Von Extremsportlern für den Job lernen Wie man Willenskraft am besten trainiert

Von Michele Ufer
Eine Herausforderung für Körper und Geist: Der Ultralauf durch die Wüste Gobi

Eine Herausforderung für Körper und Geist: Der Ultralauf durch die Wüste Gobi

Willenskraft ist die Fähigkeit, eine Handlungsabsicht in die Tat umzusetzen und gewünschte Handlungen auch unter erschwerten Bedingungen aufrecht halten zu können, indem wir Gedanken, Gefühle, Impulse kontrollieren, Verlockungen und Ablenkungen widerstehen, uns auf relevante Dinge fokussieren sowie Belohnungen aufschieben. Man könnte auch sagen: Selbstdisziplin oder -kontrolle.

Im Rahmen des berühmten Marshmallow-Experiments von Walter Mischel wurde die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub bei Kindern untersucht. Die Kinder saßen am Tisch, darauf lag ein Marshmallow. Sie hatten die Wahl: sofort aufessen oder warten, um später zwei zu bekommen. Zufällig konnte Mischel die Probanden viele Jahre später erneut untersuchen und stellte erstaunt fest, dass diejenigen, die damals ausharren konnten, deutlich erfolgreicher im Sport und Beruf, gesünder und zufriedener mit ihrem (Familien-)Leben waren.

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Unglücklich im Job: Diese negativen Angewohnheiten sind schuld

Foto: Bernd Thissen/ dpa

Die Ergebnisse wurden in zahlreichen Studien auf der ganzen Welt bestätigt. Willenskraft ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Die gute Nachricht: Willenskraft kann man wie einen Muskel trainieren und stärken. Eine Möglichkeit besteht z. B. darin, sich immer wieder aus der Komfortzone zu bewegen und wiederholt Dinge zu tun, die eine gewisse Überwindung und bewusste (körperliche) Selbstkontrolle benötigen. Das kann die sportliche Challenge, das können aber auch ganz simple Dinge sein: So können Rechtshänder beispielsweise Bewegungen bewusst mit der linken Hand ausführen.

Oder jemand, der weiß, dass er am Schreibtisch gewöhnlich krumm sitzt, kann sich durch regelmäßige Selbstbeobachtung daran erinnern, wieder gerade zu sitzen und sich aufrichten. (Link Interstuhl) Auch auf so grundlegende Dinge wie ausreichend Schlaf und Essen sollte geachtet werden, da nur ein ausgeruhter Wille ein starker Wille ist. Konzentrationsübungen und Meditation können die Fähigkeit verbessern, Ablenkungen auszublenden. Das Spannende an der Willenskraft: Es scheint nur einen Pool an Energie zu geben, der für die verschiedensten Aufgaben und Lebensbereiche zur Verfügung steht. Wenn wir uns in einem Bereich verbessern, wirkt sich das automatisch auch positiv auf andere Bereiche aus.

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Kommen wir zur schlechten Nachricht: Zwei Probleme können auftreten, wenn wir zu viel wollen. Insbesondere bei High Performern besteht die Gefahr der Überkontrolle. Die Fokussierung auf ein Ziel ist so stark, dass störende innere Bedürfnisse, Gefühle, Stimmungen unterdrückt werden und das Bewusstsein für eben diese schwindet. Ist das über längere Zeit der Fall, kann das zu einer verringerten Verhaltensflexibilität und Kreativität, zu Fehleinschätzungen und -reaktionen, Unwohlsein und letztlich auch zu einer geringeren Leistung führen. Wichtig ist deshalb, immer wieder Feedback von außen einzuholen, sich selbst Freiräume zu schaffen und regelmäßig Pausen für Selbstwahrnehmung und -reflexion zu reservieren.

