Dienstag, 12. November 2019

Von Extremsportlern für den Job lernen Wie man Willenskraft am besten trainiert

3. Teil: Manager und Ultraläufer Christoph Harreither über Must-Wins und Halluzinationen

Unwirtliches Gelände: Die Wüste Gobi ist alles andere als klassisches Laufstrecken-Terrain

Mit starken Kniebeschwerden suchte ich vor 15 Jahren meinen Orthopäden auf. Ich stand kurz vor meinem ersten Marathon und teilte ihm mein Vorhaben mit. Er erwiderte forsch: "Sie haben keine ideale Beinstellung. Sie werden nie in ihrem Leben einen Marathon laufen können. Vergessen Sie dieses Vorhaben! Es wird ihre Gesundheit nachhaltig zerstören!" Kurz danach stand ich draußen auf der Straße und weinte bitterlich.

September 2017: Es ist fünf Minuten vor Mitternacht. Ich befand mich in Nordchina an der Grenze zur Mongolei in der Wüste Gobi. In wenigen Minuten sollte es losgehen. Dieser Extremlauf geht über 400 Kilometer nonstop durch eine der unwirtlichsten Regionen der Welt. Es gibt keine Markierungen, was bedeutet, wir mussten den Weg mithilfe der GPS-Navigation finden, und er ist "self-supported ", alles muss selbst mitgenommen werden. Diese Unternehmung hat ein toughes Zeitlimit: Maximal sechs Tage und Nächte durften wir brauchen! Ich wusste, dass ein Höllenritt bevorstand und ahnte nicht, wie schlimm es wirklich werden sollte.

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Viel Stress hatte ich als junger Manager in einer der weltweit größten Wirtschaftsprüfungskanzleien. 60-Stunden-Wochen, mehrere Projekte gleichzeitig und Wochenendarbeit. Viele kamen an ihr Limit, einige überschritten es. Als ich wieder einmal knapp davor war, teilte ich mein Befinden einem jüngeren Kollegen mit, der später die Branche wechselte und als Mönch in einem Kloster sein Glück fand. Nachdem ich ihm ausführlich mein Leid und meine Bedenken schilderte - er war ein sehr guter Zuhörer -, sagte er zu mir: "Christoph, du wirst nie einen Burnout bekommen. Du bist ein Läufer!"

Der Startschuss! Bevor es losging, war ich schon müde. Zu mühsam war die Anreise an diesen entlegenen Ort. Ich lief los. Die ganze Nacht hindurch ohne Schlaf. Es war kalt und am nächsten Tag sehr heiß. Die Temperaturen in der Wüste Gobi schwanken von minus 10° in der Nacht bis über 40° Celsius am Tag. Ich schleppte mich von Checkpoint zu Checkpoint. Ich bereitete mich auf eine schwierige zweite Nacht vor, irrte mutterseelenallein durch die Dunkelheit. Über 24 Stunden Schlafentzug hinterließen Spuren. Erste Halluzinationen traten auf. Probleme mit der Navigation kamen hinzu. Die Frage der Sinnhaftigkeit dieses Kurzurlaubs stellte ich mir immer öfter. Gegen vier Uhr früh wurde es bitterkalt. Die Temperaturschwankungen setzten meinem Körper zu. Die Gobi stellte mich auf die Probe. Ich fühlte mich verloren.

"Warum machen Sie so etwas? Das ist doch nicht gesund! Sie sind verrückt!" Diese Erkenntnis stoppte beinahe meine berufliche Karriere. Ich stand kurz davor, Partner zu werden und machte einen schwerwiegenden Fehler beim ersten Interview mit einer für diesen Schritt sehr wichtigen Persönlichkeit im Rahmen des Auswahlprozesses.

Ich zückte die "Ultralauf-Karte", präsentierte ihm stolz, was ich so in meiner Freizeit treibe und überreichte ihm für seinen Heimflug meinen Laufbericht über meine Teilnahme am Jungle Marathon in Brasilien. Da ging es 270 Kilometer durch den Amazonas! Wir liefen über Dschungeltrails, überquerten reißende Flüsse und schwammen in Sümpfen mit Anakondas und Piranhas. Unsere Hängematten schützten uns in der Nacht vor Skorpionen, Spinnen und Ameisen. Mein Business Case hat mich gerettet! Sonst hätte er mich von seiner Longlist für die Partnerkandidaten gestrichen. Es gab sowieso viel zu viele Bewerber.

Der Morgen brachte neue Hoffnung. Ich beschloss, es noch einmal zu versuchen. Der Tag wurde sehr heiß. Unterwegs stieß ich auf eine Läufergruppe, der ich mich anschloss, um auf andere Gedanken zu kommen. Ich wollte es wieder allein versuchen und verirrte mich in einem Canyon. Zum Glück holte mich die Gruppe wieder ein. Gemeinsam fanden wir nach Stunden des Suchens den richtigen Weg. Um besser durch die Nacht zu kommen, bildeten wir eine Vierergruppe. Ein Franzose, eine Chinesin und ein Chinese sollten mich nun begleiten. Keine einfachen Charaktere. Da passte ich gut dazu ;-).

