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Schaeffler Keiner wird gewinnen

Die Conti-Übernahme gerät für alle Beteiligten zum Abenteuer. Überall lauern Fallen.
aus manager magazin 12/2008

Wenn es ernst wird beim Automobilzulieferer Continental AG, dann nimmt Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg (66) die Dinge gern selbst in die Hand. So war es in der Endphase der Abwehrschlacht gegen den Wälzlagerhersteller Schaeffler, als ihm der damalige Vorstandschef Manfred Wennemer (61) allzu heftige Gegenwehr leistete.

So ist es auch jetzt wieder, nachdem Karl-Thomas Neumann (47) Wennemer an der Conti-Spitze abgelöst hat. Von Grünberg persönlich reist aktuell durch Europa, um möglichen Käufern die Gummi-Sparte des Konzerns schmackhaft zu machen. Es geht um Autoreifen und Hightech-Förderbänder, um 9,5 Milliarden Euro Umsatz und gut 70 Prozent des Konzerngewinns vor Zinsen und Steuern. Und es geht wieder einmal um die Zukunft des Unternehmens.

Noch will der Vorstand nur verkaufen, "wenn es dem Gesamtsystem Conti-Schaeffler dient". Noch präsentiert von Grünberg interessierten Investoren wie Bain Capital und Texas Pacific Group nur einen ersten Einblick in die Zahlen. Doch falls sich das vierte Quartal bei Conti ähnlich mäßig entwickelt wie das dritte, könnte noch 2008 die Finanzierung der Elf-Milliarden-Euro-Übernahme von Siemens VDO platzen. Der Verkauf zumindest von Teilen der Gummi-Sparte wäre kaum vermeidbar.

Die Nettoverschuldung darf Ende 2008 das 3,5-Fache des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) nicht überschreiten; dazu hat sich Conti im Kreditvertrag verpflichtet. Im dritten Quartal lag der Quotient schon bei 3,4. Stiege er weiter, könnten die Banken den Kredit kündigen. Oder von Conti verlangen, zwecks Schuldensenkung Konzernteile zu verkaufen.

Derweil ist die Übernahme von Conti durch Schaeffler längst zu einem gefährlichen Abenteuer geworden. Sie hätte der Coup des Jahres werden können: Ein der Öffentlichkeit kaum bekanntes Familienunternehmen schluckt die mächtige Continental AG. Clanchefin Maria-Elisabeth Schaeffler (67) und ihr Geschäftsführer Jürgen Geißinger (49) überrumpeln den von der Börse gefeierten Conti-Chef Manfred Wennemer.

Doch der Börsencrash und die Krise der Autoindustrie haben sämtliche Strategien über den Haufen geworfen. Egal ob für Schaeffler, Conti, die finanzierenden Banken oder die ungeduldig auf ihr Geld wartenden Aktionäre: Entwickelt hat sich ein Spiel, das derzeit niemand gewinnen kann - und in dem einige verzweifelt die Notausgänge suchen.

Für Schaeffler hat sich die Situation gefährlich zugespitzt. Der Konzern hat sich verpflichtet, vier Jahre lang nicht mehr als 49,99 Prozent der Conti-Anteile zu übernehmen. Inklusive der schon frühzeitig gekauften 8 Prozent jedoch dienten die Aktionäre Schaeffler 90 Prozent an, zu einem garantierten Preis von 75 Euro. Die Mehrkosten für Schaeffler: knapp fünf Milliarden Euro.

Hinzu kommt, dass die Conti-Aktie an der Börse Mitte November zeitweise auf 30 Euro fiel. Die Franken müssten zum aktuellen Kurs möglicherweise mehrere Milliarden Euro abschreiben.

"Spätestens wenn die Finanzierungszusage der Banken ausläuft, hat Schaeffler ein Kapitalproblem", sagt ein beteiligter Finanzmann. In Conti-Kreisen heißt es, die Banken hätten eine Zusage für nur 18 Monate gegeben. Schaeffler bestreitet die Finanznot und verweist darauf, Conti nicht zum Börsenkurs bewerten zu müssen. Der wahre Wert des Konzerns liege deutlich höher.

Das alles geschieht ausgerechnet in einer Phase, in der wenige Autos gekauft werden. Für 2009 erwartet Schaeffler-Chef Geißinger einen operativen Gewinneinbruch um 250 Millionen Euro. Um das Minus zu begrenzen, setzt er ein Sparprogramm auf.

Schaeffler verdient immer noch mehr als fast alle Konkurrenten. Aber die Kredite lasten schwer auf dem Konzern. Intern wächst die Unruhe. Zwar betonte Maria-Elisabeth Schaeffler jüngst öffentlich den strategischen Sinn der Übernahme. Aus dem Unternehmen aber dringt, selbst die Eigentümerin würde die Attacke auf Conti bisweilen am liebsten rückgängig machen.

Dazu ist es wohl zu spät. Also sucht das Unternehmen anderweitig Linderung. Lange schon argwöhnen Investoren, Schaeffler verzögere das Genehmigungsverfahren bei der EU. Der Konzern hat die finalen Unterlagen gut drei Monate verspätet in Brüssel eingereicht. Die Franken rechnen nicht damit, die Transaktion noch 2008 abzuschließen. Mögliche Abschreibungen wären damit erst 2009 fällig - genau wie die Auszahlung der Conti-Aktionäre.

Um die Last nicht allein tragen zu müssen, wirbt Schaeffler inzwischen um Käufer für die überzähligen 40 Prozent der Anteile. Das Problem ist der Preis. Bislang scheiterten alle Verhandlungen.

Wenn Geißinger die Aktien nicht los- wird, will er offenbar einen Beherrschungsvertrag durchsetzen. Damit hätte er Zugriff auf Contis Kasse und könnte - falls noch nicht passiert - einen Verkauf der Gummi-Sparte durchsetzen.

Für einen Beherrschungsvertrag ist eine Hauptversammlungsmehrheit von 75 Prozent notwendig. Dem steht die Selbstbeschränkung auf 49,99 Prozent entgegen - es sei denn, der Conti-Vorstand stimmt einer höheren Quote zu.

Die Granden in Hannover jedoch sind skeptisch. "Das ist heikel", sagt ein Vorstandsvertrauter. "Da müsste man genau abwägen, ob man nicht die Existenz von Conti gefährdet." Michael Freitag

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