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Kopf oder Qual

J. Walter Thompson: Die Frankfurter Werbeagentur hat endlich wieder einen Chef. Fazit: Es ging auch ohne.
Von Klaus Boldt
aus manager magazin 3/2000

Führungsnachwuchs? Ein heikles Thema in der Werbebranche. Vor allem die Reklameriesen, meist Ableger amerikanischer Agenturketten und im Griff ihrer internationalen Klientel, haben oft Mühe, geeignetes Personal zu rekrutieren. Diverse Posten im Gewerbe sind derzeit unbesetzt, Headhunter unterwegs.

J. Walter Thompson (JWT, siehe Grafik Seite 51), eine der angesehensten Adressen der Innung, gab sich dem Luxus hin, besonders ausgiebig zu suchen. Staune und schreibe 1,25 Jahre agierte die Frankfurter Tochter des US-Werbemultis kopflos, aber man darf sagen: gut gelaunt vor sich hin.

Ihr letzter Frontmann, Peter Erzberger (58), hatte nur ein 18monatiges Gastspiel gegeben. Sichtbare Spuren, heißt es, habe er nicht hinterlassen. Nur vermischte Gefühle.

In der Belegschaft verbreitete der Management-Buffo eher Frust denn Freude. Der Mann war vielen offenbar eine arge Last: Er habe sich zur Arbeit tragen lassen, stöhnt einer seiner Träger erinnerungsschwer. Dunkle Behauptungen. Erzberger selbst sieht das gewiss anders.

Sein Vorgänger, der in London amtierende Europa-Chef Michael Mädel (49), sorgte Anfang vergangenen Jahres für Remedur: Er erklärte die von Erzberger gar nicht angestrebte Erneuerung der Agentur kurzerhand für "erfolgreich abgeschlossen" und machte sich sodann auf die Suche nach einem Nachfolger für seinen Nachfolger.

Was folgte, war wie Goldschürfen: Die Londoner Zentralgewalt suchte, wartete, guckte, musterte Kandidaten, bewies Stehvermögen und zu guter Letzt erhebliche Fingerfertigkeit.

Mädel gelang ein Transfer, der selbst Konkurrenten zu geneigten Prunkvokabeln hinreißt. "Könnte ein Volltreffer sein", knurrt ein Ortskonkurrent verhältnismäßig versteinert: Neuer Chef von J. Walter Thompson wird Detlef Braun (40), zuletzt Geschäftsführer der Joop GmbH.

Anfang April rückt der Mann in Frankfurt ein. Anders als viele Quereinsteiger, die etwa aus der Unternehmensberatung den Wechsel in die Reklamebranche wagen, kennt Braun das Markenartikelgeschäft aus dem Effeff: Der Absolvent der European Business School arbeitete für Philip Morris unter anderem in New York und Tokio, und er war lange für die Megamarke Marlboro zuständig.

Später arbeitete Braun als Vice President International Marketing für den Kosmetikhersteller Lancaster; bei Joop kümmerte er sich um Organisation, Marketing und Lizenzen. Der Mann hat ein Faible für edle Düfte und schicke Stoffe.

Brauns "großer Erfahrungshorizont", meldet Europa-Meister Mädel entdeckungsheiter, sei die "ideale Voraussetzung, JWT in eine neue Ära unternehmerischer Qualität zu führen". Der allseits Gelobte schießt mit Vorschusslorbeeren von ähnlichem Kaliber zurück.

Braun kündigt den Wandel der Agentur in ein "Kommunikationsunternehmen" an. Er sieht allenthalben "höchstmögliche Synergieeffekte", schwärmt - taktisch klug, aber ehrlich - vom "Know-how meiner künftigen Kollegen", vom "großen Erbe" und der "großen Reputation der Agenturmarke JWT".

Der Mann predigt Teamgeist, wo andere auf Hierarchie pochen. Eine gute Idee.

Denn die 15-monatige Basisdemokratie ist den JWT-Fachkräften gut bekommen. Zeugen berichten, die Truppe fahre in großer Übersetzung und starre vor Zufriedenheit. Das Geschäft floriert: 1999 legten die hessischen Werbeleute das beste Jahr ihrer Geschichte hin. Der Honorarumsatz kletterte um knapp 11 Prozent auf 107 Millionen Mark.

Dass die Blicke ihn umlauern und jede Blöße, die er sich leistet, sein Verderben sein könnte - er glaubt's nicht, meint's nicht, fürchtet's nicht. Wer Joop schafft, schafft sie alle.

Klaus Boldt

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