Feierabend! Mythen der Arbeitswelt "Ohne mich läuft nichts" - die Wichtigkeits-Lüge im Büro

Als ich noch Angestellter war, brach ich einmal in einen Urlaub auf. Mein Chef fragte, wie man mich erreichen könne. "Gar nicht", antwortete ich. Das stimmte, denn ich war auf dem Weg zu einem der raren Landstriche, die der modernen Kommunikation noch trotzen.

Der Chef schaute griesgrämig. "Na ja", knurrte er, "die Welt wird nicht untergehen."

"Da wäre ich nicht sicher", entgegnete ich. "Die Welt kann jederzeit untergehen. Aber wenn ich der Einzige bin, der sie retten kann, sollten wir noch einmal über mein Gehalt sprechen."

Dieser Kurzdialog entlarvt eine weitere Lebenslüge des Arbeitslebens. Jedem ruft es zu: "Auf dich kommt es an, du machst den Unterschied! Ohne dich liefe nichts." Das bedient ein tiefes menschliches Bedürfnis: bedeutend zu sein. Es ist uns allen eingepflanzt - besonders denjenigen, die betonen, gern im Hintergrund zu stehen.

Nicht auf dich kommt es an, sondern auf deine Arbeit

Weil uns die Parolen der Arbeitswelt schmeicheln, hinterfragen wir sie nicht. So sind viele Menschen davon überzeugt, dass ihre Organisation für das Weltgeschehen eine existenzielle Bedeutung hat - und sie wiederum innerhalb der Organisation. Aus dem Bett wie aus dem Urlaub schicken sie E-Mails im Glauben, der Planet würde ohne sie verpuffen. Doch es gibt nur wenige Probleme, die am Sonntagmorgen auftauchen und sofortige Aktivität fordern. Die meisten waren am Freitag schon da und/oder können am Montag gelöst werden.

Dabei ist die Botschaft "Auf dich kommt es an" nicht grundsätzlich falsch. Richtig ist dieser Teil: Auf deine Arbeit kommt es an. In vielen Betrieben gerät der Ablauf durcheinander, wenn ein Schreibtischstuhl leer bleibt oder eine Thekenkraft ausfällt. Bei guter Organisation ist jede Tätigkeit ein Rad im Getriebe, ohne das, so klein es sein mag, das Getriebe stottert.

Bloß: Wer diese Arbeit erledigt, ist egal. Jede Tätigkeit ist wichtig. Doch jeder Mensch ist ersetzbar. Auf niemanden kommt es an. Das ist die Wahrheit des Arbeitslebens. Sie trampelt auf unserem Bedürfnis nach Bedeutung herum, doch wird sie deswegen nicht weniger wahr.

Ist es schlimm, wenn wir uns für bedeutender halten, als wir sind? Tun wir das nicht ständig? Ist es nicht unabdingbar für unser Selbstwertgefühl? Bis zu einem gewissen Grad ja. Doch das "Auf dich kommt es an"-Gesäusel im Arbeitsleben birgt zwei Gefahren: Erstens den Schlag ins Gesicht, wenn die alltäglichen Erfahrungen der vorgeblichen Wichtigkeit nicht entsprechen. Zweitens den Hang zur Selbstaufopferung, die beiden Seiten Unheil bringt.

Der Glaube an unsere Unersetzbarkeit stürzt uns ins Unglück

Erstens, die Enttäuschung: Dass jeder Mensch ersetzbar ist, lernen die einen früh und schmerzlich, die anderen spät und schmerzlich. Manche sind ernüchtert, wenn sie im Urlaub zwei Tage keine E-Mails lesen und der Laden trotzdem läuft. Anderen öffnet erst der Ruhestand die Augen, wenn ihre Arbeit von heute auf morgen ein anderer macht und die Welt sich weiterdreht, als wäre nichts gewesen.

Im besonderen Widerspruch zum "Auf dich kommt es an"-Bekenntnis steht die Glorifizierung der Teamarbeit. Das fängt damit an, dass heute jede Organisation ein einziges Team ist, das "fantastische Team", dem auf der Weihnachtsfeier pauschal gedankt wird. Der Einzelne spielt keine Rolle. Es ist gerade nicht gewollt, dass jemand hervorsticht, dass eine einzelne Leistung erkennbar wird, dass ein Einzelner gelobt oder kritisiert wird. Es soll kein Thema sein, dass das Vorstandsmitglied mehr zum Erfolg der Organisation beigetragen hat als der Pförtner - oder umgekehrt.

Zweitens, die Selbstaufopferung: Wer unersetzlich ist, darf seine Organisation nicht im Stich lassen. Dafür geben viele ihr Leben. Manche opfern nur zwei Jahre, doch sind es die beiden Jahre, in denen man sein Kind hätte ins Bett bringen können, bevor es lernte, sich selbst schlafen zu legen. Sich wichtiger zu fühlen, als man ist, führt paradoxerweise nicht selten dazu, dass man sich unter Wert verkauft. Viele treten mit Opfern in Vorleistung - und gehen davon aus, dass der Arbeitgeber in ihrer Schuld steht. Dass er sich eines Tages erkenntlich zeigt, mit mehr Geld, mehr Karriere. Stattdessen kann mancher Arbeitgeber noch nicht einmal alle weiterbeschäftigen.

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Eine solche Enttäuschung macht zynisch, verbittert, krank. Herzinfarkte, Depressionen, Krebsarten sehen Wissenschaftler im Zusammenhang mit enttäuschten Erwartungen im Arbeitsleben. Mancher stellt seine Arbeit still ein und holt sich zurück, was er unentlohnt vorgeleistet hat. Wirtschaftlich wird er für seinen Arbeitgeber zum Fiasko.

Dass wir alle ersetzbar sind, ist leicht einzusehen. Es ist nicht unsere Ersetzbarkeit, die uns ins Unglück stürzt, sondern der Glaube an unsere Unersetzbarkeit. Gehen wir gelassener damit um, dass wir weniger wichtig sind, als uns die Arbeitswelt einredet, dann arbeiten wir besser, entspannter, gesünder. Und verkaufen uns nicht unter Wert.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss". Teil 3 der Serie "Mythen der Arbeitswelt" lesen Sie hier.

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