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Sal. Oppenheim/Arcandor Klumpenrisiko

Wohl und Wehe der Bank und des Handelskonzerns sind eng miteinander verknüpft.
aus manager magazin 11/2008

Die Verwunderung war groß, als die Privatbank Sal. Oppenheim Ende September ankündigte, sich massiv am Kapital des wiederholt insolvenzbedrohten Handelskonzerns Arcandor (Karstadt, Quelle, Thomas Cook) zu beteiligen.

Wer, der seine Sinne alle beisammen hat, würde zu diesem Zeitpunkt 59 Millionen Euro in eine Kapitalerhöhung investieren? Und wer gäbe weitere zig Millionen zur Aufstockung des Pakets auf nahezu 30 Prozent aus?

Das jüngste Engagement ging sogar erheblich weiter, als zunächst bekannt wurde. Die Bank hat dem maroden Konzern nämlich zusätzlich einen Kredit über 50 Millionen Euro zugesagt.

Ein Institut von Hasardeuren? Es handelt sich offenbar um den klassischen Fall, in dem gutes Geld schlechtem hinterhergeworfen wird. Wenn Sal. Oppenheim nicht stützend eingegriffen hätte, wäre womöglich ein früheres Mega-Engagement verloren gewesen.

Mit 550 Millionen Euro stand angeblich Ende September ein Kredit zu Buche, den die Privatbankiers oder - wie Insider für möglich halten - die Eigentümerfamilien des Bankhauses vor Jahren der Arcandor-Großaktionärin Made- leine Schickedanz (65) gewährt hatten.

Sal. Oppenheim, von manager magazin nach der Kredithöhe befragt und danach, ob der Kredit von den Bankeneigentümern stamme, beruft sich einerseits auf das Bankgeheimnis, weist andererseits darauf hin, dass die Darstellung falsch sei. Wie auch immer: Das Darlehen soll mit Arcandor-Aktien besichert sein, die im Fall einer Insolvenz wertlos würden.

Was also tun, um nicht eine halbe Milliarde abschreiben zu müssen? Sal. Oppenheim pumpt insgesamt 109 Millionen Euro in den Konzern, erleichtert für weitere Millionen Frau Schickedanz um einen Teil ihrer Junk-Aktien - und hilft ihr damit wohl beim Tilgen des Kredites.

Die jüngste Krise des Arcandor-Konzerns wurde von zwei Entwicklungen ausgelöst. Einerseits ist die Tochter Karstadt entgegen jahrelanger Propaganda von Konzernchef Thomas Middelhoff (55) keineswegs saniert und verbrennt täglich Geld. Arcandor benötigte wegen der Vorfinanzierung des Weihnachtsgeschäfts die Verlängerung einer Kreditlinie über 175 Millionen Euro und zusätzlich 250 Millionen Euro neue Mittel.

Andererseits bedrohte die weltweite Finanzkrise eine der Arcandor-Konsortialbanken. Die Royal Bank of Scotland (RBS), die gerade die ABN Amro Bank gekauft hatte, brauchte selbst alle Liquidität. Zudem war bei der RBS das Klumpenrisiko erheblich angewachsen. Denn auch die übernommene ABN Amro gehörte - neben Dresdner Bank und Bayerischer Landesbank - zum Kreditkonsortium. Die neue Gruppierung RBS/ ABN Amro sah sich plötzlich etwa zur Hälfte am Arcandor-Syndikat beteiligt.

Kurzum: Das Kreditkomitee der RBS war zwar zur Verlängerung der bestehenden Kreditlinie bereit - aber nicht dazu, weiteres Geld auszureichen. Und die beiden übrigen Partnerbanken boten lediglich 150 Millionen Euro frisches Geld an - bei Weitem nicht genug.

Blieb die Bank Sal. Oppenheim, die ja offenbar bereits tief verstrickt in die Arcandor-Krise war. Oppenheims Kredit- und Kapitalerhöhungszusage über insgesamt 109 Millionen Euro beendete eine Nacht hochdramatischer Verhandlungen. Das Bundeskanzleramt war tags zuvor - wohl von RBS - über eine drohende Pleite des Handelskonzerns informiert worden. Erst um 5 Uhr morgens am 29. September kam Entwarnung.

Oppenheim-Primus Matthias Graf von Krockow (59) erweckt den Eindruck, als handele es sich um ein Engagement wie jedes andere: "Wir glauben an das Unternehmen. Es ist solide finanziert und für die zukünftige Entwicklung gut aufgestellt." Selbstverständlich stehe deshalb Sal. Oppenheim mit einem Kreditangebot zur Verfügung. Graf Krockow überschüttete auch Middelhoff jüngst in einem Interview mit Lob.

Was - außer Positives - sollte Krockow auch über ein Unternehmen und dessen Chef sagen, mit deren Erfolg nun ein Klumpenrisiko der Bank von rund 700 Millionen Euro verknüpft ist?

Realistischer sieht die Dinge womöglich der eng mit Sal. Oppenheim liierte Immobilienentwickler Josef Esch (52). Der ist Vermögensverwalter von Frau Schickedanz und dürfte von Middelhoff schwer enttäuscht sein.

Angeblich betrieb Esch Middelhoffs Entlassung und wollte dessen Vorvorgänger Wolfgang Urban (63) zurück an die Spitze holen. Esch dementiert beides. Ebenso wie Sal. Oppenheim bestreitet er, dass es diesbezüglich einen Dissens zwischen ihm und der Bank gebe.

Zunächst also bleibt Middelhoff. Als Aufpasser geht Oppenheim-Partner Friedrich Carl Janssen (64), früher Kaufhof-Vorstand, in den Arcandor-Aufsichtsrat. Er übernimmt den Vorsitz von dem überforderten Hero Brahms (67).

So wird sich die Stunde der Wahrheit bei Arcandor um ein paar Monate verschieben - bis ans Ende des Weihnachtsgeschäfts. Falls dies floppt, könnte das für Arcandor womöglich den letzten Stoß in den Abgrund bedeuten - und für Sal. Oppenheim einen empfindlichen Vermögensverlust. Sören Jensen

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