Kluge Handlungsmodelle für Alltag und Beruf Wie Sie dem Aktionismus entkommen

Unter Wirksamkeit verstehen wir im Westen gern: Pläne zu machen und sie eisern zu verfolgen. Vergebene Liebesmüh, meinen Denker aus Fernost. Es geht darum, offen zu bleiben für die Veränderungen auf dem Weg.
Von Thomas Vasek

Schon der preußische General Carl von Clausewitz (1780-1831) wusste, dass man Kriege nicht planen kann, obwohl man sie planen muss. Was immer die Strategen auf dem Reißbrett entwerfen, die Realität sieht anders aus: "Es ist im Kriege alles sehr einfach, aber das Einfachste ist schwierig." Die Einsichten von Clausewitz' über den Krieg haben heute Eingang in die Management- und Führungsliteratur gefunden. Denn sie lehren uns etwas über eine Paradoxie des menschlichen Handelns: Ständig müssen wir Pläne machen, obwohl wir eigentlich wissen, dass womöglich alles anders kommt. Warum verzichten wir dann nicht überhaupt darauf zu planen? Wäre es nicht besser, wir ließen die Dinge einfach "auf uns zukommen"?


Auch im täglichen Leben kommen wir ohne Planung nicht aus. Wir erstellen detaillierte To-do-Listen, betreiben Projekt- und Zeitmanagement. Dabei lassen wir uns von der Vorstellung leiten, wir könnten den Lauf der Dinge durch unser Handeln steuern. Es scheint uns, als hätten wir alles selbst in der Hand. Dahinter steht eine Art magischer Glaube, wir könnten über die Zukunft verfügen. Die Folge ist oft sinnloser Aktionismus, der genau deswegen wirkungslos bleibt, weil er die Wirkung erzwingen will.

Lesen Sie auch: Mit diesen 100 Fragen können Sie Ihr Leben ordnen

Wenn wir handeln, orientieren wir uns an Zielen, an einer bestimmten Idealvorstellung, die wir durch unser Handeln zu realisieren versuchen. Dieses "teleologische" Handlungsmodell (von telos für Ziel, Zweck) geht zurück auf die griechische Philosophie. Ein kluger Mensch ist derjenige, der weiß, was für ihn "gut und nützlich" ist, und der die "rechten Mittel" kennt, um sein Ziel zu erreichen, sagt Aristoteles in der "Nikomachischen Ethik". Das Problem an diesem Modell ist, dass sich die Umstände ändern können. Ein unerwartetes Hindernis tritt auf, irgendetwas läuft nicht so, wie man sich das vorgestellt hat. Wer nur auf einen starren Plan fixiert ist, übersieht fast zwangsläufig alternative Handlungsmöglichkeiten, die sich plötzlich und unvorhergesehen ergeben.

Die Griechen kannten neben der Klugheit (phronesis) allerdings auch eine andere, flexiblere Form von Intelligenz, die sie metis nannten. Darunter verstanden sie eine Art Schläue oder Gerissenheit, also die Fähigkeit, sich an die jeweiligen Umstände anzupassen, aus einer gegebenen Situation das Beste herauszuholen. Als Personifikation der metis galt der griechische Held Odysseus, der sich auf seiner Irrfahrt mit allen möglichen Tricks durchschlug.

Fotostrecke

Positives Denken: So gelingt Ihnen ein guter Jahresrückblick

Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ dpa

Anstatt einen wohlüberlegten Plan zu verfolgen, nutzte Odysseus die Handlungsoptionen, die sich ihm in der jeweiligen Situation boten. Homer nennt ihn deshalb "polymetis" (listenreich) und "polytropos" (vielgestaltig, anpassungsfähig). Doch diese Form der situativen Intelligenz, so meint der französische Philosoph und Sinologe François Jullien, hat sich im europäischen Denken nicht durchgesetzt. Statt auf Geschmeidigkeit und Anpassung an die jeweiligen Umstände setzen wir bis heute lieber auf rationale Planung, also auf das "teleologische" Modell. Einen ganz anderen Weg zeigt uns nach Julliens Interpretation - die unter Sinologen allerdings umstritten ist - die chinesische Philosophie.

