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Alles neu durch KI? Wie Wirtschaftsprüfer um ihre Zukunft kämpfen

PwC, Deloitte und Co. investieren Milliarden in IT-Projekte und künstliche Intelligenz. Kleine Kanzleien drohen abgehängt zu werden.

Von Claus Gorgs
aus manager magazin 4/2024
„Jede Menge neue Chancen“: Wirtschaftsprüfer Benjamin Muxfeld (l.), Ulrich Möhrle

„Jede Menge neue Chancen“: Wirtschaftsprüfer Benjamin Muxfeld (l.), Ulrich Möhrle

Foto: Niklas Grapatin / manager magazin

Die Zukunft beginnt bei der Hamburger Wirtschaftskanzlei Möhrle Happ Luther (MHL) im Fahrstuhl. Tasten für die verschiedenen Stockwerke des einstigen SPIEGEL-Hochhauses gibt es nicht, die digitale Steuerung öffnet die Türen nur für Personen mit passender Sicherheitsfreigabe. Die vier Kabinen steuern, sobald sie leer sind, die Etagen mit dem höchsten Bedarf an. „Die Digitalisierung durchdringt alle Bereiche unseres Geschäfts“, sagt MHL-Partner Benjamin Muxfeldt (37), während der Lift hoch ins Dachgeschoss fährt.

Muxfeldt ist hier fürs Digitale zuständig; er weiß, dass der Aufzug nicht reichen wird, um MHL in die Zukunft zu steuern: „Unsere Mandanten erwarten, dass wir alles können, was die Großen der Branche auch können.“ Wer diesen Weg nicht mitgeht, ist raus.

Digitale Transformation und Cybersicherheit, Datenschutz und künstliche Intelligenz (KI) verändern das Geschäft der Wirtschaftsprüfer rasant. Auch mittelständische Unternehmen verlangen von ihren Wirtschaftsprüfern Expertise und Dienstleistungen, für die sie früher eine IT-Beratung engagiert hätten. Jede Rechnung, jede Notiz, jede Zahl, die aus dem Aktenordner in die Cloud wandert, verbessert die Möglichkeiten, Daten und Geschäftsprozesse elektronisch zu analysieren und Auffälligkeiten oder Unregelmäßigkeiten zu entdecken. Die Kunden erhalten eine bessere Basis für ihre Entscheidungen.

Die globalen Prüfkonzerne Deloitte, PwC, EY und KPMG investieren Milliarden in Data Analytics und die Entwicklung digitaler Prüfungstools; sie heuern Programmierer und Forensiker an, übernehmen ganze IT-Unternehmen. KI-Anwendungen könnten schon bald eine automatisierte Vollprüfung sämtlicher Geschäftsvorgänge ermöglichen, die ersten Programme laufen bereits im Testbetrieb. „Die Digitalisierung verändert das Geschäftsmodell der Wirtschaftsprüfer von Grund auf“, sagt Bianka Knoblach (50), Geschäftsführerin und Studienleiterin des Bonner Forschungsinstituts WGMB. „Viele Mittelständler werden nicht die Ressourcen haben, da mitzuhalten. Ich befürchte, die Entwicklung wird die Branche spalten.“ Wer nicht schnell genug digitalisiert, verliert den Anschluss.

Prüfer nach dem Wirecard-Skandal

Ulrich Möhrle (58) wirkt nicht, als bereiteten ihm diese Aussichten Sorgen. Er ist bei Möhrle Happ Luther Namenspartner in dritter Generation, aus der vollverglasten oberen Etage der Firmenzentrale hat er einen Rundumblick über die Hamburger Innenstadt und den Hafen. Vielen seiner Mandanten schaut er buchstäblich aufs Dach. Gemeinsam mit Muxfeldt hat er die Kanzlei seit Beginn des Jahrzehnts auf Digitalisierung getrimmt; die Wachstumsrate ist zweistellig – wie bei Deloitte oder PwC. Mit rund 56 Millionen Euro Umsatz und mehr als 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gehört MHL zu den 20 größten Wirtschaftsprüfern in Deutschland – und ist trotzdem Welten entfernt von den Milliardenumsätzen der Marktführer. „Wir sind eine mittelständische Kanzlei und werden es bleiben. Das ist unsere DNA“, sagt Möhrle.

Zu seinen Mandanten zählen viele große Familienunternehmen und wohlhabende Privatpersonen, die Geschäftsberichte des Klavierherstellers Steinway & Sons, des Weinversenders Hawesko oder der Fährreederei Stena Line tragen Bestätigungsvermerke der Hamburger Prüfer. MHL-Experten haben nach dem Wirecard-Skandal die Qualität von Wirecard-Prüfer EY gecheckt (Peer-Review). Hanseat Möhrle würde das zwar öffentlich nie sagen; es stört ihn aber auch nicht, wenn man es weiß.