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Ufer, Michele

Limit Skills: Die eigenen Grenzen respektieren, testen, überwinden - Tipps vom Experten für Sport- und Managementpsychologie - Erfolgsstrategien von ... Bergsteigern und weiteren Leistungsportlern

Verlag: Delius Klasing Verlag
Seitenzahl: 160
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08.02.2023 22.23 Uhr

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Hinzu kommt, dass Willenskraft nicht grenzenlos zur Verfügung steht. Mit zunehmender Nutzung können sich Ermüdungszustände, die sogenannte Ego-Erschöpfung, einstellen. Bei wem Ego-Erschöpfung eintritt, der nimmt Dinge viel intensiver wahr, reagiert sensibler, verspürt Ärger oder Euphorie stärker als üblich, tut sich schwerer bei und trifft womöglich schlechtere Entscheidungen, hat Probleme mit der Impulskontrolle (isst/trinkt mehr, sagt Dinge, die er später bereut), hat weniger Lust zu mentaler oder körperlicher Anstrengung.

Wer tagsüber bei der Arbeit nervigen Chefs oder Kunden freundlich begegnet, statt seinen Impulsen freien Lauf zu lassen und ihnen die Meinung zu geigen oder bei Frust den Stift in die Ecke zu pfeffern, verbraucht dafür Willenskraft. Dadurch steht für private Themen - Sport oder familiäre Konflikte - weniger dieser kostbaren, aber endlichen Ressource zur Verfügung. Wir tendieren dann dazu, Impulse weniger gut zu kontrollieren, weniger geduldig bzw. ausdauernd zu sein, was dazu führen kann, dass wir uns daheim womöglich wegen Nichtigkeiten in die Haare kriegen oder nicht mehr die nötige Disziplin in der anstehenden Trainingseinheit aufbringen.

Wenn die Willenskraft eine begrenzte Ressource ist, macht es da nicht Sinn, sie schonend einzusetzen? Oft werden mit Willenskraft einmalige, großartige Heldentaten verbunden. Aber interessanterweise greifen besonders selbstdisziplinierte Menschen weniger auf ihre Willenskraft zurück, da sie von vornherein weniger von Versuchungen und inneren Konflikten, die schwierige Entscheidungen verlangen, auf die Probe gestellt werden.

Ein Schlüsselwort lautet: Gewohnheit. Gewohnheiten helfen, Willenskraft zu sparen. (Lesen Sie hier dazu ein Interview mit dem Forscher Charles Duhigg.)Automatisierte Handlungen verlangen nur wenig oder keine bewusste Aufmerksamkeit, da nicht jedes Mal bewusste Entscheidungen getroffen und dafür Willenskraft verbraucht werden. Besonders selbstdisziplinierte Menschen setzen ihre Willenskraft vor allem ein, um Routinen zu entwickeln, die, sind sie einmal etabliert, kaum noch Willenskraft benötigen. So sparen sie ihre Willenskraft dann für andere große, unerwartete Herausforderungen auf. Beispiel: Handy, E-Mails und Social Media saugen nicht nur Akkus leer, sondern auch unsere Willenskraft. Es ist verdammt anstrengend, sich auf wichtige Aufgaben zu konzentrieren und dranzubleiben, wenn permanent ein Piepen oder Vibrieren um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Würde es da nicht Sinn machen, sich feste Zeitfenster für E-Mails und Social Media einzurichten? Das schont in hohem Maße Willenskraft, die dann produktiv an anderer Stelle eingesetzt werden könnte. Ein weiteres Schlüsselwort lautet: Ziele. Wenn wir uns extrem attraktive, inspirierende Ziele setzen, kommt ein natürlicher Antrieb von innen, und wir fokussieren uns leichter auf das Erreichen dieser Ziele. Dadurch werden viele potenzielle Ablenkungen und Verführungen reduziert.

Das Ergebnis: Weniger Willenskraft muss eingesetzt werden, die Reserven werden ebenfalls geschont. Aber das funktioniert nur, wenn wir uns nicht zu viel auf einmal vornehmen.

Im Interview: Sandra Ringwald, mehrfache deutsche Meisterin im Skilanglauf

Skilangläuferin Sandra Ringwald: Beim Sprint kommt es auf Kleinigkeiten an

Skilangläuferin Sandra Ringwald: Beim Sprint kommt es auf Kleinigkeiten an

Foto: Urs Steger

Frage: Magst du etwas über deinen Sport und deinen Werdegang erzählen?

