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Deutsche Börse Krisengewinnler

Konzernchef Francioni kämpft um eine europäische Handelsplattform für Derivate.
aus manager magazin 11/2008

Die Kernschmelze im Finanzsektor konnte gerade noch verhindert werden, die Politik ist unermüdlich damit beschäftigt, die Märkte zu stabilisieren - so weit das Bild nach außen. Doch hinter den Kulissen geht es längst um ganz andere Fragen: Welcher Finanzplatz wird gestärkt aus der Krise hervorgehen, welcher verliert Geschäft an die Wettbewerber?

Vor allem zwischen den USA und Europa wird derzeit mit allen Tricks um ein wichtiges neues Marktsegment gerungen. Nämlich um die geplante Abwicklungsplattform für eben jene Derivate, die als Auslöser der derzeitigen Krise gelten.

Bisher wurden diese strukturierten Papiere, zum Beispiel Risiken aus US-Hypothekenkrediten, vor allem direkt zwischen den Banken gehandelt, im sogenannten Over-the-Counter-Geschäft (OTC). Gerade das Fehlen einer zentralen Plattform hatte in der Krise dafür gesorgt, dass Handel und Preisbildung für OTC-Derivate zusammenbrachen und keine Bank mehr genau wusste, welchen Wert ihr Portfolio besaß.

Derzeit beträgt das Volumen für außerbörslich gehandelte Kreditderiva- te rund 50 Billionen Dollar, knapp die Hälfte entfällt auf den europäischen Markt. Ein Finanzplatz, der auch nur einen Teil dieses Geschäfts an sich zieht, hätte einen klaren Vorteil im Standortwettbewerb.

In einer Art Überraschungscoup versuchte deshalb der Gouverneur der Zentralbank von New York, Timothy Geithner (47), mit der wohlwollenden Unterstützung von US-Finanzminister Hank Paulsen (62) und US-Zentralbank-Chef Ben Bernanke (54) die neue Derivate-Plattform in den USA anzusiedeln. Gegen eine einmal etablierte Abwicklungsplattform dürfte sich aufgrund der hohen Skaleneffekte kaum ein zusätzlicher Wettbewerber aufbauen lassen.

Seit einigen Wochen nun formiert sich eine Bewegung für eine eigene europäische Plattform - vorangetrieben vor allem von Reto Francioni (53), dem Vorstandschef der Deutschen Börse, die den Handel von ihrer Tochtergesellschaft Eurex Clearing betreiben lassen will.

Sein Hauptverbündeter: die Deutsche Bundesbank. Die sieht ein erhebliches währungspolitisches Risiko darin, wenn in Euro notierte Derivate in großem Stil in New York gehandelt werden, wo sie nicht der Kontrolle der europäischen Zentralbank unterliegen. Eine Ansicht, die dem Vernehmen nach auch von den Zentralbank-Chefs Frankreichs und Italiens geteilt wird.

Vor einigen Wochen scheiterte allerdings ein erster Versuch der Pro-Europa-Fraktion, im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) eine entsprechende Resolution verabschieden zu lassen. EZB-Insidern zufolge lag das an der Deutschen Bank, die in letzter Minute intervenierte.

Die Deutsche Bank hat zwar in Frankfurt ihren Sitz und hat sich offiziell nicht zur Plattformfrage geäußert. Doch inoffiziell unterstützt sie die New Yorker Lösung: Wie die meisten Banken, die den globalen Derivatehandel dominieren, ist auch die Deutsche Bank an einer Firma namens "The Clearing Corporation" beteiligt, die die neue Plattform in den USA betreiben könnte. So würden sich die Banken wenigstens einen Teil der bislang besonders fetten Provisionen im OTC-Geschäft sichern - und könnten weiterhin über die Spielregeln im Markt bestimmen. Neben Deutscher Börse und Clearing Corporation bewerben sich auch New York Stock Exchange und die Chicagoer Warenterminbörse CME.

Für den 23. Oktober war in dieser Sache eine neue Entscheidung des EZB-Rats angesetzt. An eine Empfehlung zugunsten einer europäischen Plattform sind die Banken zwar nicht gebunden. Doch die EZB dürfte genügend Autorität besitzen, um zumindest die europäischen Institute dazu zu bringen, ihr Geschäft mit Euro-Kreditderivaten auch tatsächlich in Euro-Land abzuwickeln. Christian Rickens

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