Wir entkamen der Dunkelheit. Die Müdigkeit blieb. Ständig fielen mir die Augen zu. Ich stellte mir die Frage, wie lange ich mein System noch aufrechterhalten konnte. Wir waren nun auf einer Hochebene und stießen auf die ersten Kamele. Um die Mittagszeit entschieden der Franzose und ich die Gruppe zu verlassen und es zu zweit zu versuchen, was zu Beginn ganz gut klappte. Später war ich wieder allein unterwegs. Ich hatte nun große Blasen an den Füßen, versuchte, den Schmerz auszublenden. Es gelang mir nicht. Die Hitze wurde unerträglich, und viele Uphills kosteten Kraft. Ich wusste, dass nun der schwierige Teil des Wettkampfes begann.

In der letzten entscheidenden Panel-Discussion in Frankfurt im Rahmen meines Partnerpromotion-Prozesses habe ich mir als "lessons learned" fix vorgenommen, nichts von meinen Laufabenteuern zu erwähnen. Das war mir zu riskant. Die Diskussion war fast zu Ende, als mich die HR-Partnerin plötzlich fragte, was ich denn so in der Freizeit mache. Ich brachte Lesen, Schwimmen und Skifahren ins Spiel. Das war ihr nicht genug. Sie fragte, ob ich laufe. "Ja", erwiderte ich knapp. Sie bohrte nach und erkundigte sich, ob ich Marathons laufe. "Hin und wieder", antwortete ich ihr. Was wollte sie nur bloß? Wo führte das hin? Eine Falle? "Jetzt kommen sie schon! Erzählen sie der hier anwesenden Jury, was sie unter Laufen verstehen!" Ich hörte in mich hinein, schaute in die Runde und startete meine Präsentation.

Es war ein großer Erfolg! Ein Anwesender sagte: "Das war jetzt wirklich beeindruckend!" Ich fragte schüchtern, ob er hoffentlich meinen Business Case meinte. "Ja, den auch, aber den hat ja jeder. Ihre Laufabenteuer! Die sind ja großartig!" Am 1. Juli 2016 wurde ich in die Partnerschaft aufgenommen.

Die darauffolgende Nacht war bizarr. Ich verlor den Verstand. Mein Zustand war mit einem Vollrausch vergleichbar. Ohne Grund musste ich ständig lachen. Dann wiederum öffnete sich der Boden, er drohte mich zu verschlingen. Halluzinationen, die ich noch nie zuvor erlebt habe. Ich war an der Kippe. Das Notfallprogramm: trinken und essen sowie eine kurze Rast. Ich legte mich für eine Stunde hin. Es war so kalt. Ich fand kaum Ruhe. Doch jede Minute Stillstand brachte neue Energie. Schlafsack packen, ein kleines Frühstück, und weiter ging es! Der schönste Teil der gesamten Strecke lag vor mir.

Es ging in die Berge. Wir waren an der Grenze zu Tibet angelangt. Von weitem konnte ich die tibetische Platte sehen. Im Lichte der Morgensonne war dies ein faszinierender Anblick. Das sind Momente, die man nicht mehr vergisst. Der höchste Punkt der Strecke! Das Ziel ist jedoch noch weit weg. Meine Blasen machten mir große Probleme. Furchtbare Schmerzen quälten mich. Ich konnte kaum noch auftreten.

Es war einer der wichtigsten "Must-wins" in meiner gesamten Karriere. Tag und Nacht haben wir an dem Angebot gearbeitet. Ein Bewerbungsprozess, der über ein Jahr dauerte. Ein Millionenauftrag, der für mein gesamtes Team, das ich vor Jahren aufgebaut habe, essenziell war. Und wir schafften es als Erster ins Ziel! Aber wir feierten unseren Erfolg zu früh. Der Mitbewerber sah das nicht so. Er behauptete, er sei vorne gewesen und focht die Ausschreibung an. Der Auftraggeber musste sie aufgrund formaler Mängel widerrufen, und wir standen wieder am Start. Eine brutale Erkenntnis! Ich dachte an das chinesische Sprichwort, das ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann: "Wenn du 100 Meilen läufst, bist du bei 90 erst bei der Hälfte."

Ich erzählte meinem frustrierten Team Geschichten über Durchhaltevermögen, und dass eine gute Ausdauer letztendlich zum Erfolg führt und stellte Analogien zu meinen Laufabenteuern her. Mein Team blieb auf Kurs! Nach einem weiteren Jahr waren wir endgültig im Ziel. Wir haben gewonnen, und niemand konnte uns diesen Sieg mehr nehmen!