Sandra Ringwald: Beim Skilanglaufen gibt es verschiedene Disziplinen: Distanzläufe von 5, 10, 15 und 30 und die Sprintdistanzen mit maximal 1,4 Kilometern. Zunächst war ich auf verschiedenen Distanzen unterwegs. Ich habe aber gemerkt, dass ich bei Sprints schon eher mal einen rausknallen kann, weshalb ich mich darauf fokussiert habe. 2013 habe ich mich durch eine Silbermedaille bei der U23-WM ins Team gearbeitet. 2014 wollte ich mich für Olympia qualifizieren. Das habe ich aber ganz knapp verpasst, was wie ein Schlag ins Gesicht war. Aber anhand meiner Entwicklung in den letzten drei Jahren konnte ich sehen, dass ich keinen Rückschritt gemacht, sondern mich kontinuierlich verbessert habe. Dadurch konnte ich mich wieder motivieren. Und Spaß daran habe ich ja sowieso. Beim Weltcup 2016 stand ich mit HannaKolb beim Teamsprint das erste Mal auf dem Podium. Neben den WMs in Falun und Lathi ging es dann 2018 zu Olympia. Da ich die Erwartungen nicht erfüllen konnte, hatte ich Olympia zunächst als Misserfolg gesehen. Klar, das war schmerzhaft, aber man muss auch abhaken können. Erst im Nachhinein habe ich mich aber besonnen und es für mich als Erfolg betrachtet, weil ich mir vier Jahre zuvor die Olympiateilnahme zum Ziel gesetzt hatte. An Olympia teilnehmen zu können und da am Start zu sein, war mein ganz großes Ziel - und das hatte ich erreicht.

Wie kann man sich das Leben im Olympischen Dorf eigentlich vorstellen?

Das Olympische Dorf in Pyeongchang war wie abgebunkert. Es wurden sehr viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen, es war komplett verriegelt. Man kommt da ohne seine Akkreditierung nicht rein, nicht raus. Alles wurde wie am Flughafen durchgecheckt. Dann ist man in einem Dorf mit vielen Hochhäusern, an denen Fahnen hängen, sodass man sieht, welche Nation welches Haus bezieht. Man muss viel herumlaufen. Es ist immer ein reges Hin und Her mit Training, Essen, rein, raus, hoch, runter in die Dining-Hall, mit dem Shuttle-Bus raus ins Stadion zum Trainieren und wieder rein, aber auch ein harmonisches Miteinander mit den anderen Sportlern und anderen Sportarten. Es ist multikulti. Eine coole Stimmung. Zu Beginn mussten wir uns vor allem an die Zeitumstellung gewöhnen und einen guten Schlaf- und Trainingsrhythmus finden.

Hast du ein Beispiel für eine schwierige Situation im Wettkampf?

Beim Sprint kommt es auf Kleinigkeiten an. Eine falsche Kurve kann bereits wertvolle Zeit kosten. Da muss man auch taktisch vorgehen, um sich durchzusetzen. Man muss innerhalb einer Sekunde entscheiden, ob man jetzt rechts, links raus oder durch die Mitte fährt. Das ist ein Bauchgefühl. Da kann ich gar nicht viel darüber nachdenken.

Hast du ein Beispiel für eine Niederlage und wie das für dich war?

2017 war die WM in Lahti, Finnland. Da hatte ich eine richtige Niederlage, weil ich die zwei Wochen vor der WM wirklich on top meiner Leistungsfähigkeit war. Das war quasi zwei Wochen zu früh. Da war ich in einem Trainingslager, wo ich zu motiviert war, weil es mir richtig gut ging. Meist merkt man erst später, dass es im Trainingslager dann doch zu viel war. Klar, es ist mein Beruf, und es ist wichtig. Es hängen auch so viele Emotionen dran. Wenn man sich vor Augen führt, dass es im Endeffekt nur Sport ist und es auch noch ein Leben drumherum und auch danach gibt, dann wächst man so an seinen Aufgaben oder Niederlagen.

Was hast du daraus gelernt?

