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Kurspfleger

Neuer Markt: Die verschärften Regeln locken unseriöse Berater an.
Von Ulric Papendick
aus manager magazin 9/2001

Firmen am Neuen Markt, das wissen leidgeprüfte Anleger aus eigener Erfahrung, sind erfinderisch. Wenn es vielen jungen Unternehmen schon schwer fällt, Geld zu verdienen - die Investor-Relations-Klaviatur von blumig formulierten Ad-hoc-Mitteilungen bis zu groß angekündigten Aktienrückkäufen beherrschen sie perfekt.

Die Reaktionen auf die jüngste Regelverschärfung am Neuen Markt liefern einen neuen Beweis für diese Kreativität. Um nicht als "Pennystock" aus dem Börsensegment zu fliegen (siehe Kasten), basteln betroffene Firmen an allen möglichen Abwehrmaßnahmen - von Klagen gegen die Deutsche Börse AG bis zum umgekehrten Aktiensplit, um ihre Kurse über die Euro-Schwelle zu hieven.

Geprüft wird auch ein jenseits des Altantiks erprobtes Instrument. In den USA, wo Billigaktien seit Jahren von der Börse verbannt werden, bedienen sich die Unternehmen der Hilfe so genannter "Stock Promoters". Diese "Aktienförderer" bieten Firmen an, den Kurs nach oben zu treiben. Natürlich gegen entsprechendes Honorar.

Die Methoden, mit denen die Stock Promoters Kurspflege betreiben, sind vielfältig: Die Aktionäre werden mit zahllosen E-Mails über die Erfolge des Unternehmens malträtiert, oder positive Analystenstimmen werden gegen Bezahlung eingeholt. Manchmal versprechen die Helfer auch, über angebliche Kontakte ins Ausland neue Investoren zu finden.

Gute Ideen. Nur funktionieren sie in der Praxis selten, "weil kaum jemand die Geschichten dieser selbst ernannten Investor-Relations-Profis glaubt", wie Louis Thompson vom amerikanischen National Investor Relations Institute sagt. Dennoch lassen sich viele bedrängte Aktiengesellschaften auf die Stock Promoters ein. "Diese Anbieter setzen auf die Panik der betroffenen Firmen", sagt Dirk Specht, Corporate-Finance-Experte bei PricewaterhouseCoopers (PWC). Die Firmenchefs wissen: Sobald ein Unternehmen von der Nasdaq-Börse fliegt, wird es von Anlegern und Analysten kaum mehr beachtet - das Ende ist programmiert.

Specht hält es deswegen für "gut möglich", dass "Aktienförderer" auch am Neuen Markt auftauchen. Immerhin gibt es bereits einige Analysehäuser, die gegen Bezahlung kurspflegende Gutachten anbieten.

Derartige Dienste anzunehmen, hält Specht für einen grundfalschen Weg: "Die einzige Chance der Pennystocks, ihren Aktienkurs dauerhaft zu steigern, liegt in einer aktiven und ehrlichen Kommunikation mit den Anlegern." Ulric Papendick

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Kompakt

Von Oktober an will die Deutsche Börse AG Firmen, deren Aktienkurs mehrere Monate lang unter der Ein-Euro-Marke dümpelt und deren Börsenwert niedriger als 20 Millionen Euro ist (so genannte Pennystocks), vom Handel am Neuen Markt ausschließen.

Die Börse reagiert damit auf Beschwerden von Investoren und Unternehmern, das Vertrauen in den Neuen Markt drohe aufgrund der mangelnden Qualität zahlreicher Firmen vollends verloren zu gehen.

In den USA existieren an der Hightech-Börse Nasdaq seit 1997 vergleichbare Regeln. Seitdem mussten bereits über 1700 Unternehmen das Wachstumssegment verlassen.

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