Eine Stunde und zehn Minuten - das war die geplante Schlafzeit für diese Nacht. Wir waren wieder zu viert unterwegs. Die Stimmung war schlecht. Es war eine reine Zweckgemeinschaft. Ein brutaler Streckenabschnitt folgte. Mitten in der Nacht mussten wir riesige Sanddünen überqueren. Die Navigation war schwierig, weil die GPS-Daten nur Wegpunkte zeigten - keine Strecke. Es war nahezu unmöglich, den Weg zwischen den Dünen hindurch zu finden. Zum Teil waren sie so hoch und steil, dass man sie nicht überschreiten konnte. Über sieben Stunden brauchten wir für diesen Abschnitt. Der Franzose verletzte sich, sodass er anfangs nur noch humpeln konnte. Ich fiel etwas zurück, da ich meine Kleidung wechseln wollte. Ein Fehler. Ich war allein, und das Licht meiner Stirnlampe ging aus. Es war stockdunkel, und ich konnte meine zweite Lampe nicht finden. Ich schrie so laut ich konnte. Der Franzose hörte mich und kam zurück. Was für ein Glück! Am Ende dieses Abschnittes wurden wir von einer einheimischen Frau, die uns Köstlichkeiten präsentierte, belohnt. Sie war ein Engel.

Wie langweilig sind doch die Smalltalks im Rahmen der geschäftlichen Abendveranstaltungen. Es geht oft nur um Oberflächliches und um Business. Man sieht es den Gesprächsteilnehmer/-innen oft an, dass sie schon lieber zu Hause sein würden. So auch auf einem Event, an dem ich vor kurzem teilnehmen durfte. Doch dann erzählte plötzlich ein Tischteilnehmer von seiner Leidenschaft. Er war Hobby-Höhlenforscher und gab seine Erlebnisse zum Besten. Die Aufmerksamkeit und Spannung der Zuhörer/innen am Tisch stieg merklich an. Ich durfte im Anschluss über meine Laufabenteuer berichten und viele Fragen folgten. Es wurde noch ein sehr interessanter Abend. Es sind die Abenteuer und ihre Geschichten, die die Menschen seit jeher interessiert haben. Es sind die Grenzgänger, die neue Maßstäbe gesetzt haben und denen man so gern zuhört.

Nur noch knapp 60 Kilometer. Aber die sollten noch sehr schwer werden. Am Checkpoint bei Kilometer 346 war ich kurz vor einem Kollaps. Weinkrämpfe plagten mich. Ich konnte mich nicht beruhigen. Es war sehr heiß und ich war sehr müde.

"Du hast beruflich so viel zu tun! Wann trainierst du?" Ein Beispiel gefällig? Ich stehe um 4 Uhr auf, mache meine Sonnengrüße, renne drei Stunden durch den Wienerwald, überquere schwimmend die Donau, stelle mich im Büro unter die Dusche und schlüpfe in meinen Anzug hinein. Es ist 8:30 Uhr, das erste Meeting, Start of Business! 20 Uhr, End of Business und raus in die Nacht! Selbstverständlich laufend nach Hause ;-).

Was sich in dieser letzten Nacht abspielte, ist schwer in Worten zu fassen. Der Untergrund - ein Albtraum. Messerscharfe Salzkrusten durchbohrten meine Schuhe und drückten auf meine Blasen. Und dann verloren wir den Weg. Die GPS-Daten lieferten keine brauchbare Information. Unsere Gruppe spaltete sich. Ich ging mit dem Franzosen zusammen los. Stundenlang irrten wir umher. Er hatte große Probleme mit seinem verletzten Fuß. Es wurde brutal kalt. Plötzlich bäumten sich riesige Dünen vor uns auf. Unmöglich sie zu überschreiten, unmöglich an ihnen vorbeizugehen. Was sollten wir tun? Ich suchte mein Satellitentelefon. Wenn wir hier nicht weiterkämen, konnte es sehr schnell sehr gefährlich werden. Als jede Hoffnung schon verloren war, fanden wir den "Ausgang" und den Checkpoint. Unglaubliches Glück! Nach einer Stunde Schlaf brachen der Franzose und ich auf. Es war Zeit, unser Werk zu vollenden.

"Du wirst bis zum Ende der Woche keinen Schritt mehr laufen! Versprochen?", fragte mein Yogalehrer. Ich befand mich gerade auf Yoga-Retreat. Ich willigte ein. Schon lange war ich eine ganze Woche lang nicht mehr gelaufen. Gar nicht so einfach, aber auch gar nicht so schwer. Es gelang mir. Yoga gefällt mir sehr gut. Ein guter Ausgleich, vielleicht auch ein möglicher Plan B. Noch jedoch brennt mein Feuer für kommende Laufabenteuer. Mein Kopf ist voll von spannenden Herausforderungen in den entlegensten Regionen unseres Planeten. Es liegt noch so viel vor mir.

Nach 130 Stunden war ich dort - im Ziel! In Summe habe ich knapp sechs Stunden geschlafen. Den Mangel an Nachtruhe holte ich im Anschluss nach: 20 Stunden nonstop!

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