Dass ich noch mehr in meinen Körper hineinhören und mehr Ratschläge annehmen, dass ich mehr runterfahren soll. In meinen letzten Sportlerjahren habe ich gemerkt, dass ich schon viel besser geworden bin, darauf zu achten, was der Körper signalisiert. Wenn der Ofen aus ist, dann nehme ich mir Zeit für mich.

Und wie wichtig ist der Kopf für den Erfolg?

Schon sehr. Wenn man nicht an sich glaubt, nicht genug Selbstbewusstsein hat, nicht optimal fokussiert durchzieht, dann kommt man nicht voran. Da hängt viel vom Kopf ab. Und gleichzeitig merke ich manchmal, heute hat es wirklich gar keinen Sinn. Dann ist es vielleicht auch besser, wenn man es lässt und am nächsten Tag wieder anfängt. Da höre ich dann auf den Bauch, wenn der Körper Ruhe braucht.

Warum ist Grenzerfahrung wertvoll?

Wenn man noch nie an seine Grenze gekommen ist, dann kann man diese Emotionen gar nicht fühlen. Diese Berg- und Talfahrt, die ist im Leben einfach normal. Natürlich kann man auch fallen, wenn man oben ist. Man kann diese Emotionen wahrscheinlich gar nicht erfassen, wenn man nie an der Grenze angelangt ist.

Wann weißt du, ob du an eine Grenze angelangt bist, die du besser nicht mehr überschreitest?

Wenn ich merke, dass es für mich nicht mehr gesund ist. Manchmal kommt man im Wettkampf oder Training derart an seine körperlichen Grenzen, dass man sich fragt, wieso man das eigentlich jeden Tag macht? Um weiter zu kommen, überschreitet man im Training oft Grenzen. Mit etwa 16 Jahren hatte ich mal ein Erlebnis, wo es im Wettkampf zuviel für mich war. Ich hatte mich so geschunden, dass ich bewusstlos umgefallen bin. Seitdem kann ich nicht mehr an diese bestimmte Grenze gehen, weil da ein Schutzmechanismus einsetzt und es dann zu viel ist. Es gibt aber Sportler, die können ihre Grenzen jedes Mal so überschreiten, dass sie in die Bewusstlosigkeit fallen.

Wie können wir Leistung steigern, ohne uns dabei kaputt zu machen?

Man will in seiner Sparte der Beste sein und möchte es oft vielen recht machen. Der Anspruch ist hoch, bei vielen Dingen alles zu geben. Und es sind dann meist zu viele Grenzen, die man überschreitet, wenn man alles auf einmal macht. Wichtig dabei ist, dass man sich auf wenige Sachen fokussiert, die einem wichtig sind im Leben. Das überrollt einen sonst. Also ein klarer Fokus, nicht zu viel auf einmal. Nicht alles zu gut oder perfekt machen wollen.

"Wenn du willst, kannst du alles erreichen" - stimmt das überhaupt?

Das ist eine komplett falsche Aussage. Du willst zwar der Beste sein, aber du kannst eben nicht immer alles erreichen, nur weil du es willst. Man gibt deswegen auch 120 Prozent und steckt alles rein. Aber manchmal ist nicht alles möglich. Der Mensch will immer alles haben und machen, aber es ist nicht möglich, dass jeder immer alles erreichen kann, was er möchte.

Manager und Ultraläufer Christoph Harreither über Must-Wins und Halluzinationen

Unwirtliches Gelände: Die Wüste Gobi ist alles andere als klassisches Laufstrecken-Terrain

Unwirtliches Gelände: Die Wüste Gobi ist alles andere als klassisches Laufstrecken-Terrain

Foto: LI XIN/ ASSOCIATED PRESS

Mit starken Kniebeschwerden suchte ich vor 15 Jahren meinen Orthopäden auf. Ich stand kurz vor meinem ersten Marathon und teilte ihm mein Vorhaben mit. Er erwiderte forsch: "Sie haben keine ideale Beinstellung. Sie werden nie in ihrem Leben einen Marathon laufen können. Vergessen Sie dieses Vorhaben! Es wird ihre Gesundheit nachhaltig zerstören!" Kurz danach stand ich draußen auf der Straße und weinte bitterlich.

