Heiner Thorborg

Selbstmarketing Der faltenfreie Lebenslauf

Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Eine Meinungsmache von Heiner Thorborg
Was dem einen sein „Selbstmarketing“, ist dem anderen sein „Employer Branding“. Nicht nur Bewerber schummeln bei der Selbstdarstellung, sondern auch die Arbeitgeber.
Maske auf: Auch Arbeitgeber schummeln bei der Selbstdarstellung

Maske auf: Auch Arbeitgeber schummeln bei der Selbstdarstellung

Foto: Andrey Popov / Getty Images/iStockphoto

Das Frisieren von Lebensläufen ist ein eigener Wirtschaftszweig. In diesem Markt gibt es Coaches, Lebenslauf-Berater und Anbieter von Musterlebensläufen, gerne auch speziell für bestimmte Berufe. Besonders zukünftige "Consultants" scheinen großen Bedarf zu haben. Wer Google befragt, trifft auf einige Dienstleister, die dem Berater in spe gerne dabei helfen, seinen Werdegang aufzubügeln. Wie seriös diese CV-Friseursalons arbeiten, ist schwer einzuschätzen, sicher ist jedoch, dass die von ihnen geglätteten Lebensläufe hinterher deutlich interessanter klingen als vorher.

Viele Personalberater gehen davon aus, dass ein Drittel der ihnen vorgelegten Biografien frisiert ist. Wenn jemand vorgibt, über Qualifikationen oder Titel zu verfügen, die er nicht hat und gefälschte Zeugnisse vorlegt, ist die Sache klar. Was aber ist mit dem ganzen Graubereich? Was ist einfach nur geschönt, was gerade noch legitim und was ist schon betrügerisch? Kann man es durchgehen lassen, wenn aus einer Freistellung ein Sabbatical wird? Oder eine Weiterbildung? Es kommt darauf an, was in dem Jahr der Arbeitslosigkeit passiert ist. War jemand nur zu Hause im Garten, unterwegs auf einem Segelboot oder an der Business School für eine Weiterbildung?

Den meisten Menschen ist heute bewusst, dass wir in einer hoch wettbewerbsorientierten Gesellschaft leben, in der die Oberfläche eines Produkts oft ernster genommen wird als sein eigentlicher Inhalt. In vielen Unternehmen siegen Mut, Frechheit und Selbstbewusstsein der Extrovertierten leider häufig über das leise Bohren von dicken Brettern der Introvertierten. Wer das wiederholt beobachtet, wird diese Erfahrungen irgendwann auch auf die eigene Person anwenden. Schließlich muss man in einem Lebenslauf nicht alles preisgeben, und bei dem, was er benennt, werden die Worte so positiv gesetzt, wie nur irgend möglich. Motto: Anything goes – solange es nicht explizit jeder Grundlage entbehrt.

Erfahrene Personaler prüfen Details genau

Profis nennen das Selbstmarketing und es gibt kaum eine Karrierefibel, in der dem Leser nicht dazu geraten wird. Da wird dann aus einer durch Jobs hier und da finanzierten Reise schnell ein Auslandsaufenthalt mit einem Traineeprogramm in einem renommierten Unternehmen. Das wissen natürlich auch die Personaler und im persönlichen Gespräch merkt ein erfahrener Praktiker schnell, mit wem er es zu tun hat. Wenn es um herausgehobene Positionen geht, lässt sich ohnehin jeder vernünftige Personalberater oder Human-Resources-Manager Referenzen geben. Wer seinen Job kann, prüft die Details auch nach.

Das Gleiche gilt übrigens auch umgekehrt, denn Bewerber sind nicht die einzigen in diesem Spiel, die ein flexibles Verhältnis zur Realität haben. Es gilt, auch die Aussagen eines neuen Arbeitgebers zu hinterfragen, bevor man einen Arbeitsvertrag unterschreibt. Was dem einen sein "Selbstmarketing", ist dem anderen nämlich sein "Employer Branding" – und auch bei dem wird gerne geschummelt. Kaum ein Unternehmen ist wirklich so teamorientiert, fair, umweltfreundlich, weltoffen, vorurteilsfrei und frauenfreundlich, wie in der Selbstdarstellung behauptet. Im Lebenslauf zu schwindeln, ist nicht ok. Genauso wenig ist es aber ok, als Unternehmen das Blaue vom Himmel zu versprechen.

Wahrheitsgebot sollte auch für Unternehmen gelten

Und wenn wir schon bei unangenehmen Wahrheiten sind und der Frage, wer mit der Täuschung angefangen hat: Kaum ein Bewerber hat in seinem Lebenslauf je so unverschämt gelogen wie Volkswagen im Diesel- oder Wirecard im Bilanzskandal. Oder so viel Unheil angerichtet wie BP mit dem Öldesaster im Golf von Mexiko oder Lehman Brothers mit Derivaten auf wackelige Hypothekenkredite.

Wir leben in einer Welt, in der Autohersteller eine "Plattformstrategie" betreiben, mit der sich ein nahezu identisches Auto unter drei Marken und zu drei Preisen vertreiben lässt. Eine Welt, in der hohe Spannen zwischen Herstellungskosten und Verkaufspreisen den Fabrikanten von Luxuswaren exzellente Margen liefern. Und in einer Welt, in der auch viele Stellenanzeigen es nicht so genau nehmen mit den Segnungen des ausgeschriebenen Jobs. Solange es die Unternehmen nicht so genau nehmen mit der Wahrheit, werden auch die Bewerber danach streben, faltenfreie Lebensläufe vorzulegen. Im Zweifelsfall gilt: Die Schwindler auf beiden Seiten haben einander verdient!

Anmerkung der Redaktion: Heiner Thorborg ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.