Montag, 22. April 2019

Feierabend! Mythen der Arbeitswelt Die Lüge von der "Herausforderung" im Job

Angestellter im Büro: Ohne Routine geht gar nichts
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Angestellter im Büro: Ohne Routine geht gar nichts

2. Teil: Nicht Überforderung ist das Problem, sondern Unterforderung

Warum sind viele Jobs trotzdem so stressig? Ganz einfach: Auch mit Routineaufgaben kann man jemanden unter Stress setzen - man muss ihm nur genug davon geben. Stutzt eine Versicherung die Abteilung Schadensregulierung auf halbe Größe zusammen, macht das die Arbeit nicht anspruchsvoller. Aber der Berg auf dem Schreibtisch der Verbliebenen schießt in doppelte Höhe. Das erzeugt Stress und - ja, auch eine Art Herausforderung, eine Überforderung durch die schiere Arbeitsmenge. Ein solches Ausnutzen als die "Herausforderung" zu tarnen, nach der sich alle sehnen, ist dreist.

Für viele Berufstätige allerdings ist nicht Überforderung das Problem, sondern Unterforderung. Darüber wird selten gesprochen. Überfordert zu sein, ist schick, zeugt vermeintlich von Wichtigkeit.

Unterfordert zu sein, ist dagegen ein Makel und zeugt vermeintlich von Bedeutungslosigkeit. Wenn die Routine totgeschwiegen wird, dürfen wir keine Routine zeigen. Um dem Bild der Arbeit zu entsprechen, das wir aufrechterhalten, müssen viele Stress und Herausforderung simulieren. Doch Stress zu simulieren, kann anstrengender sein, als Stress zu haben.

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Warum tun wir uns also nicht alle einen Gefallen? Und gehen ehrlich damit um, dass das Arbeitsleben in erster Linie aus Routine besteht (deswegen sind wir so gut in dem, was wir tun!) - und nur in ganz seltenen Momenten aus der großen Herausforderung und dem irren Abenteuer, wovon alle immer reden. Dann könnten wir in Ruhe weiterarbeiten und bräuchten nicht ständig darüber nachzugrübeln, was mit uns und unserem Job nicht stimmt.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Feierabend! Warum man für seinen Job nicht brennen muss". Teil 2 der Serie "Mythen der Arbeitswelt" lesen Sie am 22. Februar 2017.

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