September 2017: Es ist fünf Minuten vor Mitternacht. Ich befand mich in Nordchina an der Grenze zur Mongolei in der Wüste Gobi. In wenigen Minuten sollte es losgehen. Dieser Extremlauf geht über 400 Kilometer nonstop durch eine der unwirtlichsten Regionen der Welt. Es gibt keine Markierungen, was bedeutet, wir mussten den Weg mithilfe der GPS-Navigation finden, und er ist "self-supported ", alles muss selbst mitgenommen werden. Diese Unternehmung hat ein toughes Zeitlimit: Maximal sechs Tage und Nächte durften wir brauchen! Ich wusste, dass ein Höllenritt bevorstand und ahnte nicht, wie schlimm es wirklich werden sollte.

Viel Stress hatte ich als junger Manager in einer der weltweit größten Wirtschaftsprüfungskanzleien. 60-Stunden-Wochen, mehrere Projekte gleichzeitig und Wochenendarbeit. Viele kamen an ihr Limit, einige überschritten es. Als ich wieder einmal knapp davor war, teilte ich mein Befinden einem jüngeren Kollegen mit, der später die Branche wechselte und als Mönch in einem Kloster sein Glück fand. Nachdem ich ihm ausführlich mein Leid und meine Bedenken schilderte - er war ein sehr guter Zuhörer -, sagte er zu mir: "Christoph, du wirst nie einen Burnout bekommen. Du bist ein Läufer!"

Der Startschuss! Bevor es losging, war ich schon müde. Zu mühsam war die Anreise an diesen entlegenen Ort. Ich lief los. Die ganze Nacht hindurch ohne Schlaf. Es war kalt und am nächsten Tag sehr heiß. Die Temperaturen in der Wüste Gobi schwanken von minus 10° in der Nacht bis über 40° Celsius am Tag. Ich schleppte mich von Checkpoint zu Checkpoint. Ich bereitete mich auf eine schwierige zweite Nacht vor, irrte mutterseelenallein durch die Dunkelheit. Über 24 Stunden Schlafentzug hinterließen Spuren. Erste Halluzinationen traten auf. Probleme mit der Navigation kamen hinzu. Die Frage der Sinnhaftigkeit dieses Kurzurlaubs stellte ich mir immer öfter. Gegen vier Uhr früh wurde es bitterkalt. Die Temperaturschwankungen setzten meinem Körper zu. Die Gobi stellte mich auf die Probe. Ich fühlte mich verloren.

"Warum machen Sie so etwas? Das ist doch nicht gesund! Sie sind verrückt!" Diese Erkenntnis stoppte beinahe meine berufliche Karriere. Ich stand kurz davor, Partner zu werden und machte einen schwerwiegenden Fehler beim ersten Interview mit einer für diesen Schritt sehr wichtigen Persönlichkeit im Rahmen des Auswahlprozesses.

Ich zückte die "Ultralauf-Karte", präsentierte ihm stolz, was ich so in meiner Freizeit treibe und überreichte ihm für seinen Heimflug meinen Laufbericht über meine Teilnahme am Jungle Marathon in Brasilien. Da ging es 270 Kilometer durch den Amazonas! Wir liefen über Dschungeltrails, überquerten reißende Flüsse und schwammen in Sümpfen mit Anakondas und Piranhas. Unsere Hängematten schützten uns in der Nacht vor Skorpionen, Spinnen und Ameisen. Mein Business Case hat mich gerettet! Sonst hätte er mich von seiner Longlist für die Partnerkandidaten gestrichen. Es gab sowieso viel zu viele Bewerber.

Der Morgen brachte neue Hoffnung. Ich beschloss, es noch einmal zu versuchen. Der Tag wurde sehr heiß. Unterwegs stieß ich auf eine Läufergruppe, der ich mich anschloss, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich wollte es wieder allein versuchen und verirrte mich in einem Canyon. Zum Glück holte mich die Gruppe wieder ein. Gemeinsam fanden wir nach Stunden des Suchens den richtigen Weg. Um besser durch die Nacht zu kommen, bildeten wir eine Vierergruppe. Ein Franzose, eine Chinesin und ein Chinese sollten mich nun begleiten. Keine einfachen Charaktere. Da passte ich gut dazu ;-).

