Mittwoch, 20. November 2019

Von Extremsportlern für den Job lernen Wie man Willenskraft am besten trainiert

2. Teil: Im Interview: Sandra Ringwald, mehrfache deutsche Meisterin im Skilanglauf

Skilangläuferin Sandra Ringwald: Beim Sprint kommt es auf Kleinigkeiten an

Frage: Magst du etwas über deinen Sport und deinen Werdegang erzählen?

Sandra Ringwald: Beim Skilanglaufen gibt es verschiedene Disziplinen: Distanzläufe von 5, 10, 15 und 30 und die Sprintdistanzen mit maximal 1,4 Kilometern. Zunächst war ich auf verschiedenen Distanzen unterwegs. Ich habe aber gemerkt, dass ich bei Sprints schon eher mal einen rausknallen kann, weshalb ich mich darauf fokussiert habe. 2013 habe ich mich durch eine Silbermedaille bei der U23-WM ins Team gearbeitet. 2014 wollte ich mich für Olympia qualifizieren. Das habe ich aber ganz knapp verpasst, was wie ein Schlag ins Gesicht war. Aber anhand meiner Entwicklung in den letzten drei Jahren konnte ich sehen, dass ich keinen Rückschritt gemacht, sondern mich kontinuierlich verbessert habe. Dadurch konnte ich mich wieder motivieren. Und Spaß daran habe ich ja sowieso. Beim Weltcup 2016 stand ich mit HannaKolb beim Teamsprint das erste Mal auf dem Podium. Neben den WMs in Falun und Lathi ging es dann 2018 zu Olympia. Da ich die Erwartungen nicht erfüllen konnte, hatte ich Olympia zunächst als Misserfolg gesehen. Klar, das war schmerzhaft, aber man muss auch abhaken können. Erst im Nachhinein habe ich mich aber besonnen und es für mich als Erfolg betrachtet, weil ich mir vier Jahre zuvor die Olympiateilnahme zum Ziel gesetzt hatte. An Olympia teilnehmen zu können und da am Start zu sein, war mein ganz großes Ziel - und das hatte ich erreicht.

Wie kann man sich das Leben im Olympischen Dorf eigentlich vorstellen?

Das Olympische Dorf in Pyeongchang war wie abgebunkert. Es wurden sehr viele Sicherheitsvorkehrungen getroffen, es war komplett verriegelt. Man kommt da ohne seine Akkreditierung nicht rein, nicht raus. Alles wurde wie am Flughafen durchgecheckt. Dann ist man in einem Dorf mit vielen Hochhäusern, an denen Fahnen hängen, sodass man sieht, welche Nation welches Haus bezieht. Man muss viel herumlaufen. Es ist immer ein reges Hin und Her mit Training, Essen, rein, raus, hoch, runter in die Dining-Hall, mit dem Shuttle-Bus raus ins Stadion zum Trainieren und wieder rein, aber auch ein harmonisches Miteinander mit den anderen Sportlern und anderen Sportarten. Es ist multikulti. Eine coole Stimmung. Zu Beginn mussten wir uns vor allem an die Zeitumstellung gewöhnen und einen guten Schlaf- und Trainingsrhythmus finden.

Hast du ein Beispiel für eine schwierige Situation im Wettkampf?

Beim Sprint kommt es auf Kleinigkeiten an. Eine falsche Kurve kann bereits wertvolle Zeit kosten. Da muss man auch taktisch vorgehen, um sich durchzusetzen. Man muss innerhalb einer Sekunde entscheiden, ob man jetzt rechts, links raus oder durch die Mitte fährt. Das ist ein Bauchgefühl. Da kann ich gar nicht viel darüber nachdenken.

Hast du ein Beispiel für eine Niederlage und wie das für dich war?