Um die prestigeträchtigen Prüfmandate bei Dax-Konzernen bietet Möhrle nicht mit, das würde die Kapazität von MHL überfordern. Die anspruchsvollen Beratungsmandate dagegen sieht er als Chance. Um dabei trotz des Größenunterschieds technisch mit den Besten mithalten zu können, investiert Möhrle massiv in Digital-Know-how. Eine IT-Tochter mit 60 Mitarbeitern kümmert sich auf Wunsch auch um die Systeme der Mandanten; zusätzlich hat MHL seit 2020 ein 35-köpfiges Beratungsteam für Themen wie digitale Transformation, IT-Consulting und elektronische Bewertungs- und Bonitätsanalysen aufgebaut.

Dabei greifen sie auf am Markt verfügbare Software zurück. „Wir müssen keine 150 Programmierer einstellen“, sagt Möhrle. „Wir sind ganz bewusst Fast Follower mit eigenen Akzenten.“ Hauptsache, man sei weiter als die direkten Wettbewerber. Dass Neukunden bei ihm anklopfen, weil ihr bisheriger Prüfer nicht digital genug ist, erlebe er häufiger.

Doch die Zahl der Realitätsverweigerer sinkt. Mehr als 80 Prozent der von WGMB im Auftrag des manager magazins befragten mittelständischen Kanzleien erwarten, dass Digitalisierung und KI die Branche stark oder sehr stark verändern werden. Über 90 Prozent sehen das eigene Unternehmen bei der digitalen Transformation bereits im fortgeschrittenen Stadium (siehe Grafiken).

Für Harald Groemmer (57) war Digitalisierung von Anfang an Teil des Geschäftsmodells. So nervte es den Mitgründer und Namenspartner der Münchner Kanzlei GKK Partners, dass seine Mandanten nicht zu jeder Zeit und von jedem Ort auf ihre Daten zugreifen konnten. „Wir haben dann unser eigenes digitales Ökosystem gebaut“, sagt der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer – und damit nach eigenen Berechnungen einen zweistelligen Prozentsatz der bisherigen Arbeitsstunden eingespart. „Diese Plattform bieten wir jetzt auch unseren Mandanten an.“

Digitale Kanzleien wachsen rasant

Die wissen das offenbar zu schätzen: Die Zahl der Mitarbeiter von GKK Partners hat sich in den vergangenen drei Jahren auf 240 mehr als verdoppelt. Trotzdem müsse er immer wieder Mandate ablehnen, weil er nicht genügend Leute finde, sagt er.

Auf der Firmenwebsite wirbt GKK mit selbst produzierten Ratgebervideos zum Schutz vor Cyberkriminalität und bietet diverse digitale Dienstleistungen, von der papierlosen Belegerfassung über virtuelle Personalverwaltung bis zum Cloudserver. Groemmer nutzt marktübliche Softwaretools, die GKK an die Bedürfnisse und IT-Strukturen der Klienten anpasst. „So können wir Prozesse effizienter machen, Implementierungsphasen verkürzen und unseren Mandanten verschiedene Ausbaustufen anbieten.“

Kanzleigründer Harald Groemmer: Mittelständler auf ein anderes digitales Niveau heben

Kanzleigründer Harald Groemmer: Mittelständler auf ein anderes digitales Niveau heben

Foto: GKK Partners

Seine Klientel reicht vom lokalen Gewerbebetrieb über Technologie-Start-ups bis zum Industriebetrieb mit knapp einer Milliarde Euro Umsatz. Insbesondere Familienbetriebe – auch die großen – entschieden sich bei der Auswahl ihres Wirtschaftsprüfers oft ganz bewusst gegen eine Big-Four-Gesellschaft, sagt Groemmer. Dort seien sie nur eine Nummer unter vielen, bei einer mittelgroßen Kanzlei dagegen ein Very Important Customer. „Die persönliche Beziehung spielt da immer noch eine große Rolle. Und auch wir haben das Know-how, Mittelständler auf ein höheres digitales Niveau zu heben.“

Groemmer unterteilt die Mandanten, mit denen er es zu tun hat, in drei Kategorien: Erstens die volldigitalen, die nach einem Wirtschaftsprüfer auf Augenhöhe suchen. Zweitens die Skeptiker, die nach anfänglichen Berührungsängsten Schritt für Schritt in die neue Welt einsteigen und dabei Begleitung suchen. Und schließlich die Verweigerer, die nach wie vor keinerlei Vorteile in der Digitalisierung sehen. „Aus dieser Kategorie“, sagt er, „haben wir kaum noch welche.“

Seit der Coronapandemie hat sich der Wandel bei den kleinen und mittelgroßen Wirtschaftsprüfern rasant beschleunigt. Ihr wohl wichtigster Helfer dabei: der Nürnberger Datendienstleister Datev. Als Genossenschaft ist Datev dem Wohl der mehr als 40.000 Wirtschaftsprüfer und Steuerberater verpflichtet, die sie tragen. Als Anbieter von Spezialsoftware und digitaler Infrastruktur profitiert sie von dem Boom.