Wir entkamen der Dunkelheit. Die Müdigkeit blieb. Ständig fielen mir die Augen zu. Ich stellte mir die Frage, wie lange ich mein System noch aufrechterhalten konnte. Wir waren nun auf einer Hochebene und stießen auf die ersten Kamele. Um die Mittagszeit entschieden der Franzose und ich die Gruppe zu verlassen und es zu zweit zu versuchen, was zu Beginn ganz gut klappte. Später war ich wieder allein unterwegs. Ich hatte nun große Blasen an den Füßen, versuchte, den Schmerz auszublenden. Es gelang mir nicht. Die Hitze wurde unerträglich, und viele Uphills kosteten Kraft. Ich wusste, dass nun der schwierige Teil des Wettkampfes begann.

In der letzten entscheidenden Panel-Discussion in Frankfurt im Rahmen meines Partnerpromotion-Prozesses habe ich mir als "lessons learned" fix vorgenommen, nichts von meinen Laufabenteuern zu erwähnen. Das war mir zu riskant. Die Diskussion war fast zu Ende, als mich die HR-Partnerin plötzlich fragte, was ich denn so in der Freizeit mache. Ich brachte Lesen, Schwimmen und Skifahren ins Spiel. Das war ihr nicht genug. Sie fragte, ob ich laufe. "Ja", erwiderte ich knapp. Sie bohrte nach und erkundigte sich, ob ich Marathons laufe. "Hin und wieder", antwortete ich ihr. Was wollte sie nur bloß? Wo führte das hin? Eine Falle? "Jetzt kommen sie schon! Erzählen sie der hier anwesenden Jury, was sie unter Laufen verstehen!" Ich hörte in mich hinein, schaute in die Runde und startete meine Präsentation.

Es war ein großer Erfolg! Ein Anwesender sagte: "Das war jetzt wirklich beeindruckend!" Ich fragte schüchtern, ob er hoffentlich meinen Business Case meinte. "Ja, den auch, aber den hat ja jeder. Ihre Laufabenteuer! Die sind ja großartig!" Am 1. Juli 2016 wurde ich in die Partnerschaft aufgenommen.

Die darauffolgende Nacht war bizarr. Ich verlor den Verstand. Mein Zustand war mit einem Vollrausch vergleichbar. Ohne Grund musste ich ständig lachen. Dann wiederum öffnete sich der Boden, er drohte mich zu verschlingen. Halluzinationen, die ich noch nie zuvor erlebt habe. Ich war an der Kippe. Das Notfallprogramm: trinken und essen sowie eine kurze Rast. Ich legte mich für eine Stunde hin. Es war so kalt. Ich fand kaum Ruhe. Doch jede Minute Stillstand brachte neue Energie. Schlafsack packen, ein kleines Frühstück, und weiter ging es! Der schönste Teil der gesamten Strecke lag vor mir.

Es ging in die Berge. Wir waren an der Grenze zu Tibet angelangt. Von weitem konnte ich die tibetische Platte sehen. Im Lichte der Morgensonne war dies ein faszinierender Anblick. Das sind Momente, die man nicht mehr vergisst. Der höchste Punkt der Strecke! Das Ziel ist jedoch noch weit weg. Meine Blasen machten mir große Probleme. Furchtbare Schmerzen quälten mich. Ich konnte kaum noch auftreten.

Es war einer der wichtigsten "Must-wins" in meiner gesamten Karriere. Tag und Nacht haben wir an dem Angebot gearbeitet. Ein Bewerbungsprozess, der über ein Jahr dauerte. Ein Millionenauftrag, der für mein gesamtes Team, das ich vor Jahren aufgebaut habe, essenziell war. Und wir schafften es als Erster ins Ziel! Aber wir feierten unseren Erfolg zu früh. Der Mitbewerber sah das nicht so. Er behauptete, er sei vorne gewesen und focht die Ausschreibung an. Der Auftraggeber musste sie aufgrund formaler Mängel widerrufen, und wir standen wieder am Start. Eine brutale Erkenntnis! Ich dachte an das chinesische Sprichwort, das ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: "Wenn du 100 Meilen läufst, bist du bei 90 erst bei der Hälfte."

