig für uns, dass sich eine gewisse Bequemlichkeit entwickelt hat und wir jetzt den Verbrauchern Anreize und Informationen bieten müssen, damit sie verstehen, wie teuer Gas geworden ist und schnell darüber nachdenken, wie und wie viel sie heizen", so Kuhn.

Noch sei es machbar den Gasverbrauch für die kommende Heizperiode um knapp ein Viertel zu reduzieren, ist sich Kuhn sicher. Die ökonomischen Kosten des Wegfalls russischer Gaslieferungen blieben dabei ähnlich hoch wie bei einem Energieembargo im Frühjahr.

Das Forschungsteam um den ECONtribute-Forscher geht in seinen Berechnungen davon aus, dass die deutschen Gasspeicher zu jedem Zeitpunkt zu 20 Prozent gefüllt sein sollten, um einen Puffer für einen kalten Winter oder weitere Lieferunterbrechungen zu haben. Um das zu schaffen, müsste Deutschland seinen Gasverbrauch bis zum Ende der kommenden Heizperiode um etwa 25 Prozent reduzieren – selbst, wenn die neuen Flüssiggasterminals im Winter wie geplant in Betrieb gehen und Gas aus Drittländern importiert wird.

Braun- und Steinkohle drücken Gaslücke auf 20 Prozent

Alternative Energiequellen, wie Braun- und Steinkohle, würden derzeit trotz Klimaaspekt eine Alternative bieten – mit ihrer Nutzung bliebe aber laut Studie noch eine Gaslücke von knapp unter 20 Prozent, die Industrie, Gewerbe, Haushalte und der öffentliche Sektor einsparen müssen.

Die "Wirtschaftsweise" Veronika Grimm (50) sprach sich zudem erneut für eine längere Laufzeit für deutsche Kernkraftwerke aus. Den Streckbetrieb der Atomkraftwerke sollte man sehr umfassend erwägen, sagte die Ökonomin. Auch für die kommenden Jahre sollten die Kernkraftwerke als eine Art Sicherheit weiter im Betrieb gelassen werden, um Spielräume zu haben.

In den vergangenen Wochen sind die Rufe nach einer Laufzeitverlängerung immer lauter geworden. Befürworter verweisen auf die gekürzten russischen Gaslieferungen und fordern, mit den Kernkraftwerken den Einsatz von Gaskraftwerken zu reduzieren. Der Atomkraftwerk-Betreiber RWE hält sich zu einer möglichen Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke jedoch noch bedeckt. "Wir warten die politische Entscheidung ab", sagte RWE-Chef Markus Krebber (49) am Donnerstag.

Einen Hoffnungsschimmer sieht Kuhn hinsichtlich der Handlungsfähigkeit der Politik. "Der Fortschritt beim Bau neuer Flüssiggasterminals und der deutlich gesunkene Importanteil russischen Gases hat die Handlungsfähigkeit der Politik beim Gasangebot bewiesen. Jetzt muss auf der Nachfrageseite gehandelt werden", so Kuhn.

ECONtribute ist ein wirtschaftswissenschaftlicher Forschungszusammenschluss der deutschen Exzellenzinitiative. Das Cluster ist ein gemeinsames Projekt der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und der Universität zu Köln. Ziel des Forschungsclusters ist es, Märkte im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu untersuchen. Die Forschungsergebnisse sollen dabei in die öffentliche Diskussion in Politik und Gesellschaft eingebracht werden.

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