Das chinesische Denken setzt bei der Situation an

Das chinesische Denken geht nicht vom Ich-Subjekt aus, das bestimmte Ziele verfolgt. Es setzt bei der Situation an. Eine Wirkung erzielen wir nicht, indem wir einen vorgefassten Plan umsetzen, sondern indem wir das "Situationspotenzial " (shi) nutzen, also die jeweiligen Umstände für uns arbeiten lassen. Nicht das handelnde Ich erreicht etwas. Es ist die Situation selbst, aus der die Wirkung hervorgeht.

Für unsere westlichen Denkgewohnheiten ist das zunächst schwer zu fassen. Zumeist denken wir in Zweck- Mittel-Relationen. Wir legen ein bestimmtes Ziel fest, dann wählen wir das am besten geeignete Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Dahinter steht die modellhafte Vorstellung, dass unser Handeln einen bestimmten kausalen Effekt auf den Lauf der Dinge hat: Wenn wir A tun, dann tritt die Wirkung B ein.

Die Schwierigkeit ist allerdings, dass wir nicht genau vorhersagen können, welche Wirkung ein bestimmtes Mittel in der Zukunft hat. Es können unvorhergesehene Umstände eintreten, durch die das gewählte Mittel wirkungslos wird. Obwohl man aus heutiger Sicht alles richtig gemacht hat, erweist es sich als falsch.

Angenommen, Sie wollen ein bestimmtes berufliches Projekt realisieren. Natürlich wissen Sie genau, was dafür zu tun ist. Also erstellen Sie einen detaillierten Zeitplan mit sämtlichen Umsetzungsschritten, sie halten Meetings ab, verteilen Aufgaben und so weiter. Aber nun kommt es zu einer unerwarteten zeitlichen Verzögerung, die alles über den Haufen wirft. Also kommen Sie zu dem Schluss, dass Sie Ihren ursprünglichen Plan korrigieren müssen - und erstellen einen neuen Plan, der natürlich wieder platzen kann.

Fotostrecke

Mehr Erfolg: 12 Tipps, wie Sie den Placebo-Effekt für Ihr Unternehmen nutzen können

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Zwar können Sie dieses Mal die Deadline halten. Aber das Ergebnis hat leider nicht die Qualität, die Sie erwartet haben. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Plan selbst schlecht oder zu optimistisch war. Es heißt nur, dass er nicht "funktioniert" hat. Trotz aller Bemühungen haben sich die Dinge nicht so entwickelt, wie Sie sich das vorgestellt haben.

Unsere westliche Vorstellung ist geprägt von dem Bild des zupackenden Akteurs, der sich heroisch den jeweiligen Umständen entgegenstellt, der Probleme löst und die Welt nach seinem Willen formt. Die Begriffe "Manager" oder "Macher" beruhen letztlich auf dem tief in unserer westlichen Kultur verwurzelten Paradigma des handelnden Subjekts. Das chinesische Denken hingegen, so meint François Jullien, misstraut dem "heroischen" Handeln grundsätzlich, weil es oft nur eine Pseudowirkung hat.

Nicht-Handeln heißt, auf einen Plan zu verzichten

Man muss dabei nur an den Aktionismus mancher Führungskräfte denken, die ständig "busy" sind und von einem Termin zum nächsten rennen - und dabei die wirklich wichtigen Dinge aus den Augen verlieren. Zudem kann selbst der beste Plan an unvorhersehbaren Umständen scheitern. Die ebenso schlichte wie wichtige Einsicht lautet: Wir können die Wirkung unseres Handelns nicht kontrollieren.

Zugleich aber liegt in jeder Situation ein gewisses Potenzial, das wir uns zunutze machen können. Aus chinesischer Sicht geht es darum, die Umstände so zu beeinflussen, dass sie von sich aus eine günstige Wirkung entfalten können. Der chinesische Philosoph Laozi (vermutlich 604-531 v. Chr.) spricht im "Daodejing" vom "Nicht-Handeln" (wúwéi). Dieses "Nicht-Handeln" ist jedoch nicht zu verwechseln mit Passivität oder gar Trägheit.