Ich erzählte meinem frustrierten Team Geschichten über Durchhaltevermögen, und dass eine gute Ausdauer letztendlich zum Erfolg führt und stellte Analogien zu meinen Laufabenteuern her. Mein Team blieb auf Kurs! Nach einem weiteren Jahr waren wir endgültig im Ziel. Wir haben gewonnen, und niemand konnte uns diesen Sieg mehr nehmen!

Eine Stunde und zehn Minuten - das war die geplante Schlafzeit für diese Nacht. Wir waren wieder zu viert unterwegs. Die Stimmung war schlecht. Es war eine reine Zweckgemeinschaft. Ein brutaler Streckenabschnitt folgte. Mitten in der Nacht mussten wir riesige Sanddünen überqueren. Die Navigation war schwierig, weil die GPS-Daten nur Wegpunkte zeigten - keine Strecke. Es war nahezu unmöglich, den Weg zwischen den Dünen hindurch zu finden. Zum Teil waren sie so hoch und steil, dass man sie nicht überschreiten konnte. Über sieben Stunden brauchten wir für diesen Abschnitt. Der Franzose verletzte sich, sodass er anfangs nur noch humpeln konnte. Ich fiel etwas zurück, da ich meine Kleidung wechseln wollte. Ein Fehler. Ich war allein, und das Licht meiner Stirnlampe ging aus. Es war stockdunkel, und ich konnte meine zweite Lampe nicht finden. Ich schrie so laut ich konnte. Der Franzose hörte mich und kam zurück. Was für ein Glück! Am Ende dieses Abschnittes wurden wir von einer einheimischen Frau, die uns Köstlichkeiten präsentierte, belohnt. Sie war ein Engel.

Wie langweilig sind doch die Smalltalks im Rahmen der geschäftlichen Abendveranstaltungen. Es geht oft nur um Oberflächliches und um Business. Man sieht es den Gesprächsteilnehmer/-innen oft an, dass sie schon lieber zu Hause sein würden. So auch auf einem Event, an dem ich vor kurzem teilnehmen durfte. Doch dann erzählte plötzlich ein Tischteilnehmer von seiner Leidenschaft. Er war Hobby-Höhlenforscher und gab seine Erlebnisse zum Besten. Die Aufmerksamkeit und Spannung der Zuhörer/innen am Tisch stieg merklich an. Ich durfte im Anschluss über meine Laufabenteuer berichten und viele Fragen folgten. Es wurde noch ein sehr interessanter Abend. Es sind die Abenteuer und ihre Geschichten, die die Menschen seit jeher interessiert haben. Es sind die Grenzgänger, die neue Maßstäbe gesetzt haben und denen man so gern zuhört.

Nur noch knapp 60 Kilometer. Aber die sollten noch sehr schwer werden. Am Checkpoint bei Kilometer 346 war ich kurz vor einem Kollaps. Weinkrämpfe plagten mich. Ich konnte mich nicht beruhigen. Es war sehr heiß und ich war sehr müde.

"Du hast beruflich so viel zu tun! Wann trainierst du?" Ein Beispiel gefällig? Ich stehe um 4 Uhr auf, mache meine Sonnengrüße, renne drei Stunden durch den Wienerwald, überquere schwimmend die Donau, stelle mich im Büro unter die Dusche und schlüpfe in meinen Anzug hinein. Es ist 8:30 Uhr, das erste Meeting, Start of Business! 20 Uhr, End of Business und raus in die Nacht! Selbstverständlich laufend nach Hause ;-).

