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IKB Kredit verspielt

Die Krise wirft auch ein schlechtes Licht auf die Wirtschaftsprüfer - und die Deutsche Bank.
Von Ulric Papendick und Dietmar Student
aus manager magazin 9/2007

Im Herbst vergangenen Jahres wurde dem Aufsichtsrat der Deutschen Industriebank (kurz IKB) brisante Post zugestellt. Frank Schönherr (45), Vorstand des Düsseldorfer Geldhauses, mahnte in einem Schreiben, die IKB betreibe Risikogeschäfte im Übermaß.

Nun war just zu diesem Zeitpunkt das Klima in der IKB-Chefetage nicht zum Besten; Schönherr hatte sich mit den Ressortkollegen verkracht und musste Ende November gehen.

Sein Brandbrief hätte somit als Einwand eines Quertreibers abgelegt werden können. Gleichwohl beauftragten die Aufseher die Wirtschaftsprüfung KPMG, die den IKB-Jahresabschluss testiert, mit einer Sonderprüfung.

Anfang 2007 gab die KPMG-Truppe Entwarnung. Nach Risiken aus den US-Wertpapiergeschäften, die das Institut in den vergangenen Wochen an den Rand der Pleite geführt und eine milliardenschwere Rettungsaktion ausgelöst haben, hatten die Wirtschaftsprüfer nicht geforscht.

Wenige Monate später, im Frühjahr 2007, hatten die Aufseher das nächste Konvolut auf dem Tisch. Im Rahmen der routinemäßigen sogenannten Einlagensicherungsprüfung wurden sämtliche Risiken der Bank hin- und hergewendet. Auch dieser Bericht war frei von Hinweisen auf krisenhafte Transaktionen.

Insgesamt fünf Prüfgutachten, berichten Bankinsider, habe es seit Dezember 2005 bei der IKB gegeben. Das Standardergebnis: alles im Lot. "Die Werthaltigkeit der Investitionen", hieß es da zum Beispiel, sei "ohne erkennbare Risiken".

Gelegenheiten, die Geschäfte mit faulen Immobilienkrediten ans Licht zu bringen, gab es mithin reichlich. Vertan wurden sie alle, weil nicht gezielt danach gesucht wurde und weil die Aufseher dem Vorstand, den Wirtschaftsprüfern und dem Urteil der Ratingagenturen vertrauten.

Am 27. Juni - die US-Hypothekenkrise hatte mittlerweile bedrohliche Ausmaße angenommen - bohrten zwei IKB-Kontrolleure nach. Jörg Asmussen (40), als Ministerialdirektor im Bundesfinanzministerium für den Hauptaktionär KfW im IKB-Aufsichtsrat, und Roland Oetker (58), Präsident des Kleinanlegervereins DSW, fragten auf einer Sitzung des Gremiums dezidiert nach Risiken aus dem Subprime-Bereich, also dem Geschäft mit schlecht besicherten US-Immobilienkrediten.

IKB-Vorstandssprecher Stefan Ortseifen (56) beruhigte die Aufpasser. Die IKB sei nur indirekt über Derivate im Hypothekengeschäft engagiert. Und diese Produkte verfügten über beste Bonitäten; den Großteil hätten die Ratingagenturen mit Triple und Double A bewertet. Der anwesende Wirtschaftsprüfer bestätigte Ortseifens Aussage.

Noch am 20. Juli, eine Woche vor dem großen Knall, verkündete der IKB-Vorstand, der Bank drohten aus den US-Anlagen schlimmstenfalls Ausfälle im einstelligen Millionenbereich; an der Gewinnprognose für 2007 von 280 Millionen Euro wolle er deshalb festhalten.

Dabei war das Business der IKB zu diesem Zeitpunkt längst aus der Balance geraten. Zwar hatte schon Ortseifens Vorgänger Alexander v. Tippelskirch (66) - mittlerweile im IKB-Aufsichtsrat - im Jahr 2002 den umstrittenen Rhineland-Fonds aufgelegt. Doch damals machten die US-Investments nur wenige Prozent des IKB-Geschäfts aus; dem Wesen nach ist das Institut in erster Linie Geldgeber des deutschen Mittelstands.

