Cyrus de la Rubia

Störungen in den Lieferketten Was wir vom Flugchaos für die Wirtschaft lernen können

Cyrus de la Rubia
Ein Gastkommentar von Cyrus de la Rubia
Das Reisechaos an den Flughäfen ist ein Lehrstück darüber, was gerade in der Wirtschaft falsch läuft. Die Ursachen zu erkennen und Lösungen zu finden kann helfen, die Inflation in den Griff zu bekommen und eine Rezession abzuwenden.
Flug fast verpasst? Dann kommen die nächsten Urlauber noch früher, die Warteschlangen werden immer länger

Flug fast verpasst? Dann kommen die nächsten Urlauber noch früher, die Warteschlangen werden immer länger

Foto: David Young / dpa

Manchmal kann eine praktische Erfahrung ein ganzes Volkswirtschaftsstudium ersetzen. Wer sich etwa für einen Tag in das Chaos begibt, das derzeit an deutschen Flughäfen herrscht, begreift sofort, was seit zwei Jahren in der Wirtschaft los ist. Und kann sich, während er in der Warteschlange vor der Sicherheitskontrolle steht, Gedanken über Lösungen machen. Die Ansätze, die dabei herauskommen, könnten helfen, eine Rezession zu verhindern.

Es fängt ganz harmlos an. Sie haben einen Flug um 16:40 Uhr nach Spanien. Ihre Fluggesellschaft empfiehlt Ihnen, drei Stunden vorher bereits am Flughafen zu sein. Selbst damit wird es knapp, aber Sie schaffen es gerade noch. Ihren Freundinnen und Freunden, die einen Tag später fliegen, erzählen Sie von der langen Wartezeit. Entsprechend kalkulieren diese vier Stunden ein. Sie sind damit nicht die Einzigen und – oh, Wunder! – auch die vier Stunden sind plötzlich ziemlich knapp kalkuliert.

Erste Berichte über verpasste Flüge machen die Runde. Ein paar Tage später kalkulieren die meisten Passagiere bereits mit sechs bis acht Stunden Wartezeit, das Chaos schaukelt sich hoch. Am Ende stehen im Prinzip alle Urlauber, die im Laufe des Tages einen Flug bekommen möchten, bereits um fünf Uhr früh bei der Sicherheitskontrolle an, die Warteschlange zieht sich durch das gesamte Flughafengebäude.

Cyrus de la Rubia
Cyrus de la Rubia

Cyrus de la Rubia ist Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank und deckt dort von der Konjunkturanalyse über Zins- und Währungsmärkte bis zur Tokenökonomie ein breites Spektrum an Themen ab. Modernes Geld und Zentralbanken gehören zu den Schwerpunkten des promovierten Volkswirts, außerdem ist er in der wirtschaftspolitischen Beratung für Schwellenländer tätig und war viele Jahre Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management.

Die gefährliche Wirkung von Vorzieheffekten

Solche sogenannten Vorzieheffekte sind die Erklärung für die Verschärfung der weltweiten Lieferkettenprobleme  in den vergangenen Jahren: Aus Furcht, bestimmte Güter nicht oder nicht rechtzeitig geliefert zu bekommen, bestellten Industrie und Handel diese bereits mehrere Monate früher, als sie diese benötigten, und legten sie auf Lager. Die Folge waren Staus in zahlreichen Häfen, die Frachtraten stiegen auf Rekordhöhen.

Die ursprünglichen Auslöser für die Knappheiten waren coronabedingte Produktionsstopps, ein durch die Lockdowns verändertes Konsumverhalten und zuletzt der russische Überfall auf die Ukraine. Doch den Turbo für Materialmangel und Lieferprobleme schalteten die Marktteilnehmer ein, indem sie ihre Einkäufe zeitlich immer weiter vorzogen. Um zu verstehen, was geschehen muss, um diese Probleme wieder aufzulösen, gehen wir zunächst zurück ins Flughafenchaos, inklusive Ursachenforschung.

Die Flughafenbetreiber führen Personalmangel und einen hohen Krankenstand als Ursachen für das Desaster an. Während der Pandemie, als die Zahl der Urlaubsflüge auf nahezu null eingebrochen war, hatten sie Mitarbeitende entlassen, die in der Zwischenzeit andere, attraktivere Jobs gefunden haben. Doch weder der ferienbedingte Ansturm auf die Flughäfen noch die damit verbundene Personalknappheit sind vom Himmel gefallen, im Gegenteil: Beides war anhand der Ticketbuchungen recht genau prognostizierbar. Es bedarf keines BWL-Studiums, um zu verstehen, dass man für diese Zeit rechtzeitig hätte mehr Personal einstellen, schulen und den Sicherheitsprüfungen unterziehen – und mit entsprechendem Vorlauf hätte planen müssen.

