Klitschko-Ventures-CEO Tatjana Kiel Die Chefaktivistin der Klitschkos

Tatjana Kiel plante einst die Boxkämpfe der Klitschko-Brüder. Heute organisiert sie mit Wirtschaftsgrößen wie der Güterverkehrschefin Sigrid Nikutta und der Rossmann-Familie den Transport von Hilfsleistungen in die Ukraine.
Tatjana Kiel ist seit 2016 Geschäftsführerin von Klitschko Ventures

Tatjana Kiel ist seit 2016 Geschäftsführerin von Klitschko Ventures

Foto: Mirko Hannemann / Klitschko Ventures

Eigentlich ist Klitschko Ventures ein Coaching-Unternehmen, mit dem der ehemalige Box-Weltmeister Wladimir Klitschko sein Wissen in puncto Willenskraft und Motivation weitergeben wollte. Seit der Gründung berät das Unternehmen Institutionen, Firmen oder Einzelkämpfer, insbesondere auf dem Gebiet des Sports. Heute weht vor dem Bürogebäude des Unternehmens in einer Seitenstraße des Hamburger Stadtteils Ottensen eine Ukraine-Flagge. Seit dem russischen Angriff auf das Heimatland der Klitschkos hat das Unternehmen radikal umgeplant. Seit Ende Februar ist es Dreh- und Angelpunkt deutscher Hilfsleistungen für die Ukraine.

Tatjana Kiel (42), seit 2016 Geschäftsführerin von Klitschko Ventures, koordiniert in ihrem Büro gerade den Transport von Ampullen, die mit einem Medikament gegen potenzielle russische Giftgasangriffe befüllt werden sollen. "Wir wissen, dass diese Angriffe kommen können", sagt Kiel. Seit Wochen warnen westliche Geheimdienste davor, dass der russische Machthaber Wladimir Putin sich darauf vorbereite, auch Chemiewaffen in der Ukraine einzusetzen. Es wäre eine neue Eskalationsstufe, um die sich auch Kiel ernsthafte Sorgen macht. Der Transport der Ampullen gestaltet sich schwierig. "Das Gegengift muss gespritzt und kann nicht in Form von Tabletten eingenommen werden", sagt Kiel.

Kiel ist seit dem Ausbruch des Krieges eine der großen Strippenzieherinnen für Hilfsleistungen aus Deutschland in die Ukraine. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie für die Brüder, organisierte einst Kämpfe für Vitali (50) und Wladimir Klitschko (46) und kümmerte sich um das Eventmanagement, samt Ticket-Verkauf und Security-Buchung. Heute fühle sie sich, als stünde sie selbst im Boxring. Ihre weltweiten Verbindungen nutzt sie, um kriegsgebeutelten Menschen in der Ukraine zu helfen und den Transport von Nahrung und Medikamenten zu organisieren. Dafür gründete sie die Initiative "We are all Ukrainians".

Tatjana Kiel gründete die Initiative "We are all Ukrainians"

Tatjana Kiel gründete die Initiative "We are all Ukrainians"

Foto: Lisa Fritzsch / Klitschko Ventures

Anders als für viele Deutsche ist der Angriff auf die Ukraine für Kiel nicht überraschend gewesen. Vier Wochen vor Kriegsbeginn habe die Geschäftsführerin schon klare Signale von Wladimir Klitschko bekommen, dass ein Angriff nahe und er notfalls zum Militär gehen und für sein Land kämpfen werde. "Wir haben aber alle nicht kommen sehen, mit welcher Vehemenz Putin versucht, die gesamte Ukraine einzunehmen und bis nach Kiew vorzudringen", sagt sie.

Klitschko-Karriere startete in Hamburg

Seit dem 24. Februar, als die russischen Truppen ins Land einmarschierten, kämpfen die Klitschko-Brüder nun bereits in ihrem Heimatland für Freiheit und Demokratie. 1600 Kilometer von Hamburg entfernt, wo sie jahrelang zu Hause waren und ihre internationale Karriere ihren Anfang nahm.

Als Box-Millionäre könnten sie eigentlich überall gut leben. Doch den Brüdern sei es schon immer um etwas anderes als Geld gegangen, sagt Kiel. Auch Klitschko Ventures ist nicht profitorientiert. Das Unternehmen schreibt keinen Gewinn. 2020 verzeichnete es einen Fehlbetrag von rund 160.000 Euro, 2019 ein Minus von rund 350.000 Euro. Insgesamt belaufen sich die Schulden des Unternehmens laut Unternehmensbilanz im Jahr 2020 auf über eine Million Euro. Der finanzielle Ruin sollte Wladimir Klitschko dadurch aber nicht drohen. Sein Vermögen wird auf rund 60 Millionen Euro geschätzt.