Peter Stadler (53), Leiter der Datev-Niederlassung Frankfurt, hat zahlreiche Kanzleien bei der digitalen Transformation begleitet. Viele stünden noch am Anfang des Weges, erzählt er, aber die Bereitschaft, sich zu verändern, sei groß. „Ich kenne volldigitale Kanzleien, in denen vor ein paar Jahren noch Wäschekörbe voller Akten standen. Die sehe ich heute nicht mehr.“

Für Stadler ist es weniger eine Frage der Größe, ob sich mittelständische Wirtschaftsprüfer im Wettbewerb behaupten können. „Es gibt auch unter den größeren Kanzleien Traditionalisten, die sich schwertun, den Weg in die digitale Welt zu beschreiten – insbesondere solche, bei denen die Führungskräfte wenig im operativen Geschäft mit den Softwaretools arbeiten. Wir gehen deshalb evolutionär vor und überführen Baustein für Baustein in die Cloud. Jede Kanzlei entscheidet selbst über das Tempo.“

75 Prozent Marktanteil

Annähernd 600.000 Kunden hatte Datev Ende 2023, aktuell kommen jährlich etwa 45.000 hinzu. Die cloudbasierte Software „Unternehmen Online“, über die Mittelständler digital Finanzdaten mit ihren Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern austauschen können, wird derzeit von einer halben Million Firmen genutzt – Tendenz ebenfalls stark steigend. Mit einem Jahresumsatz von 1,3 Milliarden Euro (2022) sind die Nürnberger nach SAP und Microsoft der drittgrößte Softwareanbieter des Landes, der Marktanteil bei Steuersoftware liegt bei geschätzt 75 Prozent. Knapp 100 Millionen Euro investiert das Unternehmen jährlich in die Entwicklung digitaler Produkte, die IT-Infrastruktur und in KI.

Mit diesem Know-how im Rücken sollen, so der Plan, auch mittelständische WP-Gesellschaften auf der Höhe der Zeit bleiben. „Die Digitalisierung wertet den Faktor Mensch auf“, sagt Jens Groß (49), Leiter Wirtschaftsprüfung bei Datev. Die Prüfer würden von manuellen Routinetätigkeiten entlastet, sodass mehr Zeit für Analyse und Interpretation der Zahlen bleibe. Ohne Big Data seien kommende regulatorische Anforderungen wie Nachhaltigkeitsberichterstattung und deren Prüfung gar nicht mehr zu leisten. „Und solche Services gibt es künftig nur noch in der Cloud.“ Dass Kanzleien wie GKK Datev-Module unter eigenem Label weitervermarkten, sei Teil des Konzepts. „Wir fördern das aktiv“, sagt Groß. „Es muss nicht überall unser Logo draufstehen.“

Dass der Branche ein Strukturwandel bevorsteht, ergibt sich schon aus ihrem Altersprofil: Fast jeder dritte aktive Wirtschaftsprüfer in Deutschland ist 60 Jahre oder älter, und längst nicht alle aus dieser Gruppe seien bereit, den Weg in die Virtualität noch mitzugehen, sagt WGMB-Expertin Knoblach. „Wir hören von einigen mittelständischen Kanzleien, die schon jetzt bestehende Prüfmandate zurückgeben und sich auf das Steuerberatungsgeschäft konzentrieren.“ Knoblach rechnet damit, dass in den kommenden Jahren immer mehr kleinere Kanzleien aufgeben oder in größeren aufgehen werden: „Die Konzentration wird zunehmen.“

Auch neue Formen der Kooperation zeichnen sich ab. So bindet die Hamburger Prüfgesellschaft BDO, Nummer fünf auf dem hiesigen Markt, mittelständische Kanzleien über ein Allianzsystem in ihre Strukturen ein, ohne ihnen die Selbstständigkeit zu nehmen. Die Partner bekommen auf diese Weise Zugriff auf die Ressourcen einer Großkanzlei, BDO einen Fuß ins regionale Geschäft. Ähnlich könnte es auch einige Größenklassen darunter laufen: So erwägt GKK-Partner Groemmer, kleineren Wettbewerbern gegen Entgelt Zugang zu seinem digitalen Ökosystem zu gewähren.

Der Druck zur Zusammenarbeit dürfte in den kommenden Jahren noch zunehmen, wenn die Pflicht zum Erstellen und Testieren von Nachhaltigkeitsberichten (ESG) sukzessive für immer mehr mittelständische Unternehmen greift. „Kanzleien, die weiter mitspielen wollen, müssen in Manpower investieren oder Kooperationen eingehen, um ihre Qualifikation aufrechtzuerhalten“, sagt Datev-Manager Stadler. Er erwartet eine Zunahme von Zusammenschlüssen, um Kompetenzen zu bündeln.

Für Ulrich Möhrle ist die Zukunftsfähigkeit mittelständischer Kanzleien denn auch keine Frage der Größe, sondern der Strategie. Für Möhrle Happ Luther schließt er kleinere Akquisitionen zwar nicht aus. Das Gerangel um die Spitzenplätze betrachtet er jedoch mit hanseatischer Zurückhaltung. Durch technologischen Fortschritt und wachsende Regulatorik werde sich der gesamte Markt bewegen, ist er überzeugt: „Das wird auch mittelständischen Wirtschaftskanzleien jede Menge neuer Chancen bieten.“

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