2017 war die WM in Lahti, Finnland. Da hatte ich eine richtige Niederlage, weil ich die zwei Wochen vor der WM wirklich on top meiner Leistungsfähigkeit war. Das war quasi zwei Wochen zu früh. Da war ich in einem Trainingslager, wo ich zu motiviert war, weil es mir richtig gut ging. Meist merkt man erst später, dass es im Trainingslager dann doch zu viel war. Klar, es ist mein Beruf, und es ist wichtig. Es hängen auch so viele Emotionen dran. Wenn man sich vor Augen führt, dass es im Endeffekt nur Sport ist und es auch noch ein Leben drumherum und auch danach gibt, dann wächst man so an seinen Aufgaben oder Niederlagen.

Was hast du daraus gelernt?

Dass ich noch mehr in meinen Körper hineinhören und mehr Ratschläge annehmen, dass ich mehr runterfahren soll. In meinen letzten Sportlerjahren habe ich gemerkt, dass ich schon viel besser geworden bin, darauf zu achten, was der Körper signalisiert. Wenn der Ofen aus ist, dann nehme ich mir Zeit für mich.

Und wie wichtig ist der Kopf für den Erfolg?

Schon sehr. Wenn man nicht an sich glaubt, nicht genug Selbstbewusstsein hat, nicht optimal fokussiert durchzieht, dann kommt man nicht voran. Da hängt viel vom Kopf ab. Und gleichzeitig merke ich manchmal, heute hat es wirklich gar keinen Sinn. Dann ist es vielleicht auch besser, wenn man es lässt und am nächsten Tag wieder anfängt. Da höre ich dann auf den Bauch, wenn der Körper Ruhe braucht.

Warum ist Grenzerfahrung wertvoll?

Wenn man noch nie an seine Grenze gekommen ist, dann kann man diese Emotionen gar nicht fühlen. Diese Berg- und Talfahrt, die ist im Leben einfach normal. Natürlich kann man auch fallen, wenn man oben ist. Man kann diese Emotionen wahrscheinlich gar nicht erfassen, wenn man nie an der Grenze angelangt ist.

Wann weißt du, ob du an eine Grenze angelangt bist, die du besser nicht mehr überschreitest?

Wenn ich merke, dass es für mich nicht mehr gesund ist. Manchmal kommt man im Wettkampf oder Training derart an seine körperlichen Grenzen, dass man sich fragt, wieso man das eigentlich jeden Tag macht? Um weiter zu kommen, überschreitet man im Training oft Grenzen. Mit etwa 16 Jahren hatte ich mal ein Erlebnis, wo es im Wettkampf zuviel für mich war. Ich hatte mich so geschunden, dass ich bewusstlos umgefallen bin. Seitdem kann ich nicht mehr an diese bestimmte Grenze gehen, weil da ein Schutzmechanismus einsetzt und es dann zu viel ist. Es gibt aber Sportler, die können ihre Grenzen jedes Mal so überschreiten, dass sie in die Bewusstlosigkeit fallen.

Wie können wir Leistung steigern, ohne uns dabei kaputt zu machen?

Man will in seiner Sparte der Beste sein und möchte es oft vielen recht machen. Der Anspruch ist hoch, bei vielen Dingen alles zu geben. Und es sind dann meist zu viele Grenzen, die man überschreitet, wenn man alles auf einmal macht. Wichtig dabei ist, dass man sich auf wenige Sachen fokussiert, die einem wichtig sind im Leben. Das überrollt einen sonst. Also ein klarer Fokus, nicht zu viel auf einmal. Nicht alles zu gut oder perfekt machen wollen.

"Wenn du willst, kannst du alles erreichen" - stimmt das überhaupt?

Das ist eine komplett falsche Aussage. Du willst zwar der Beste sein, aber du kannst eben nicht immer alles erreichen, nur weil du es willst. Man gibt deswegen auch 120 Prozent und steckt alles rein. Aber manchmal ist nicht alles möglich. Der Mensch will immer alles haben und machen, aber es ist nicht möglich, dass jeder immer alles erreichen kann, was er möchte.

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