Nicht-Handeln heißt vielmehr, auf einen Plan zu verzichten, die Dinge nicht zu "erzwingen", sondern sie "geschehen" zu lassen - also "zu handeln, ohne zu handeln". Der chinesische Weise denkt dabei prozesshaft, nicht punktuell. Im Mittelpunkt steht nicht die Handlung, sondern die Wandlung, die Transformation von Prozessen, sodass sie eine vorteilhafte Wirkung entfalten. Der konfuzianische Meister Mengzi (ca. 370-290 v. Chr.) erläutert das metaphorisch am Beispiel einer Pflanze. Man kann eine Pflanze nicht zum Wachsen zwingen. Doch man kann ihr Wachstum fördern, indem man etwa Unkraut am Boden jätet - und sie damit wachsen lässt.

Fotostrecke

Stephan Kalhamer: Fünf Verhandlungstipps vom Poker-Profi

Foto: Stiftung Rechnen

Aus dieser Perspektive kann man ein Projekt eben auch anders angehen als mit detaillierten Zeitplänen und To-do-Listen, indem man etwa den Mitarbeitern mehr Handlungsmöglichkeiten gibt und, analog zum Jäten des Unkrauts bei Mengzi, alle Hemmnisse beseitigt, die dem erfolgreichen Verlauf des Projekts entgegenstehen. Das erfordert allerdings, die "heroische" Haltung ein Stück weit aufzugeben.

Aus chinesischer Sicht geht es darum, das jeweilige "Situationspotenzial" immer wieder neu einzuschätzen und zu bewerten, Prozesse indirekt zu beeinflussen, sie reifen zu lassen. Nur auf diese Weise bleiben wir offen und sensibel für das, was in einer Situation möglich ist. Die Effizienz des chinesischen Strategen besteht nach Jullien darin, die "Immanenz" zu erfassen, die in der Situation selbst wirkt.

Lektüre

Wir sollten offen sein für das Unvorhersehbare

Nach traditioneller westlicher Vorstellung braucht das Handeln die günstige Gelegenheit. Für Niccolò Machiavelli (1469-1527) etwa besteht die virtú, die Tüchtigkeit des Herrschers, darin, die occasio, die günstige Gelegenheit, beherzt zu ergreifen. Das ist wieder das "heroische" Modell, die westliche Vorstellung vom zupackenden Helden. Auch der chinesische Stratege lässt sich die günstige Gelegenheit zwar nicht entgehen. Aber für ihn ist sie nur der Moment, in dem ein Prozess so weit gereift ist, dass er die Frucht nur mehr zu pflücken braucht. Wichtiger ist ihm der Zeitpunkt, in dem die günstige Entwicklung beginnt; diesen Moment muss man erkennen und richtig zu nutzen wissen. Wer ihn vorüberziehen lässt, der kann das Potenzial der Situation nicht zur Entfaltung bringen.

In unserer westlichen Welt kommen wir zwar nicht umhin, weiterhin Pläne zu machen und auf die Wirksamkeit unseres Handelns zu vertrauen. Von den Chinesen können wir allerdings lernen, unsere "heroische" Vorstellung vom Handeln in einer immer komplexeren Welt kritisch zu reflektieren, empfänglich zu bleiben für die immanenten Möglichkeiten einer Situation, für das Unvorhergesehene und Unvorhersehbare, an dem wir in unserem durchgetakteten Alltag oft so achtlos vorübergehen.

In der Lehre vom "Nicht- Handeln" steckt auch ein mögliches Korrektiv für alle "Macher", für alle "Führungskräfte", die Geschäftigkeit mit Effizienz verwechseln, Aktionismus mit Wirksamkeit. In guter alter westlicher Tradition kann man vielleicht - als eine Art Kompromiss zwischen Ost und West - sagen: Wenn schon handeln, dann wenigstens denken, bevor man handelt.