Wie wir das Chaos einhegen

Hätte, hätte Lieferkette. Was kann jetzt getan werden?

Das Vorhaben der Bundesregierung, 2000 Hilfskräfte aus dem Ausland befristet anzuwerben, ist sicherlich ein erster Schritt. Experten verweisen allerdings auf ein grundsätzliches Problem in der Luftfahrtbranche: Obwohl das Qualifikationsniveau etwa bei der Sicherheitskontrolle eher unterdurchschnittlich ist, sind die Einstellungshürden ungewöhnlich hoch. Das liegt an der notwendigen Zuverlässigkeitsprüfung der Mitarbeiter, da diese in einem sicherheitssensiblen Bereich arbeiten. Für diese Überprüfungen sind die Bundesländer zuständig, die bis zu zwei Monate für die Durchführung benötigen.

Ganz offensichtlich wäre hier eine Beschleunigung der Verfahren ein wichtiger Hebel, um die Misere an vielen Airports abzumildern. Und falls es dann am Lohnniveau scheitert, hier ein kleiner Tipp: Einige Studierende und andere Personen würde sich freuen, einen Sommerjob zu machen, der einen Verdienst von 15, 20 oder auch 30 Euro pro Stunde verspricht. Zu teuer? Wohl kaum, wenn man die Verluste gegenrechnet, die sich aus halb leeren Maschinen und den Entschädigungszahlungen ergeben, wenn jemand unverschuldet seinen Flug verpasst hat.

Der Frust der Urlauberinnen und Urlauber kann zudem sicher durch ein Warteschlangenmanagement gemildert werden. Ein solches scheint beim Blick auf die Schlangen in und vor den Terminals schlichtweg nicht vorhanden zu sein.

Die besten Maßnahmen gegen hohe Preise

Was lässt sich daraus nun für die globalen Lieferkettenprobleme und Warenengpässe lernen? Einige Parallelen sind kaum zu übersehen. So hatten und haben auch viele Containerschiffe mit ungewöhnlich langen Wartezeiten an Terminals zu kämpfen. Hafenbetreiber und Behörden mühen sich – mal mehr, mal weniger erfolgreich – Regelungen zu finden, um die Wartezeiten zu verkürzen. Auch hier ist also ein effizienteres Warteschlangenmanagement erforderlich.

Darüber hinaus gibt es sinnvolle übergreifende Schritte, um die Knappheiten zu vermindern. Der wichtigste ist, die Marktkräfte sich entfalten zu lassen. Selbst absurd anmutende Preissteigerungen für bestimmte Güter und Dienstleistungen sind zu akzeptieren, statt mit gut gemeinten, aber kontraproduktiven staatlichen Eingriffen wie Preisobergrenzen oder Rabatten zu reagieren. Denn genau diese ungefilterten Preissteigerungen bieten den besten Anreiz für Produzenten und Logistiker, ihr Angebot auszuweiten, auf der Suche nach einem höheren Gewinn. Die besten Maßnahmen gegen hohe Preise sind nun einmal – hohe Preise.

Sozialen Härten und Preissteigerungen, die für Firmen existenzbedrohend sind, muss dann mit Pauschalzahlungen an die besonders betroffenen Haushalte und Unternehmen begegnet werden. Mit Blick auf den in vielen Sektoren herrschenden Personalmangel sollte der Staat mit Zuwanderungserleichterungen, einer temporären Deregulierung von arbeitsrechtlichen Bestimmungen und Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen Beitrag zur Abmilderung der Probleme leisten.

Es ist nicht auszuschließen, dass der Mangel an Personal und Material in einen Rückgang der Wirtschaftsleistung mündet. Das zu vermeiden muss aber das Ziel von Wirtschaft und Politik sein. Denn so wenig wie das Streichen von Flügen eine befriedigende Antwort für die Überforderung mancher Flughäfen darstellt, so wenig sollten die Verantwortlichen resignieren und eine Rezession als unabwendbar betrachten. Das ist sie nicht, auch wenn die Situation noch so chaotisch ist.

Cyrus de la Rubia ist Gastkommentator von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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