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Lärm im Ohr

Tinnitus: Neue Therapien im Kampf gegen das mysteriöse Leiden.
aus manager magazin 3/2000

Es rauscht im Ohr, pfeift und zischt ohne Unterbrechung. Und nur die Betroffenen - Millionen Deutsche, die meisten zwischen 45 und 55 Jahren - hören die enervierenden Geräusche. Meist geht diese Kakophonie befremdlicher Töne gleichzeitig mit einer Hörschädigung einher. Mediziner bezeichnen das mysteriöse Leiden als Tinnitus.

Dabei scheint, wie Forscher vermuten, eine Schädigung der feinen Haarzellen im Innenohr zu einer Umwandlung von Schallwellen in abstruse Nervensignale zu führen - und damit zum gespenstischen Chor im Ohr.

Die Fahndung nach einer organischen Ursache gestaltet sich schwierig: Ist ein (höchst seltener) Hirn- oder Hör-Nerventumor als Ursache ausgeschlossen, kommen immer noch über 200 andere mögliche Verursacher in Frage. Dazu gehören Herpesviren, bakterielle Mittelohrentzündungen, manche Medikamente wie etwa Aminoglykosid-Antibiotika (werden bei Blutvergiftung eingesetzt) und eine Schädigung der Halswirbelsäule. Vor allem aber gelten Durchblutungsstörungen, etwa als Folge von Nikotinkonsum oder zu hohen Blutfetten, als Verursacher der Missklänge im Innenohr.

Hier setzt eine neue Therapieform an, die möglicherweise bald die bisherige Standardbehandlung bei akutem Tinnitus - Infusionen mit Kortison und durchblutungsfördernden Mitteln - ergänzen könnte: In einer Art Blutwäsche filterten Mediziner des Münchener Klinikums Großhadern bei Tinnitus- und Hörsturz-Patienten gefäßschädliche Blutfette und Eiweißstoffe aus dem Blut, mit guten Resultaten.

Schwieriger gestaltet sich dagegen die Behandlung der rund drei Millionen Menschen, die chronisch von Tinnitus geplagt werden: Die bislang einzig erfolgreiche Methode besteht darin, sich abzulenken. Dabei kann eine spezielle Psychotherapie hilfreich sein, nützlich sind auch Entspannungsmaßnahmen wie autogenes Training, Yoga oder Akupunktur. Der Erfolg jeder Therapie hängt allerdings immer davon ab, wie gründlich das Hörzentrum im Gehirn überlistet werden kann. "Menschen, die sich ständig auf die Töne im Kopf konzentrieren", weiß Karin Schorn vom Münchener Klinikum Großhadern, "leiden oft lebenslang."

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