Nach v. Tippelskirchs Ausscheiden drehte Ortseifen das große Rad. Am Ende hatte die IKB für 7,8 Milliarden Euro minderwertige Wertpapiere eingesammelt, und zwar außerhalb der Bilanz - bei einem Eigenkapital von lediglich 1,4 Milliarden. Beim KfW-Hauptaktionär, dem Bund, fragt man sich, ob der erfahrene Banker v. Tippelskirch als Initiator der US-Geschäfte und mit engen Kontakten zum Bankmanagement nicht eher hätte warnen müssen.

Nur sieben Tage nach Ortseifens Durchhalteparolen war der Spuk vorbei. Die Deutsche Bank hatte der IKB Kreditlinien gesperrt. Dass sie es nicht für nötig befand, den Schuldner hierüber sofort zu informieren, wirft ein schlechtes Licht auf die Umgangsformen des führenden deutschen Geldhauses. Dass es ausgerechnet Investmentbanker der Deutschen Bank waren, die für die IKB die Risikopapiere gebündelt und angeblich auch Papiere aus dem eigenen Bestand an den IKB-Fonds verkauft hatten, wird am Frankfurter Finanzplatz von vielen als Skandal empfunden.

Die Kreditkündigung kam den IKB-Leuten eher beiläufig zu Ohren. Routinemäßig hatte ein IKB-Händler am 27. Juli per Telefon die aktuellen Konditionen für den Kredit einholen wollen. Der Deutsche-Bank-Mann am anderen Ende der Leitung zeigte sich überrascht: Welche Konditionen? Der Kredit sei doch längst gekündigt, gab er irritiert zurück.

Es folgten hektische Kommunikationsversuche. Der IKB-Händler informierte umgehend seinen Chef Ortseifen; der nahm mit IKB-Oberkontrolleur Ulrich Hartmann (69) Kontakt auf. Parallel unterrichtete Ortseifen die KfW-Chefin Ingrid Matthäus-Maier (61) über den spektakulären Schritt der Deutschen Bank.

Die resolute Staatsbankerin ließ sich umgehend zu Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann (59) durchstellen. Ein lebhafter und wohl auch kontroverser Meinungsaustausch folgte; das Gespräch muss so disharmonisch verlaufen sein, dass Ackermann anschließend sofort BaFin-Leiter Jochen Sanio (60) über die prekäre Lage der IKB ins Bild setzte - etwa eine halbe Stunde bevor Ortseifen sich pflichtgemäß beim Chef der Aufsichtsbehörde meldete.

Der Rest ist Wirtschaftshistorie: Noch am selben Abend tagte das Präsidium des IKB-Aufsichtsrats im Beisein von Sanio. Ein Rettungsplan wurde beschlossen. Ortseifen bekam die Kündigung ("aus wichtigem Grund"), KfW-Vorstand Günther Bräunig (51) folgte ihm auf dem Chefposten nach.

Dass wenig später auch Finanzvorstand Volker Doberanzke (44) seinen Job verlor, ging in all den Turbulenzen fast unter. Eigentlich hatte der neue IKB-Chef die fällige Sanierung mit den verbliebenen Altvorständen angehen wollen - aus Sorge, bei einem kompletten Neustart käme das Geschäft zum Erliegen. Doch innerhalb einer Woche hatte Doberanzke seinen Kredit verspielt.

Plötzlich stellte sich heraus, dass für einen weiteren IKB-Krisenfonds 80 Millionen Euro an zusätzlichen Finanzhilfen nötig waren. Dabei hatte Doberanzke noch Ende Juli versichert, die von ihm errechneten Summen seien die Obergrenzen. Zudem gab es offenbar unterschiedliche Auffassungen darüber, ob dieser Fonds weiterhin außerhalb der Bilanz stehen sollte; Bräunig pochte auf eine Konsolidierung. Weil er die Glaubwürdigkeit der IKB nicht noch weiter gefährden wollte, drängte er schließlich auf den Abgang Doberanzkes.

Keine Frage, der Staatsbanker Bräunig steht vor harten Zeiten. "Mindestens ein Jahr", schätzt ein IKB-Aufseher, werde das Aufrichten des schiefliegenden Geldhauses dauern.

Schon jetzt versuchen Konkurrenten, die besten IKB-Leute abzuwerben, mit wachsendem Erfolg. Denn was nach der Sanierung kommt, ist allen Beteiligten klar: Sobald die Bank gesund ist, wird sie verkauft.

Ulric Papendick/Dietmar Student

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