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Klaus Schweinsberg

Das deutsche Defensivproblem Warum das Vertrauen in ewiges Wachstum so gefährlich ist

Klaus Schweinsberg
Eine Kolumne von Klaus Schweinsberg
Glaube, Liebe, Hoffnung: Deutsche Unternehmen haben viel zu lange die Gefahr globaler Konflikte ausgeblendet. Ein rechtzeitiger Blick auf die Militärstrategie hätte geholfen.
aus manager magazin 11/2022
Verdächtig friedlich: Ostsee nahe Bornholm – nach der Attacke auf die Pipeline Nordstream 1 sprudelt Gas an die Oberfläche

Verdächtig friedlich: Ostsee nahe Bornholm – nach der Attacke auf die Pipeline Nordstream 1 sprudelt Gas an die Oberfläche

Foto: Danish Defence / AFP

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“Many German companies were taught to grow, but they were not taught to survive.“ Dieser Satz schlug mir unlängst bei einer Sitzung in Washington entgegen. Er stammt von einem ehemaligen hochrangigen Nato-General. Auch Investoren, vor allem US-amerikanische, sorgen sich um die Überlebensfähigkeit deutscher Firmen. Man ist überrascht, dass Firmen, die über lange Zeit gewaltig erfolgreich waren, nun in kürzester Zeit gewaltige Probleme haben.

Wie kann es sein, dass Deutschland und seine Unternehmerinnen und Unternehmer nicht besser auf das aktuelle Szenario vorbereitet waren? Wie konnte man sehenden Auges in solche Abhängigkeiten steuern?

Wahrscheinlich sind es drei Gründe: Glaube, Liebe, Hoffnung. Der Glaube an die ewige Offensive, die Liebe zum ewigen Frieden und die Hoffnung, dass gewisse Risiken abseitig sind und nie eintreten werden.

Die ewige Offensive: Die deutschen Unternehmer und Manager haben sich in den Dekaden des enormen wirtschaftlichen Erfolgs in eine Geisteshaltung sozialisiert, in der es viel zu erobern, aber wenig zu verteidigen gibt. Nun aber hat sich die Lage geändert. Nicht nur wegen des Ukraine-Kriegs und den galoppierenden Energiepreisen ist Deutschland in der Defensive. Auch China drückt die Deutschen aus seinen Märkten. Und es ist absehbar, dass auch in den USA die protektionistischen Kräfte stärker werden. Wir Deutsche haben es auf unserer rasanten Siegfahrt über die Weltmärkte versäumt, Vorkehrungen für den Fall zu treffen, dass die Offensive ins Stocken gerät. Noch heute wollen viele Wirtschaftsführer nicht erkennen, dass es in Märkten wie China nur um einen möglichst geordneten Rückzug gehen kann.

Der ewige Frieden: Deutschland hat sich spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu einer zunehmend in Frieden und Stabilität verliebten Oase inmitten einer zunehmend kriegerischen und instabilen Welt entwickelt. Jeder Hinweis, dass es auch im 21. Jahrhundert harten Wirtschaftskrieg und konventionelle militärische Auseinandersetzungen geben könnte, wurde als Bellizismus abgetan. Noch auf der Münchner Sicherheitskonferenz am Wochenende vor dem russischen Überfall auf die Ukraine war sich die wirtschaftliche Elite sicher, dass genau das nicht passieren wird. Dabei hat es früh sehr konkrete und fundierte Warnungen gegeben, dass so ein Szenario bevorstehen könnte; sehr genau beschrieben beispielsweise im 2016 erschienenen Bestseller „War with Russia“ des ehemaligen stellvertretenden Nato-Kommandeurs in Europa.

Die Buchhandlungen sortierten das Werk damals übrigens in die Abteilung „Fiktion“ ein. Die Manager auch.

Die abseitigen Risiken: An dieser Stelle schlummert das schwerste Versäumnis der Wirtschaftsführer. Fast alle Unternehmen haben das Risikomanagement zu leicht genommen; es geriet zur lästigen Pflichtübung. Natürlich hat jede namhafte Firma einen Risk Manager und eine „Risk Map“, die regelmäßig in der Geschäftsführung und den Aufsichtsgremien angeschaut wird. Aber das ist eine Liste mit Hunderten Risiken, die fein säuberlich jeweils mit einer Ampel versehen sind – Grundfarbe natürlich Grün.

Der Aufwand, da genauer hinzuschauen, hätte sich schon für mittlere und kleinere Unternehmen gelohnt. Im Militär gilt seit jeher der Satz: Wer alles verteidigt, verteidigt nichts.

Einige wenige Unternehmen haben in jüngerer Zeit unter dem Druck der Ereignisse hochrangige Generale eingeladen, mal mit den Methoden und Prozessen des militärischen „campaign planning“ nach Risiken zu schauen. Sie waren bass erstaunt, dass die Soldaten nicht ellenlange „Risk Maps“ präsentierten, sondern maximal zehn Risiken. Und noch erstaunter, dass viele der von den Militärs beschriebenen Risiken auf ihren eigenen „Risk Maps“ nicht einmal auftauchten.

Wenn es aktuell eine Priorität gibt für die deutschen Unternehmen, dann ist es echtes „Campaign planning“ für die existenzbedrohenden Risiken in den nächsten fünf Jahren. Denn mindestens so lange wird es ungemütlich bleiben in Europa und der Welt.

Russlands Krieg mit dem Westen ist mit den Anschlägen auf Nordstream 1 und 2 gerade in die hybride Phase übergegangen. Das heißt für die Unternehmen, dass Bedrohungen zum Beispiel in Form von Cyberangriffen und Sabotage konkret an sie heranrücken. Zudem es ist es erwartbar, dass China in diesem Zeitraum auch in Taiwan Fakten schaffen will. Die damit verbundenen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die deutschen Unternehmen sind in Potenz höher als das, was wir aktuell erleben. Jede Firma muss deshalb heute theoretisch durchspielen, was morgen ganz konkret auf sie zukommt.

Um es militärisch zu sagen: „Get prepared for the hard yards“.

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