Was sich in dieser letzten Nacht abspielte, ist schwer in Worten zu fassen. Der Untergrund - ein Albtraum. Messerscharfe Salzkrusten durchbohrten meine Schuhe und drückten auf meine Blasen. Und dann verloren wir den Weg. Die GPS-Daten lieferten keine brauchbare Information. Unsere Gruppe spaltete sich. Ich ging mit dem Franzosen zusammen los. Stundenlang irrten wir umher. Er hatte große Probleme mit seinem verletzten Fuß. Es wurde brutal kalt. Plötzlich bäumten sich riesige Dünen vor uns auf. Unmöglich sie zu überschreiten, unmöglich an ihnen vorbeizugehen. Was sollten wir tun? Ich suchte mein Satellitentelefon. Wenn wir hier nicht weiterkämen, konnte es sehr schnell sehr gefährlich werden. Als jede Hoffnung schon verloren war, fanden wir den "Ausgang" und den Checkpoint. Unglaubliches Glück! Nach einer Stunde Schlaf brachen der Franzose und ich auf. Es war Zeit, unser Werk zu vollenden.

"Du wirst bis zum Ende der Woche keinen Schritt mehr laufen! Versprochen?", fragte mein Yogalehrer. Ich befand mich gerade auf Yoga-Retreat. Ich willigte ein. Schon lange war ich eine ganze Woche lang nicht mehr gelaufen. Gar nicht so einfach, aber auch gar nicht so schwer. Es gelang mir. Yoga gefällt mir sehr gut. Ein guter Ausgleich, vielleicht auch ein möglicher Plan B. Noch jedoch brennt mein Feuer für kommende Laufabenteuer. Mein Kopf ist voll von spannenden Herausforderungen in den entlegensten Regionen unseres Planeten. Es liegt noch so viel vor mir.

Nach 130 Stunden war ich dort - im Ziel! In Summe habe ich knapp sechs Stunden geschlafen. Den Mangel an Nachtruhe holte ich im Anschluss nach: 20 Stunden nonstop!

Im Interview: Christoph Harreither über Mut und Risiko

Kamele in der Wüste Gobi: Auch als Extremläufer geht man in diesem Gelände an seine Grenzen

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Foto: NICOLAS ASFOURI/ AFP

Du hattest Halluzinationen. Reduziert sich da die Risikowahrnehmung?

Sie reduziert sich mitunter, ist aber nicht weg, und man hat trotzdem noch die Kontrolle. Das muss man erkennen, und das geht nur, indem man in den Körper und Kopf reinhört. Wenn man das Gefühl bekommt, das wirkt real, dann wird es gefährlich.

Wieviel Mut und Risiko sind im Business nötig?

Auch im Business muss man ein Risiko nehmen, denn nur dort sind die größten Wachstumschancen. In alten Bereichen ist der Verdrängungswettbewerb viel zu groß. Da gibt es viel zu viele Player. Man muss immer wieder rein in neue Bereiche, etwas Neues ausprobieren. Da ist man auch im Limit-Bereich unterwegs. Das birgt natürlich das Risiko, dass ich zunächst viel investiere. Aber wenn ich es nicht versuche, führt das auch nicht zu Wachstum. Das Risiko muss ich eingehen, es muss nur kalkulierbar sein.

Wie wird man erfolgreich?

Mit wirklich harter Arbeit, großem Einsatz und mit viel Verzicht. Am Ende sind die erfolgreich, die wirklich viel dafür tun. Gleichzeitig muss man aber darauf achten, dass man nicht untergeht oder sich verletzt. Und das hat viel mit Körper- und Bauchgefühl zu tun. Man sollte immer Risiko und Nutzen abwägen. Und das wiederum basiert auf Erfahrung. Zum einen darf man nicht alles zu 100 Prozent machen wollen. Man braucht auch Mut zur Lücke. Zum anderen muss man Ausgleich schaffen, und das nicht nur am Wochenende. Dafür muss man sich die Zeit nehmen, zum Beispiel eine Stunde früher aufstehen, um morgens laufen zu gehen. Das ist ein Kraftakt und kostet zu Beginn Energie. Der Ausgleich muss während der ganzen Woche stattfinden. Es ist ein On-going-Prozess.

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