Vielmehr gehe es ihm darum, seine durch den Sport erlangten Erfahrungen weiterzugeben. Auf dem Tisch, an dem Kiel sitzt, liegen zwei Exemplare des Buches, das sie mit dem Box-Weltmeister zum Thema Willenskraft geschrieben hat: Der Titel "F.A.C.E. the Challenge" prangt in dicken Buchstaben auf dem Cover. F.A.C.E. steht für Focus, Agility, Coordination, Endurance – Konzentration, Beweglichkeit, Koordination, Ausdauer. Fähigkeiten, die er aus seiner erfolgreichen sportlichen Laufbahn extrahiert hat und die er und sein Bruder Vitali nun auch im Krieg benötigen, sagt Kiel.

"Wenn ich sterben muss, dann sterbe ich", sagte Vitali Klitschko kürzlich während einer Hochzeitszeremonie eines Soldatenpaares an der Front. Seit 2014 ist er Bürgermeister der Stadt Kiew. Er weiß, dass er und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Wladimir neben Präsident Wolodymyr Selenskyj offenbar zu den Hauptzielen der russischen Invasoren zählen. Doch in Kiew haben die Brüder studiert und in Sportwissenschaft promoviert. Hier wohnen sie, hier geht Wladimirs Tochter zur Schule und hier liegt der Vater begraben. Doch für die beiden Söhne eines ukrainischen Offiziers der sowjetischen Luftstreitkräfte und einer russischen Mutter ist es auch ein Kampf gegen die eigenen Wurzeln.

Wladimir Klitschko bei Gesprächen Ende März 2020 mit Wirtschaftsminister Robert Habeck in Berlin

Wladimir Klitschko bei Gesprächen Ende März 2020 mit Wirtschaftsminister Robert Habeck in Berlin

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Auch Kiel, die Kiew zuletzt vor dem Krieg besuchte, ist das Mitgefühl anzumerken. "Ich muss vieles ausblenden, um nicht zu emotional zu werden, sondern für mich zählt die schnelle Umsetzung der Hilfe", sagt sie. Bevor sie die aktuelle Lage in der Ukraine beschreibt, nimmt sich Kiel ein Stück Schokolade. "Für die Nerven". Die Managerin versucht rational zu denken. "Ich denke nicht mehr in Jahren oder Monaten. Ich muss aktuell von Tag zu Tag, Stunde zu Stunde planen." Um sechs Uhr morgens schaue sie das erste Mal auf das stets griffbereite Handy, um das erste Lebenszeichen von Wladimir Klitschko zu erhalten.

Vor rund einer Woche konnte sie Klitschko noch einmal persönlich sehen, nachdem er Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und mehrere Minister getroffen hatte, um für weitere Hilfen zu plädieren. In einer emotionalen Videobotschaft dankte er den Deutschen und der Bundesregierung für die Hilfe im Abwehrkampf gegen die russische Invasion seiner ukrainischen Heimat.

Nun ist Klitschko zurück in der Ukraine. Dass ihr Kollege und Freund an einem Morgen nicht mehr antworten könnte, ist Kiel bewusst. "Es werden auch alle im Büro sehr unruhig, wenn ich morgens noch kein Update zur Lage gegeben habe", sagt Kiel. Sollte einer der Brüder ums Leben kommen, würde sie die Hilfeleistungen weiter fortführen. "Denn es geht um ein ganzes Land, das Freiheit und Demokratie verteidigt", sagt sie.

Mehr als hundert Unternehmen kontaktiert – Hilfe durch großes Netzwerk

Kiel ist Mutter einer Tochter. "Als die Organisation der Hilfen anfing, habe ich meiner Familie gesagt, dass ich in den nächsten Wochen mental nicht ganz bei ihnen sein kann", sagt sie. Binnen weniger Tage, nachdem sie den genauen Bedarf von Wladimir Klitschko erfahren hatte, kontaktierte sie hunderte Unternehmen, von den sie wusste, dass sie den Bedarf an Hilfsgütern sowie den Transport decken konnten.

Mit welcher Hartnäckigkeit die Powerfrau dabei vorgeht, zeigt sich an der Liste der Unternehmen, die sie zur Mithilfe überreden konnte. Das Unternehmen Microsoft stellt inzwischen ihrer Initiative "We are all Ukrainians" eine Plattform zum Austausch und zur Planung der verschiedenen Taskforces bereit. Ein Verein organisierte zehn Feuerwehrautos für den Transport in die Ukraine. Es mache sie wehmütig, dass auch Branchenkonkurrenten nun für ihre Initiative zusammenarbeiten würden.

Durch zahlreiche Beiträge in sozialen Netzwerken wie LinkedIn machte Kiel weitere Unternehmen auf sich aufmerksam. "Wir müssen weiter laut sein", sagt Kiel. Sie ruft dabei auch immer wieder zu Demonstrationen und dazu auf, Haltung zu zeigen. "Ich war schon immer jemand, der sofort im Aktionsmodus war", sagt die Geschäftsführerin.

Neben der Initiative gehe das übliche Geschäft von Klitschko Ventures weiter. Die zehn fest angestellten Mitarbeiter würden weiterhin in dem Unternehmen arbeiten, derzeit an einem größeren Beratungsprojekt eines Dax-Konzerns. Kiel ist hingegen zu 100 Prozent in die Initiative eingebunden und fungiert derzeit mehr als Aktivistin als in der Rolle der Unternehmerin.

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